Gemeindeschreiber
«Er macht das ganze Dorf schlecht»: So reagieren Boswiler nach Wickis hetzerischen Kommentaren

Wegen menschenverachtender Facebook-Kommentare des Gemeindeschreibers sorgt Boswil für Schlagzeilen. Im Dorf schwindet der Rückhalt für Daniel Wicki. Viele kritisieren seine Aussagen. Aber nicht alle wollen mit ihrem Namen hinstehen. Man kennt sich in Boswil.

Christian Breitschmid und Noemi Lea Landolt
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Die Kirche einfach im Dorf lassen. Das hätten sich wohl einige gewünscht in Boswil. Statt- dessen werden vom Gemeinderat Konsequenzen gefordert.

Die Kirche einfach im Dorf lassen. Das hätten sich wohl einige gewünscht in Boswil. Statt- dessen werden vom Gemeinderat Konsequenzen gefordert.

Chris Iseli

Boswil klingt. Mit diesem Slogan präsentiert sich das friedliche Freiämter Dorf am Fusse des Lindenbergs seit nunmehr zehn Jahren in der Öffentlichkeit. Am Freitag klingelte es jeder Boswilerin und jedem Boswiler in den Ohren, wenn der Redaktor sie vor dem Volg ansprach und sich vorstellte. So viele verdrehte Augen, so viele abwinkende Hände, so viele Male die Aussage: «Das ist der Gipfel. So etwas geht überhaupt nicht. Das ist unhaltbar. Aber ich will nicht mit Foto in die Zeitung – ich lebe ja hier.» Als dann auch noch ein Vertreter der Landi Freiamt auftaucht und sich eine Befragung der Einwohner auf dem Parkplatz vor seinem Laden verbittet, wird klar: Man kennt sich in Boswil.

Viele kennen Daniel Wicki, den Gemeindeschreiber, der wegen seiner menschenverachtenden Äusserungen auf Facebook medial am Pranger steht, persönlich und möchten sich deshalb nicht äussern. Einige wenige haben damit kein Problem. Der Boswiler Christian Ledermann findet zum Beispiel: «Durch diese Geschichte macht Daniel Wicki das ganze Dorf schlecht. In seinem Job sollte er sich nicht auf diese Art öffentlich äussern.» Wicki rief unter anderem zur Selbstjustiz und Todesstrafe im Zusammenhang mit straffälligen Asylsuchenden auf.

Umfrage in Boswil: Wie beurteilen Sie die Facebookeinträge von Gemeindeschreiber Daniel Wicki?

Ursula Graf, Boswil «Ich verstehe ja, dass heute alle in den Social Media mitmachen wollen. Wenn man dann sieht, dass die jungen Leute, die hier Asyl suchen, nicht arbeiten dürfen, ist das halt auch ein Problem. Aber solch extreme Äusserungen von jemandem in einer verantwortlichen Position, das geht nicht.»
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Kurt Graf, Boswil «Ich war früher selber einmal Gemeinderat hier. Natürlich sieht man da vieles, von dem die Leute nichts wissen. Aber man darf das nicht so ausschlachten. In der Sache mag er ja recht haben, aber man darf das nicht so breitschlagen. Denken kann man, was man will, aber sagen darf man es nicht.»
Andrea Krauer, Luzern «Ich wohne zwar nicht in Boswil, sondern arbeite nur hier, aber ich muss schon sagen: So etwas lässt man einfach nicht raus – und dann am Sonntag wieder in die Kirche gehen...? Das gehört sich nicht und schon gar nicht in einem öffentlichen Amt. Wenn man sich Luft verschaffen will, dann gibt es andere Lösungen.»
Christian Ledermann, Boswil «Durch diese Geschichte macht er das ganze Dorf schlecht. Aber da hat er sich selber hineinmanövriert, die Gemeinde oder der Gemeinderat hat damit nichts zu tun. Dafür muss er sich auch selber verantworten. In seinem Job sollte er sich nicht auf diese Art öffentlich äussern. So etwas darf man nicht tun.»
Daniel Bucher, Boswil «Ja sicher, so spricht man am Stammtisch, aber nicht in der Öffentlichkeit. Sonst macht er seine Sache aber gut. Es ist schlimm, dass er in der Presse gleich mit vollem Namen so angeprangert wurde. Bei wirklichen Verbrechern wird in den Medien doch der Name sonst immer geschützt.»
Raphaela Kramis, Buttwil «Es ist sehr ungünstig, wenn der Gemeindeschreiber so radikal schreibt. Es gibt Leute, die unsere Hilfe brauchen und andere, die das einfach ausnutzen. Aber heute wird alles so polarisiert. Wir sollten endlich lernen, die Dinge differenziert anzuschauen und vor allem auch, differenziert zu kommunizieren.»

