Ausstellung

Er tauschte Stola gegen Kamera – und fotografierte in Bremgarten während 50 Jahren

Willi Wettstein hat das Leben im Städtchen während 50 Jahren fotografisch festgehalten – nun werden seine Bilder in Bremgarten ausgestellt.

Wäre Willi Wettstein tatsächlich Pfarrer geworden, würden in Bremgarten heute wohl einige tausend Bilder fehlen. Willi Wettstein (1902 bis 1982) wurde nicht Pfarrer. Zwei Monate vor der geplanten Priesterweihe hat er sich für ein Leben mit Maria von Moos, der Schwester des späteren Bundesrates Ludwig von Moos, entschieden. Und für die Fotografie. Dieser hat er schon als junger Mann während seiner Zeit am Gymnasium im Kloster Einsiedeln gehuldigt. Nach seinem Theologiestudium machte er ein Praktikum beim damals berühmten Fotografen Theo Schafgans in Bonn und eröffnete mit seiner Frau am Bogen in Bremgarten ein Fotofachgeschäft. Maria besorgte die Buchhaltung, Willi kümmerte sich um das Handwerk. Er fotografierte, rahmte Bilder und band Bücher.

Bremgarter Geschichte

Fotografieren war Willi Wettsteins Leben. Seine Kamera hatte der Stumpenraucher immer griffbereit. So entstanden Schnappschüsse wie jener von Henri Guisan im Bremgarter Kornhaus. Der General war kurzfristig im Reussstädtchen aufgetaucht und lediglich eine knappe halbe Stunde geblieben. Wettstein hörte davon, begab sich eiligst in die Unterstadt und konnte Guisan noch kurz vor dessen Weiterreise knipsen.

Der historische Schnappschuss und Dutzende von weiteren Fotos, mit denen Wettstein ein halbes Jahrhundert Bremgarter Geschichte dokumentiert hat, sind ab dem kommenden Samstag, 18. Mai, im Rahmen der Wechselausstellung «Bremgarten in Fotos 1920 bis 1970» im Stadtmuseum zu sehen.

Dass diese Ausstellung möglich ist, verdankt das Stadtmuseum Alois Stutz, dem Neffen von Willi Wettstein. Stutz, der das Fachgeschäft seines Onkels weiterführte und später die renommierte Firma Foto Stutz aufbaute, hat den kostbaren Schatz über Jahrzehnte gehütet und jetzt dem Stadtmuseum eine Auswahl davon für die Wechselausstellung überlassen.

Die Idee stammt von Heinz Koch, einer der Triebfedern des Museums: «Er hat Wettstein noch gekannt und wusste vom grossen Fundus. Wir haben dann Alois Stutz kontaktiert, und er war von der Idee begeistert. Zusammen mit seiner Familie hat er uns bei der Vorbereitung nach Kräften unterstützt», sagt Museumspräsident Fridolin Kurmann. Tochter Franziska Stutz hat die Fotos digitalisiert, Sohn André Stutz, Mitinhaber und Geschäftsführer von Richnerstutz in Villmergen, Printabzüge gemacht und für die verschiedenen Panoramas spezielle Rahmen gebaut.

Fotograf und Tüftler

«Panoramas waren eine Spezialität von Willi Wettstein», weiss Fridolin Kurmann. «Weil er sich geärgert hat, dass die Blickwinkel bei den marktüblichen Kameras zu klein waren, hat er sich selber eine Panoramakamera mit einem breiteren Aufnahmeformat gebaut. Zu sehen ist in der Ausstellung unter anderem eine Landschaftsaufnahme, die er schon um 1920 als junger Mann vom Bremgarter Kirchturm herab gemacht hat. Sie besteht aus drei aneinandergereihten Glasplatten-Aufnahmen, die noch im Original vorhanden sind.

Unter der Leitung von Peter Spalinger ist eine Ausstellung konzipiert worden, die einem spannenden historischen Spaziergang durch Bremgarten gleichkommt. Wettstein hat über fünf Jahrzehnte die verschiedensten Lebensbereiche festgehalten: Kirche, Verkehr, Kultur, Gewerbe und Industrie, Schule, Festivitäten, Militär, Krieg und Gesellschaft allgemein.

Zu sehen sind eindrückliche Panoramafotos, darunter auch Luftaufnahmen, die sich Wettstein vom Flugpionier Walter Mittelholzer beschafft hat. Zu den Highlights gehören weiter verschiedene historische Momente, die der Stadtfotograf festgehalten hat: Auf der Gasse liegende Möbel nach einem Krawall von Internierten im Kornhaus (1945), der von einem Lastwagen verursachte Einsturz des Holzbrückendachs (1950), der Bau der neuen, höheren Holzbrücke (1953) oder die Vertragsunterzeichnung für den Bremgarter Waffenplatz mit den Ortsbürgern durch hohe Militärs und Bundesrat Chaudet auf der Fohlenweid.

Neben den auf drei Geschossen präsentierten Abzügen der Originalfotos gibt es im Stadtmuseum auch eine digitale, nach verschiedenen Themenkreisen geordnete Fotoschau zu sehen. Die Vernissage zur Ausstellung findet am Freitagabend aus Platzgründen nur für geladene Gäste statt. Samstag und Sonntag können die geschichtsträchtigen Fotos dann erstmals frei besichtigt werden. Die Ausstellung, schätzt Fridolin Kurmann, würde wie jede bisherige Wechselausstellung etwa zwei Jahre lang gezeigt. Zum Glück, denn um all das zu erfassen, was es dort an spannender Bremgarter (Foto-)Geschichte zu sehen gibt, dürften mehrere ausgedehnte Besuche nötig sein.

Wechselausstellung «Bremgarten in Fotos 1920–1970», von Willi Wettstein, Stadtmuseum am Kornhausplatz, geöffnet jeweils Samstag und Sonntag, 14 bis 17 Uhr, Eintritt frei. Besuche ausserhalb der Öffnungszeiten nach Vereinbarung: www.stadtmuseum-bremgarten.ch.

Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

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