Prozess in Bremgarten
Er schlug sie immer wieder – und sie schrieb ihm Liebesbriefe ins Gefängnis

Ein Mann musste sich vor dem Bezirksgericht Bremgarten verantworten, weil er seine Partnerin vergewaltigt und regelmässig verprügelt haben soll. Trotzdem setzte die Frau alle Hebel in Bewegung, damit er aus der Untersuchungshaft entlassen wird.

Jörg Baumann
Merken
Drucken
Teilen
Der 36-jährige Angeklagte soll seine Frau nicht nur regelmässig verprügelt, sondern auch vergewaltigt haben. (Symbolbild)

Der 36-jährige Angeklagte soll seine Frau nicht nur regelmässig verprügelt, sondern auch vergewaltigt haben. (Symbolbild)

Keystone

Das Bezirksgericht Bremgarten schickt einen 36-jährigen Mann, der seine Freundin notorisch verprügelte, bedrohte und beschimpfte, für 18 Monate ins Gefängnis. Im Raum stand auch der Vorwurf, der Täter habe die Frau zu vergewaltigen versucht. Doch das Gericht sprach ihn in diesem Punkt frei, weil es dem Mann das Verbrechen nicht zweifelsfrei beweisen konnte.

«Mein Freund hat sich auf dem Bett auf mich gesetzt. Mit der einen Hand zog er mir die Pyjamahose und den Slip herunter und wollte mit seinen Beinen meine Beine auseinanderzwängen. Ich spürte seinen Penis auf meinem Unterleib. Ich hatte grosse Angst, dass er mich vergewaltigen wolle», berichtete die Frau. Zum vollendeten Geschlechtsverkehr kam es nicht.

In Widersprüche verwickelt

Nach der Tat verhielt sich das Opfer widersprüchlich. Sie erstattete erst drei Wochen später Anzeige. Der Mann wurde verhaftet.

Doch nun setzte die Frau alle Hebel in Bewegung, um ihren Peiniger aus der Untersuchungshaft zu befreien. Sie schrieb ihm Liebesbriefe und zog die Anzeige vorerst zurück, um ihn dann später erneut zu belasten.

Das Vorgehen scheinen die beiden miteinander abgesprochen zu haben. Auch täuschte die Frau bei der Staatsanwaltschaft vor, sie sei schwanger, um die Behörden weichzuklopfen.

Die Schwangerschaft war frei erfunden. «So wie Sie die versuchte Vergewaltigung geschildert haben, kann sie sich abgespielt haben», führte Gerichtspräsident Peter Thurnherr aus. Aber das Gericht dürfe nicht allein darauf abstellen, ob das Opfer glaubhafte Aussagen mache. Die letzten Zweifel, auch wegen des widersprüchlichen Verhaltens, hätten nicht ausgeräumt werden können – deshalb der Freispruch in diesem Punkt.

Der Übergriff im Bett blieb indessen kein Einzelfall. «Schon am Anfang unserer Beziehung schlug mein Freund mich chronisch. Ein ganzes Jahr habe ich geschwiegen. Ich war verzweifelt und wusste nicht, was ich machen sollte. Heute wäre ich nicht mehr so naiv zu glauben, dass sich mein Partner wieder bessern werde», sagte die Frau.

Sie sei finanziell von ihrem Freund abhängig gewesen. Denn ohne seine Unterstützung hätten sie sich die Wohnung nicht leisten können. Die Antwort des Verteidigers: Die Frau hätte sich von ihrem Freund trennen und bei der Gemeinde Sozialhilfe beanspruchen können.

In der Wohnung eingeschlossen

Einmal schloss der Mann seine Freundin in der Wohnung ein und weigerte sich, ihr den Hausschlüssel zu geben. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn deshalb wegen Freiheitsberaubung an, was das Gericht gleich beurteilte. Nicht aber der Verteidiger: Die Frau hätte die Wohnung über den Balkon verlassen können, weil das Haus an einem Abhang stehe, meinte er.

Ohnehin sei die Frau ihrem damaligen Partner rhetorisch überlegen gewesen und habe ihn ständig gereizt, worauf dieser ausgerastet sei. Die Staatsanwältin räumte ein, in der Partnerschaft sei es zu «gegenseitigen Grenzüberschreitungen» gekommen. Aber der Mann habe das Abhängigkeitsverhältnis schamlos ausgenützt.

Der Mann setzte nicht nur die Fäuste gegen seine Freundin ein, sondern fuhr auch jahrelang ohne «Billett» mit dem Auto durch die Gegend. Die Staatsanwaltschaft forderte für ihn eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren, die Verteidigung, die den Vergewaltigungsversuch und andere Delikte bestritt, 15 Monate bedingt.

Gerichtspräsident Peter Thurnherr meinte zum mehrfach vorbestraften Angeklagten: «Sie haben sich gegenüber ihrer Freundin himmeltraurig verhalten. Für uns ist das Ende der Fahnenstange erreicht.»

Neben der unbedingt ausgesprochenen Freiheitsstrafe widerrief das Gericht eine früher bedingt ausgesprochene Geldstrafe – als weiteren Warnschuss.