Ursula Graf, Boswil «Ich verstehe ja, dass heute alle in den Social Media mitmachen wollen. Wenn man dann sieht, dass die jungen Leute, die hier Asyl suchen, nicht arbeiten dürfen, ist das halt auch ein Problem. Aber solch extreme Äusserungen von jemandem in einer verantwortlichen Position, das geht nicht.»

Christian Breitschmid

Fast die Hälfte wählt die SVP

Boswil hat 2756 Einwohnerinnen und Einwohner, von ihnen haben 2224 den Schweizer Pass. Die Selbstbestimmungs-Initiative der SVP wurde im Dorf nur knapp abgelehnt. 384 Nein-Stimmen standen 371 Ja-Stimmen gegenüber. Bei den letzten Grossratswahlen 2016 haben 49,4 Prozent die SVP gewählt. Am zweitmeisten Stimmen – aber nicht einmal halb so viele – holte die CVP mit einem Wähler-Anteil von 21,2 Prozent.

Auch Gemeindeschreiber Wicki war früher Mitglied der Jungen CVP. 1995, damals war er Mitte zwanzig, hat er für den Nationalrat kandidiert, wurde aber nicht gewählt. Inzwischen gehört er keiner Partei mehr an, wie er sagt. Für seine Äusserungen auf Facebook bekommt er aber Rückendeckung von der SVP. Gemeindeammann Michael Weber verteidigt seinen Gemeindeschreiber, der seit über sieben Jahren in Boswil arbeitet und vorher Gemeindeschreiber in Killwangen und Oeschgen sowie Steueramtsvorsteher in Stetten war. Wicki sage nur, was Tatsache ist, findet Weber.

Ausserdem soll sich der Boswiler Gemeindeschreiber per E-Mail bei SVP-Nationalrat Andreas Glarner Hilfe geholt haben, ihn gefragt haben, wie er sich nun am besten verhalten soll. Das kommentiere er nicht, sagt Glarner auf Anfrage. Ihm tue Wicki Leid. Er sei Opfer einer medialen Hetzjagd.

Auch im Gemeinderat wird Wicki wohl auf Unterstützung der SVP zählen können. Die SVP hält drei von fünf Sitzen. Die anderen beiden Gemeinderäte politisieren für die CVP. Die SP Boswil, 1993 gegründet, hat zwar immer wieder versucht, einen Sitz zu gewinnen – geklappt hat es aber nie. Die SPler in Boswil mussten sich bis jetzt mit der Schulpflege zufriedengeben.

SP Boswil zeigt Daniel Wicki an

Parteipräsident Reto Karich sagt, es sei überhaupt nicht so, dass alle Boswilerinnen und Boswiler Wickis Äusserungen gutheissen. «Viele trauen sich einfach nicht, etwas zu sagen», so Karich. Das Dorf sei klein, jeder sei auf die Unterstützung des anderen angewiesen. Die SP Boswil wird gegen den Gemeindeschreiber, mit Unterstützung der SP Aargau, Strafanzeige einreichen, sagt Karich. «Über weitere mögliche Massnahmen, wie allenfalls eine Aufsichtsbeschwerde gegen den Gemeinderat werden wir noch diskutieren.»
Anwalt Martin Steiger sagte zur AZ, man könne sich fragen, ob die Facebook-Kommentare Straftatbestände wie Rassendiskriminierung oder öffentliche Aufforderung zu Gewalttätigkeit erfüllen.

Während die SP rechtliche Schritte einleitet, plant die CVP Boswil am Samstag eine Vorstandssitzung, um im Hinblick auf die Gemeinderatssitzung am Montag Massnahmen und Konsequenzen zu besprechen. Bereits am Freitag hat sich die Ortspartei in einer Medienmitteilung in aller Form von den menschenverachtenden Äusserungen distanziert. «Es irritiert uns ausserordentlich, dass solche Entgleisungen, die eventuell strafrechtliche Relevanz haben, noch vom Gemeindeammann verteidigt werden.»

Forderungen hat die Partei keine gestellt. Präsident Thomas Guggisberg findet es wichtig, zuerst alle Fakten zu kennen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Ihn selber hätten die Äusserungen des Gemeindeschreibers aber überrascht. «Ich hätte ihm solche Aussagen nicht zugeordnet.» Aber jetzt sei ihm klar, über welches Gedankengut der Gemeindeschreiber verfüge. Was die Chancen der CVP im Gemeinderat betrifft, bleibt Guggisberg realistisch. «Wenn die drei SVP-Gemeinderäte gegen Konsequenzen stimmen, dann können wir nichts machen.»