Märchenzeit
Erzählerin Canziani: «Im Winter zählen Licht und Hoffnung»

Erzählerin Monika Meyer Canziani aus dem Freiamt gräbt für die az in ihrer Wintermärchen-Schatzkiste und erklärt, warum gerade in dieser kalten Jahreszeit die Märchen besonders wichtig sind.

Andrea Weibel
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Die Bremgarter Märchenerzählerin Monika Meyer Canziani erzählt Wintermärchen.

Die Bremgarter Märchenerzählerin Monika Meyer Canziani erzählt Wintermärchen.

Andrea Weibel

Die biblische Weihnachtsgeschichte gehört hier im Freiamt zur Tradition. «Und das ist in Ordnung so, das soll sie auch, denn auch biblische Geschichten haben grosse Kraft und sind sehr schön», sagt Monika Meyer Canziani. «Doch für mich selber hat die Winterzeit eigentlich nichts Christliches. Es geht viel mehr um das Licht, darum, die dunkle Zeit zu erhellen. Es geht um Hoffnung und Zuversicht.» Und genau dies will sie ihren Zuhörerinnen und Zuhörern mit in die kalte Jahreszeit geben.

Die 50-Jährige ist seit 1998 ausgebildete Figurenspieltherapeutin und Märchenerzählerin. Und statt der Weihnachtsgeschichte mit Maria und Josef erzählt sie im Winter gerne von Frau Holle, Schneeweisschen und Rosenrot, Rumpelstilzchen und Schneewittchen. «Die Brüder Grimm haben sehr schöne Märchen, bei denen es um den Winter geht. Doch auch beispielsweise über Zottelhaube aus Norwegen oder das Russische Väterchen Frost findet man wunderbare Geschichten für die kalten Tage», berichtet sie.

Wichtig ist ihr in den Wintermärchen der Bezug zum Schnee, der Kälte, der Dunkelheit. «Diese Märchen sind viel mehr nach innen gerichtet als beispielsweise Dornröschen, das vor Leben sprüht», hält sie fest. «Und das soll im Winter auch so sein, man soll sich wohl fühlen, alles darf ruhig etwas langsamer gehen. Denn es ist die Zeit der Besinnlichkeit, vielleicht der Sehnsucht, des Lichtes und der Ruhe.»

Märchen sind voller Wärme und Hoffnung

Monika Meyer selber mag den Winter gerne. «Es ist schön, wenn im Reussstädtchen der Nebel hängen bleibt und uns dafür einen Raureif schenkt, der uns für den fehlenden Schnee entschädigt», erzählt sie. «Doch ich weiss auch, dass viele Menschen das nicht mögen, sie sich vom Nebel und der Kälte erdrückt fühlen. Gerade für sie können Märchen voller Wärme und Hoffnung wohltuend sein.»

Viele Märchen hätten ein gutes Ende und könnten Lösungen aufzeigen. «Sie symbolisieren oft Urängste des Menschen, die jeder kennt. Beispielsweise Angst oder Verzweiflung, wie wir sie bei der Müllerstochter im Rumpelstilzchen sehen: Sie kann Stroh einfach nicht zu Gold spinnen. Diese Verzweiflung kennen wir alle in irgend einer Form. Das Märchen gibt uns die Hoffnung, dass alles gut wird und irgendwoher Hilfe kommt.»

Für Kinder – aber nicht nur

Auch für Kinder seien Märchen eine grosse Bereicherung, sagt die Figurenspieltherapeutin. «Sie können manchmal in den Märchen Lösungen finden oder auch ihre Probleme durch die Märchen mitteilen, wie sie es in der Realität nicht können. Dann liegt es allerdings an uns, dies richtig zu deuten, was nicht immer leicht ist.» So können Märchen besonders auch in der kalten Jahreszeit für ganz viel Wärme im Herzen sorgen.

«Sie kennen keine Grenzen, weder sprachliche noch religiöse, politische oder moralische. Das ist das Schöne, jeder darf sich aus den Märchen das herausnehmen, was er gerade braucht.» Und auch die Zeit, die man sich für jemanden nehme, um ihr oder ihm ein Märchen zu erzählen, wirke Wunder gegen trüben Gedanken, hält Monika Meyer fest.

Die Schnee-Eule und die Rabenfrau

Als sich einmal eine Schnee-Eule und eine Rabenfrau trafen, nahmen sie sich Zeit für ein Schwätzchen, und natürlich redeten sie auch von ihren Kleidern. Raben trugen seinerzeit noch ein weisses Gefieder, und auch die Schnee-Eulen waren eintönig weiss. Da meinte die Rabenfrau: «Was hältst du davon, wenn ich dein Kleid ein wenig schmücke?» – «Ei, warum nicht? Dann werde ich gewiss noch schöner!», erwiderte die Schnee-Eule. Sogleich begann die Rabenfrau, das Gefieder der Schnee-Eule mit ein paar Russ-Strichen zu versehen. Sie entnahm dazu schwarzes, zum Tätowieren geeignetes Russöl aus einem Qulliq, der steinharten Inuit-Öllampe.

Die Schnee-Eule verhielt sich ganz ruhig und wartete geduldig, bis die Rabenfrau ihr bedeutete, nun sei das Schmuckstück beendet. Und wahrhaftig, als die Schnee-Eule sich in einem nahen Teich spiegelte, hatte sie nun ein Gefieder, wie wir es heute noch sehen können, und war ganz aufgeregt über ihr schönes neues Kleid. «Jetzt aber sollst auch du dich schmücken lassen», sagte sie ganz eifrig zu der Rabenfrau. Die willigte ein. Nun formte die Schnee-Eule ihr zuerst einmal Stiefel aus Walknochen. Die gefielen der Rabenfrau so gut, dass sie mit ihnen gleich überall herumhüpfte.

«Ei, du musst doch stillstehen, damit ich dein Kleid bemalen kann», verlangte die Schnee-Eule. Aber das nützte nichts. Die Rabenfrau trat von einem Fuss auf den anderen und gab einfach keine Ruhe. Da schrie die Schnee-Eule: «Jetzt setze dich doch endlich hin! Ich verschütte sonst doch das ganze Russöl!», aber die Rabenfrau hüpfte immer weiter herum. Schliesslich riss der Schnee-Eule der Geduldsfaden, und sie goss das ganze Russöl über die Herumhüpfende aus. So wurde die Rabenfrau vom Schnabel bis zu den Beinen tiefschwarz und selbst die in den Stiefeln steckenden Füsse wurden russig. Seither tragen Raben schwarzes Gefieder und schreien «rab, rab!».