Widen

Er malt tanzende Gestalten und Traumhäuser

Marcel Schriber am Werk: Seine Fantasie scheint kaum Grenzen zu haben.

Marcel Schriber am Werk: Seine Fantasie scheint kaum Grenzen zu haben.

Marcel Schriber baut seine ganz eigenen Traumstädte. Er ist Künstler und wohnt im Haus Morgenstern in Widen.

Ganz oben am Tisch sitzt er in seiner Künstleruniform: grünes Karohemd, das sein geliebtes Metallica-T-Shirt vor Farbflecken bewahren soll, ebenso grüne Roger-Federer-Mütze. Marcel Schriber (48) ist bereit, einzutauchen in eine fantastische Welt voller Formen, leuchtender Farben, Fantasiewesen und unerwarteter Details. Bewaffnet mit einem schwarzen Filzstift und einer weissen Leinwand kann der Traum beginnen.

Hochkonzentriert und mit ruhiger Hand beginnt Marcel zu zeichnen. Er scheint einem inneren Plan zu folgen, das Kunstwerk entsteht wie von selbst. Er spricht oft in der dritten Person von sich und ermutigt und lobt sich unablässig selber. «Marcel, das machst du aber gut, Marcel, das wird richtig schön. Komm, Marcel, sei nicht so laut.» Früher hat er normale Häuser und Städtchen gemalt. «Vor einiger Zeit hat er aber seine Passion für Traumhäuser und Traummännchen entdeckt», erläutert Michèle Koller, Arbeitsagogin im Haus Morgenstern. Die Bilder sind abstrakt und sehr ausdrucksstark, die Farben strahlen weit über den Bildrand hinaus. Auf die Frage, ob er wisse, wann ein Bild fertig sei, antwortet er: «Ich höre erst auf, wenn die Leinwand voll ist.»

Spaghetti, Katzen, Traumhäuser

Marcel Schriber lebt seit 20 Jahren im Haus Morgenstern. Die Wochenenden verbringt er jeweils zu Hause bei seiner Mutter. In der Freizeit ist er besonders aktiv. Er liebt es, schwimmen zu gehen und vom Dreimeterturm zu springen. Zudem mag er Velo- und Trottinettfahren, aber auch Tennis gehört zu seinen Hobbys, die grüne Roger-Federer-Mütze ist jedenfalls immer dabei. Ausserdem gefällt ihm das Tanzen, am Wochenende will er in die Disco: «Da brauche ich nachher bestimmt eine Dusche, tanzen ist anstrengend», erklärt er lachend. Sein Lieblingstier ist die Katze und am allerliebsten isst er Spaghetti Bolognese. Farben mag er alle gleich gerne und seine Lieblingsmotive sind – wie könnte es anders sein – natürlich Traumhäuser.

Die Bewohner des Hauses Morgenstern sind einer Stammgruppe zugeteilt und arbeiten jeweils halbtags dort. Marcel arbeitet in der Landwirtschaft. Er mag die Abwechslung zwischen körperlicher und kreativer Arbeit. Ihm gefallen das Laubrechen, im Winter das Schneeschaufeln sowie das Abfallsack- Entsorgen.

Ferienlager sind Abwechslung

Seine Kunstwerke sind nun auch über das Haus Morgenstern hinaus bekannt. Sie landeten in Form einer Karte kürzlich in vielen Briefkästen der Umgebung. Grund dafür: Das Haus Morgenstern möchte seinen Bewohnern, die keine Angehörigen mehr haben, ab und zu einen Tapetenwechsel in Form eines Ferienlagers ermöglichen. Darum haben sie einen Spendenaufruf fürs Herbstlager lanciert, das sie ausserhalb des Budgets finanzieren müssen. Als Dankeschön für die Unterstützung liegt eine Karte mit einem von Marcels Bildern bei.

Vor gut einem Jahr durfte er mit seinen Kunstwerken sogar eine Vernissage in der Cafeteria des Altersheims Lindenfeld in Suhr machen. Besonders der Apéro ist ihm in guter Erinnerung geblieben, weil der ihm so gut geschmeckt hat. Er hatte erstmals die Gelegenheit, den anwesenden Besuchern seine Bilder persönlich vorzustellen und zu erklären, das hat ihm grossen Spass gemacht. Zwischendurch kommt es auch vor, dass Leute ein Bild bei ihm bestellen. Auch am alljährlichen Basar des Hauses Morgenstern, jeweils am ersten Adventswochenende, verkauft er seine Werke. Der Erlös fliesst in die Kasse der Kreativ-Werkstatt und kommt wiederum den Bewohnern zugute.

Gesicht waschen als Ritual

Der Heavy-Metall-Fan Marcel lässt den schwarzen Filzstift ohne Pause über die weisse Leinwand gleiten. Es entstehen lustige Hausdächer, skurrile Kamine, unförmige Fensterläden und Türme, die an Kirchturmspitzen oder Burgzinnen erinnern. «Ach, diese Tür, die ist unglaublich!», konstatiert Marcel beinahe überrascht über sich selbst. Hier noch ein paar Sterne und da eine Mondsichel, alles hat seinen Platz auf der Leinwand.

Dann ist der Moment gekommen: Als würde er aus einem Traum erwachen, legt Marcel den Stift zur Seite, nimmt die Kappe vom Kopf, legt die Brille ab und atmet tief durch. Dann steht der Kunstmaler auf und geht zum Lavabo. Seraina Schück, Lernende Assistentin Gesundheit und Soziales im ersten Lehrjahr, erklärt: «Das ist sein Ritual, immer wenn er fertig ist mit vorzeichnen, geht er zum Lavabo und wäscht sich das Gesicht, er sagt, das mache ihn wieder wach für die nächste Etappe, das Ausmalen.»

Für die Farbwahl hat Marcel freie Hand, einzig die Hintergrundfarbe wird im Voraus bestimmt, dann aber erst am Schluss aufgetragen, wenn alle Häuser oder Männchen bereits ausgemalt sind, um einen klaren Kontrast zu schaffen. Besonders stolz macht es ihn, wenn er am Schluss sein Werk signieren kann. «Bravo Marcel, geschafft!» Weil die Freude so gross ist, gibt es von Seraina ein High five. Nach einer kurzen Pause hält Marcel an Stelle des Filzstiftes einen Pinsel in der Hand und beginnt mit dem Ausmalen der Traumhäuser. Die Farben, die er wählt, sind Ausdruck seiner ungeheuren Lebensfreude, die er ausstrahlt.

Infos zum Haus Morgenstern unter www.hausmorgenstern.ch. Spendenkonto: 61-807453-3

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