Wohlen

Erste eigene Firma: «Die Schüler mussten das Risiko selbst abschätzen»

© Nora Güdemann

Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule leiten während der Projektwoche eigene fiktive Firmen. Einige erfolgreich, andere weniger – sicher ist: An fehlendem Engagement scheitern die Jungunternehmer nicht.

«In den Jahren 2013 und 2014 ist unser Marktanteil gesunken, die Lager sind überfüllt. Unser Unternehmen ist am Boden zerstört», resümiert der CEO der Firma Gabbag an der Generalversammlung am Freitag.

Die letzten fünf Geschäftsjahre waren eine Berg- und Talfahrt, die Aktionäre bangen um ihr Geld und um das künftige Überleben der Firma. Auch an kompetenten Mitarbeitern fehlt es dem Unternehmen: «Die natürliche Fluktuation hat uns zugesetzt. Entweder wurden die Arbeiter krank oder sind einfach
gestorben.»

Wirtschaft erleben

Gut, dass die Firma eigentlich gar nicht existiert. Sie ist, zusammen mit drei anderen Unternehmen, Teil der Wirtschaftswoche an der Kantonsschule Wohlen. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums und der Fachmittelschule meldeten sich für die Projektwoche an und erlebten Wirtschaft hautnah. Mit einem computerbasierenden Simulationsprogramm gründeten sie ihre fiktiven Unternehmen, die Taschen fabrizierten, und verteilten zuerst die Rollen der Geschäftsleitung, der Finanz- und Personalmanager.

«Während einer Woche wird den Schülern ein authentischer Einblick in die Wirtschaft gegeben, und sie müssen selber die Verantwortung für ihr Unternehmen tragen», erklärt Erich Mächler, ein von der aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) geschulter Wirtschaftslehrer. «Jeden Tag wird ein Geschäftsjahr simuliert, und an der Generalversammlung am Ende werden die Ergebnisse den Aktionären präsentiert.»

Während acht Stunden Unterricht pro Tag wurde den Schülern in Theorielektionen fachspezifisches Wissen vermittelt, dann mussten sie Entscheidungen für ihre Unternehmen treffen: Weiterbildung von Mitarbeitenden, Umweltschutz, Produktion, Lagerbestände, Einkauf und Verkauf, alles lag in der Hand der Schüler.

«Die Wirtschaft ist zu vergleichen mit einem Piloten», erläutert Mächler, «gibt er am Anfang zu viel Gas, steigt das Flugzeug zwar schnell sehr hoch, fällt aber auch umso tiefer. Die Schüler mussten das Risiko selbst abschätzen.» Laut Mächler mussten einige die Erfahrung eines Absturzes machen, aber letztlich konnten alle Unternehmen das letzte Geschäftsjahr erfolgreich abschliessen. Der Prozess wurde von Fachlehrpersonen und Kadermitgliedern der AIHK begleitet. Die Wirtschaftswochen werden seit Jahrzehnten an Schweizer Kantonsschulen durchgeführt, gegründet wurde das Projekt von der Ernst-Schmidheiny-Stiftung.

Übung für die Zukunft

Die Schüler benutzen Begriffe wie Cashflow, Umsatzwachstum, Dividenden und Börsenkurs, als hätten sie alltäglich mit der Wirtschaft zu tun. Für einige der Schüler ist das auch das Ziel. Vanja Bosnjak besucht die 3. Klasse und will später an der Universität St. Gallen studieren. Sie führte ihr Unternehmen erfolgreich durch die fünf Jahre und sieht sich durch die Projektwoche in ihrem Berufswunsch bestärkt.

Auch Kantischüler Yanic Meier will später mal CEO werden: «Man hört in den Medien immer von CEO und CMO, kann sich darunter aber gar nichts vorstellen. Die Wirtschaftswoche gab mir die Chance, herauszufinden, welche Aufgaben der CEO einer Firma zu bewältigen hat.»

An der Generalversammlung war auch Ursula Cavadini, Buchhalterin und Mitglied der Geschäftsleitung der AIHK, anwesend. Sie schlüpfte in die Rolle einer Aktionärin und stellte den Schülern nach Abschluss ihrer Präsentationen fachspezifische Fragen.

Einige brachte sie damit ins Stottern: «Angst um Ihr Geld müssen Sie nicht haben, obwohl der Geschäftsflow schon ziemlich abgestürzt ist», probierte ein Schüler die Situation zu retten. «Wir kriegen das schon irgendwie hin.» Cavadini war trotzdem überzeugt von den Leistungen der Schüler: «Dafür, dass sie Neulinge in der Branche sind, haben sich alle sehr gut geschlagen», fasst sie zusammen. Zum Abschluss wurde den Schülern ein Zertifikat überreicht, dann entliess man sie in die wohlverdienten Herbstferien.

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