Ende März schliesst Heinz Widmer die Tür des Amtshauses in Bremgarten hinter sich und macht sich auf den Heimweg.

Wenn er eine Viertelstunde später die Tür seines Privathauses aufschliesst, ist er nicht mehr Präsident der Schlichtungsbehörde für Miete und Pacht für die Bezirke Bremgarten und Muri, dann ist er Rentner.

Heinz Widmer hat den Grossteil seines Berufslebens im Amtshaus in Bremgarten verbracht – als Adjunkt im Bezirksamt, als stellvertretender Bezirksamtmann und schliesslich als Bezirksamtmann, bis die Umstellung auf das neue Konzept nach der Revision der Strafprozessordnung erfolgte.

In den Verwaltungsbereich ist der Sarmenstorfer, der am 27. März seinen 65. Geburtstag feiert, «so reingerutscht», wie er selber sagt: «Ich war handwerklich nie sonderlich begabt, und nach der Schulzeit war für mich klar, dass ich eine kaufmännische Lehre machen wollte.»

Er absolvierte sie im Nachbardorf, auf der Gemeindeverwaltung Fahrwangen bei Gemeindeschreiber Fredy Fischer, der nur wenige Jahre älter war als er selber.

Eine unterschlagene Bewerbung

Nach dem Lehrabschluss 1972 bewarb er sich erstmals für eine Stelle im Bremgarter Amtshaus. Er wollte auf die Gerichtskanzlei, um dort einen neuen Verwaltungsbereich kennen zu lernen.

Doch seine Bewerbungsunterlagen kamen nie beim Gerichtspräsidenten an. Der damalige Kanzleichef Hans Stöckli hat sie unterschlagen, weil er mit dem jungen Mann etwas anderes vorhatte.

«Wollen sie Gemeindeschreiber in Hermetschwil-Staffeln werden?», fragte er Heinz Widmer, der erstens nicht wusste, wie ihm geschah, und zweitens erst auf der Landkarte nachschauen musste, wo Hermetschwil überhaupt lag.

So wurde er Nachfolger von Hans Stöckli, der zu jener Zeit noch Gemeindeschreiber im Nebenamt war, sich aber wegen des steigenden Arbeitsanfalls in der Gerichtskanzlei entlasten wollte.

Widmer war beim Amtsantritt noch keine 20 Jahre alt und damit der jüngste Kanzler im Aargau. Und weil man damals erst mit 20 Jahren volljährig wurde, durfte er vorerst die Beschlüsse des Gemeinderates noch nicht unterschreiben.

Der Job gefiel dem jungen Mann gut, aber er musste sich tüchtig in seine neue Aufgabe hineinknien: «Ich habe im gleichen Jahr die Rekrutenschule bei der Kavallerie gemacht und den Urlaub am Wochenende meistens in der Kanzlei zugebracht.»

Auch Ausgang war für Heinz Widmer in den ersten Jahren oft kein Thema: «Mit der Zeit war ich in Hermetschwil-Staffeln nicht mehr nur Gemeindeschreiber, sondern übernahm nach und nach auch die Finanzverwaltung, das Steueramt, die AHV-Zweigstelle und zuletzt auch noch das Zivilstandsamt. Wenn meine Kollegen am Wochenende zum Tanzen gingen, war ich vielfach im Büro.»

Anfänglich machte er die ganze anfallende Arbeit alleine, später gab es dann Verstärkung mit einer Halbtagesstelle und auch eine Lehrstelle.

16 Jahre blieb Heinz Widmer Kanzler in Hermetschwil-Staffeln. Dank seinem grossen Engagement und steter Weiterbildung gehörte er bald zu jenen Kanzlern, die von weniger erfahrenen Berufskollegen um Rat gefragt wurden und mehrere Jahre hat er auch den Gemeindeschreiberverband im Bezirk Bremgarten präsidiert.

Hermetschwil war für ihn nicht nur Arbeitsort, sondern wurde für lange Zeit auch sein Lebensmittelpunkt.

Er baute ein Haus und gründete mit Gattin Manuela eine Familie, seine drei Kinder – zwei Buben und ein Mädchen – sind in Hermetschwil aufgewachsen. Inzwischen lebt die Familie jedoch wieder in Sarmenstorf in seinem Elternhaus.

Doch noch im Amtshaus

1988 wurde es doch noch etwas mit dem Bremgarter Amthaus, in dem Heinz Widmer schon als junger Mann hatte arbeiten wollen. Er wurde Adjunkt auf dem Bezirksamt unter dem legendären Bezirksamtmann «Sheriff» Josef Waldmeier.

