Auf den ersten Blick scheint alles klar: Eugen Stammherr (+80) vermacht der Gemeinde Dottikon sein Vermögen von 618 000 Franken (die az berichtete). Zur Bedingung machte Stammherr, die Gemeinde müsse für ihn eine Gedenktafel errichten – tut sie dies nicht, fällt die Erbschaft dem Kinderheim St. Josef in Bremgarten zu.

Weil die Tafel noch nicht steht, haben das Zürcher Bezirks- und Obergericht die Erbschaft dem Heim zugesprochen. Nun will Dottikon handeln. «Sobald die Tafel hergestellt ist, wird sie an einem Findling vor dem Schulhaus Risi montiert», sagte Gemeindeschreiber Michael Schaeren gegenüber «Blick.ch». Dies soll in den nächsten zwei bis drei Wochen passieren, wie Schaeren in der Sendung «Schweiz aktuell» sagte. Der Gemeinderat sei guter Dinge, so die Erbschaft antreten zu können.

Tafel-Frage noch nicht beantwortet

Ob die Erbschaft automatisch an die Gemeinde geht, sobald die Tafel steht, ist jedoch noch ungeklärt. Im Urteil des Zürcher Obergerichts, das der Aargauer Zeitung vorliegt, heisst es zwar: «Die Bedingung des Testaments ist nicht befristet, was grundsätzlich die jederzeitige Anbringung einer Gedenktafel ermöglichen würde.»

Die Gemeinde Dottikon kämpft um 618 000 Franken

Die Gemeinde Dottikon kämpft um 618 000 Franken.

Weiter hält das Obergericht fest, «mit Eintritt der Bedingung», also bei Montage der Gedenktafel, «würde die Gemeinde Dottikon Erbin». Doch das Gericht schränkt schon im nächsten Satz ein: «Bis zu welchem Zeitpunkt diese Möglichkeit offensteht oder offenstand, kann und darf hier nicht beurteilt werden.»

Gemeinde entscheidet am Montag

Auch die Nachfrage beim Zürcher Obergericht bringt keine Klärung. Mediensprecherin Andrea Schmidheiny kann nicht sagen, ob Dottikon einfach die Tafel aufstellen oder das Urteil anfechten muss, um zur Erbschaft zu kommen. «Die Gemeinde hat die Möglichkeit, gegen den Entscheid beim Bundesgericht in Lausanne eine Beschwerde einzureichen», hält Schmidheiny fest.

Ob die Gemeinde das Urteil weiterzieht, ist noch offen. Der Dottiker Gemeinderat, der inzwischen einen Anwalt engagiert hat, will an seiner Sitzung am Montag über weitere rechtliche Schritte entscheiden.

Schwester des Toten enttäuscht

Adelina Schürmann, die Schwester des Verstorbenen, sagt bei Tele M1: «Mir ist es egal, wer das Geld meines Bruders bekommt.» Wichtig sei einfach, dass die Erbschaft korrekt verwendet werde.

Schürmann ist allerdings enttäuscht, dass sie als Schwester nichts erben soll. «Ich habe meinen Bruder oft bekocht und bewirtet», sagt sie.