Jahrestag
Erinnerung an den illustersten Aargauer Volkstribun

Am 19. Juni jährt sich der Geburtstag von Heinrich Fischer, Anführer des Freiämter Sturms, zum 225. Mal. Sein Tod ist bis heute ein Rätsel.

Hans-Peter Widmer
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Heinrich Fischer. Ho

Heinrich Fischer. Ho

In den Rahmen des Gedenkjahres 2015 zur Eroberung des Aargaus vor 600 Jahren, zur Schlacht bei Marignano vor 500 und zum Wiener Kongress vor 200 Jahren schiebt sich der 225. Geburtstag des Freiämter Volkstribuns Heinrich Fischer. Die Erinnerung an den «Schwanen»-Wirt in Merenschwand und Anführer des Volkssturms 1830 auf die Kantonshauptstadt Aarau blieb zumindest in seinem Stammgebiet wach. Er stand schon zu Lebzeiten im Kreuzfeuer heftiger Auseinandersetzungen. Dass er letztlich zum Verlierer wurde, wird eher ausgeblendet.

Fischers Schicksal war mit der Restauration und den ersten Anzeichen des Kulturkampfes im Aargau verknüpft. Der junge Kanton hatte 1814 eine neue Verfassung bekommen. Sie entsprang weniger einem lautgewordenen Begehren des Volkes – das gar nicht darüber abstimmen konnte –, sondern mehr dem Drängen der Tagsatzung mit Einflüsterungen fremder Gesandter. Die Volksrechte wurden eingeschränkt, die Amtsdauer der Beamten auf zwölf Jahre verlängert, die Machtfülle der Regierung vergrössert. Trotz dem Wirken humanistischer Köpfe wie Zschokke, Troxler, Pestalozzi und einigen Werken des Fortschritts nahm der Aargau die Züge eines Obrigkeitsstaates an.

Ungeachtet der reformierten Dreifünftelmehrheit wurden die Kantonsbehörden je hälftig aus Protestanten und Katholiken zusammengesetzt. Das machte die Politik zum konfessionellen Spielball – ein fataler Schritt. Der Staat nahm zugleich auf das Kirchenwesen Einfluss. Dabei sorgte der Umstand, dass die Aargauer Katholiken auf die zwei Bistümer Basel und Konstanz verteilt waren, für Konfliktstoff. Im Freiamt, wo ohnehin eine latente Skepsis gegenüber «Aarau» herrschte, wuchs der Missmut noch aus andern Gründen. Die 1824 wiedereingeführte Zensur behinderte aber die freie Meinungsäusserung.

Liberale Kräfte im Aargau schöpften aus der Julirevolution 1830 in Paris Mut für eine Bittschrift an die Regierung. Sie forderten eine Verfassungsrevision, zu der auch das Volk etwas zu sagen haben sollte. Doch die Obrigkeit vertrödelte die Eingabe und bereitete ungerührt die Grossratswahlen im Herbst nach altem Modus vor. Daraufhin machten die Initianten ihr Begehren an Volksversammlungen bekannt. Das Echo war gross. Jetzt trat auch Heinrich Fischer in Aktion. Er rief die Regierung in der Grossratssitzung am 26. November zum Handeln auf, wurde aber höhnisch belehrt, einem einzelnen Ratsmitglied stehe die Forderung nach Gesetzes- und Verfassungsänderungen nicht zu.

Stattdessen vertrat die Regierung die Meinung, die Vorschläge des Verfassungsrates könnten vom Grossen Rat nach Belieben und ohne Volksabstimmung geändert werden. Dies brachte das Fass zum Überlaufen. Heinrich Fischer rief zum Widerstand auf und ritt an der Spitze eines anschwellenden Volkssturms am Morgen des 5. Dezembers 1830 via Muri nach Wohlen. Hier wurden die Aufständischen vereidigt. Dann zogen die schätzungsweise 6000 Mann diszipliniert gegen Lenzburg, wo eilends aufgebotene, aber unmotivierte Regierungstruppen den Rückzug antraten, statt den Aufmarsch zu stoppen.

Am Abend des 6. Dezembers erreichten die Landstürmer «unter tobendem Geschrei, aber sonst in guter Ordnung» Aarau. Die Anführer nahmen der Regierung das Versprechen für eine zügige Änderung der Verfassung ab und erklärten sich zum Rückzug bereit – jedoch erst, nachdem ihnen, immerhin gegen Quittung, vier Sechspfünderkanonen samt Munition aus dem Zeughaus ausgehändigt worden waren. Fischers triumphale Heimkehr wurde mit einem Bankett im Kloster Muri gefeiert. Bereits zehn Tage später wurde der Verfassungsrat gewählt und Heinrich Fischer, wohl zum Dank für die hervorragende Führung des Dezemberzuges, zum Präsidenten bestimmt. Er gab sein Bestes, aber bei heiklen Sachfragen übernahm meistens Vizepräsident Heinrich Zschokke den Vorsitz. Nach über 20 Sitzungen verabschiedete das Gremium den Verfassungsentwurf mit 98 gegen 11 Stimmen, und am 6. Mai 1831 konnte das Aargauer Volk erstmals selber über sein Grundgesetz abstimmen, das die Volksrechte und die individuellen Freiheitsrechte erweiterte.

Bei der katholischen Geistlichkeit kam die neue Verfassung schlecht an, weil sie zu stark von liberalem Geist durchdrungen war. Die Bezirke Muri, Bremgarten und Laufenburg verwarfen sie. Heinrich Fischer geriet zunehmend ins Kreuzfeuer, nicht zuletzt, weil er als bekennender «Katholik und Republikaner» im Grossen Rat auch gelegentlich in «konfessionelle Wespennester» stach. Der Pfarrer von Merenschwand wurde sein Feind, und der frühere Stolz vieler Freiämter schlug in Verachtung um.

Zu den Anfeindungen kam eine Familienkrise hinzu. Durch das Engagement, das ihn oft von daheim fortzog, und seine Stimmungsschwankungen entfremdete er sich seiner Gattin Anna Maria, mit der er zehn Kinder hatte. Die Eheleute trennten sich – eine Scheidung kam aus religiösen Gründen nicht infrage –, Fischer liess sich in Lenzburg nieder, baute nochmals einen Hof und gelobte, «aus freiem Willen den Grund und Boden Merenschwands nie mehr zu betreten». Nur der einzige Sohn Jean, der ihm alles bedeutete und Medizin studierte, aber mit 24 Jahren starb, begleitete den Vater in die Diaspora.

Viel später, 1851, rückte Fischer nochmals kurz ins politische Rampenlicht, indem er im Kreis Schafisheim zum Wahlmann für eine weitere Verfassungsrevision bestimmt wurde – er lehnte das Amt jedoch ab. Wenig später verkaufte er seinen Betrieb und war vorübergehend ohne festen Wohnsitz, bis er auf Betreiben seiner Töchter nach 20 Jahren der Trennung 1854 in den «Schwanen» nach Merenschwand zurückkehrte. Er gebärdete sich als Sonderling und verschwand oft tagelang.

Im Sommer 1861 verlor sich seine Lebensspur endgültig im Ungewissen. Er soll dem Gemeindeammann den Schlüssel abgegeben und von ihm 60 Franken für eine Reise entlehnt haben. Sein letztes Zeichen war ein Brief aus Cham mit der Bemerkung «Lebt wohl». Fischers Verdienst bleibt, den Volkswillen im jungen Kanton gestärkt zu haben.