«Das Bezirksamt», blickt er zurück, «war ein Tante-Emma-Laden, die Anforderungen waren sehr vielseitig. Mein Arbeitsbereich umfasste Strafuntersuchungen ebenso wie die Aufsicht im Vormundschafts- und Sozialhilfewesen, wir waren zuständig für Fürsorgerische Freiheitsentzüge, Wahlen und Abstimmungen, Ausstellen von Wirtebewilligungen, Inpflichtnahme von Gemeinderäten, Jagd- und Fischereiaufsehern, und auch die Schlichtungsbehörde für Miete und Pacht war dem Bezirksamt angegliedert.»

Es sei damals noch recht unkompliziert abgelaufen, erinnert er sich: «Wer etwas suchte oder wissen wollte, kam einfach auf das Bezirksamt und hoffte, dass wir helfen konnten oder zumindest den weiteren Weg aufzeigen. Meistens gelang uns das auch.»

1992, als «Sheriff» Waldmeier in Rente ging, wurde Heinz Widmer als Nachfolger von Max Kündig zum Bezirksamtmann-Stellvertreter gewählt und schliesslich Bezirksamtmann, als dieser elf Jahre später in Rente ging.

Mit der Einführung der neuen Strafprozessordnung am 1. Januar 2013 gab es erneut eine berufliche Veränderung. «Bezirksamtmänner und -Stellvertreter mit langjähriger Amtszeit konnten im Aargau trotz fehlendem Jus-Studium Staatsanwälte werden. Anwälte ohne Patent – das hat damals mächtig für Schlagzeilen gesorgt», schmunzelt Heinz Widmer im Rückblick.

Mehrere Weiterbildungen

Und er sagt, dass er selber sich mit der Änderung der Strafrechts- und der Strafprozessordnung nie so richtig hat anfreunden können.

«Ich war zwar jetzt Staatsanwalt und habe mich auf die neue Situation mit einer juristischen Weiterbildung am CAS Forensics an der Uni Luzern auch entsprechend vorbereitet. Doch letztlich war ich halt doch nicht Anwalt, die immer komplexer und komplizierter werdenden Verfahren wurden nicht mein Ding.»

Per 1. Januar 2013 wurde Heinz Widmer schliesslich Präsident der Schlichtungsbehörde für Miete und Pacht der Bezirke Bremgarten und Muri.

Eine Aufgabe, die ihm wieder wesentlich besser behagte: «Das Schlichtungs- und Mietwesen hatte mich auch auf dem Bezirksamt schon immer interessiert, und ich absolvierte als Vorbereitung auf den neuen Job schliesslich auch noch die Ausbildung zum Immobilienverwalter mit eidgenössischem Fachausweis», sagt Heinz Widmer und meint dazu: «Diese Tätigkeit hat mir behagt und mich ausgefüllt. Es war ein guter Abschluss meiner beruflichen Laufbahn.»

Im Rückblick stellt er fest, dass sein Berufsleben vor allem Hilfesuchenden gewidmet gewesen ist: «Schon als Gemeindeschreiber war ich vielfach die Anlaufstelle bei Problemen aller Art und auf dem Bezirksamt erst recht. Dort war es zwar auch mein Job, Delinquenten zu bestrafen. Doch es ging mir immer auch darum, nach Lösungen zu suchen, die Gestrauchelte wieder auf den richtigen Weg gebracht haben.»

Seine ausgeglichene und ruhige Art habe ihm dabei sehr geholfen, sagt Heinz Widmer. Und er freut sich, dass es oft auch Leute gab, die sich bei ihm später für eine Massnahme bedankt haben, die er getroffen hat und mit der sie sich vorerst nicht so recht hatten anfreunden können.

Viele Schicksalsschläge erlebt

Über die Jahrzehnte hat Heinz Widmer viele Schicksalsschläge im Sozialhilfewesen erlebt, Sofortmassnahmen im Vormundschaftsrecht treffen oder die Anordnung von Untersuchungshaft entscheiden müssen.

Er war als Amtsperson bei unnatürlichen Todesfällen vor Ort, hat Legalinspektionen vorgenommen und Angehörige getröstet. Ein vielfach aufreibendes und belastendes Berufsleben also?

«Ja und nein», sagt Heinz Widmer. «Im Rückblick war es ein spannendes Berufsleben mit viel Abwechslung und Kontakt zu vielerlei Menschen. Neben belastenden Momenten, gab es auch viele Situationen, in denen ich eine grosse Befriedigung verspürt habe, weil ich Leuten habe helfen können. Helfen war eine meiner Lebensaufgaben, und ich habe immer gerne geholfen.»

«Mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, meinen grossen Garten pflegen, Touren mit meiner Harley und natürlich mein grosses Hobby, die Jagd, pflegen», umschreibt Heinz Widmer ein paar Dinge, die er sich für den dritten Lebensabschnitt vorgenommen hat.

Er freue sich sehr auf die Pension, doch werde er seinen Beruf und vor allem den Kontakt zu den vielen Leuten aus allen Schichten in der ersten Zeit sicher etwas vermissen.