Bremgarten

Er spielt die Geige – und gern auch mit den Frauen

Gelungene Premiere der Operettenbühne. Die Neuinszenierung von Franz Lehárs «Paganini» ist in mancher Hinsicht sehenswert.

Man stelle sich vor, der deutsche Geigenrockstar David Garret stiege in Eggenwil ab, weil ihn sein Manager in Bremgarten auftreten lassen will. Innert kürzester Zeit wäre das Haus belagert von – vornehmlich – weiblichen Fans, und allein, ihm beim Üben zuzuhören, liesse die holde Weiblichkeit der Ohnmacht nahe kommen. Ganz zu schweigen von den Gefühlsaufwallungen, wenn der wunderschöne Saitenzauberer mit dem tiefen Blick sich leibhaftig seinen Bewunderern zeigt.

Diese Art der fanatischen Überhöhung erfuhr auch der als Teufelsgeiger in die Geschichte eingegangene Niccolò Paganini (1782–1840), den Fürstin Elisa Baciocchi, eine Schwester Napoleons, als Konzertmeister und Operndirektor in Lucca gewinnen konnte. Aus dieser historischen Begebenheit hat der Komponist Franz Lehár mit den Librettisten Paul Knepler und Bela Jenbach eine Romanze gemacht, deren Kernaussage es ist, dass ein echter Künstler nur eine wahre Liebe kennt, die zur Kunst.

Feine Überraschungselemente

Paganini (Daniel Zihlmann) weiss, wie man die Frauen um den Finger wickelt. Es gelingt ihm auch spielend bei Fürstin Maria Anna Elisa (Dorothee Velten). Sie verliebt sich echt. Für ihn ist sie eine von vielen. Im wunderbar stimmigen Bühnenbild von Season Chiu Suter, eingehüllt in das magische Licht von Markus Brunn und Christoph Misteli, bewegen sich Chor und Solisten in der fliessend poetischen Inszenierung von Paul Suter ganz natürlich und mit gut gesetzten, feinen Überraschungselementen.

So etwa, als das lebhafte Treiben am Hof plötzlich stehenbleibt, während Paganini sein «Glück im Spiel» besingt – das ihn auch gleich darauf verlässt. Man spürt die Spielfreude und geniesst die Musik, gerade in so schön choreografierten Szenen wie dem Duett des Marchese Pimpinelli (Fabio De Giacomi) mit seiner Angebeteten, der Sängerin Bella Giretti (Melanie Wurzer), in dem der linkische Möchtegerncasanova mit seiner Wirkung auf das zarte Geschlecht prahlt: «Mit den Frauen auf du und du».

Der Geiger ist Gabriel Miranda

Die Akustik im Casino macht es den Solisten zwar schwer, nach vorne durchzudringen, aber dennoch versteht man fast jedes Wort in ihren Liedern. Obwohl «Paganini» keinen eigentlichen Höhepunkt hat, fliesst sie doch, gespickt mit einigen humoristischen Einlagen und Wortwitz, leichte Wellen schlagend, munter dahin. Das Orchester, am Premierenabend unter der Leitung von Andres Joho, spielt einwandfrei, und die Violinsoli, von Gabriel Miranda kongenial interpretiert, lassen keine Wünsche offen.

Ein grosses Lob gebührt auch dem Chor, der von Renato Botti auf höchstes Niveau getrimmt wurde. Die Stimmen sind sehr schön ausgewogen, sie verschmelzen zu einem kompakten Ganzen, das einem über das ganze dynamische Spektrum wohlige Schauer über den Rücken jagt. Ein echter Hingucker, nicht nur für den lüsternen Fürsten Baciocchi, ist das Ballett. Choreografin Patrizia Aimi lässt ihre Tänzerinnen auch als Schauspielerinnen eine gute Figur machen. Tanz, Gestik und Mimik erzählen eigene Geschichten in der Geschichte, als Farbtupfer in einem stimmigen Gesamtbild.

Autor

Christian Breitschmid

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