Hansruedi Käslin kann es kaum erwarten. Heute Mittwoch um 19.30 Uhr wird es losgehen. Dann will er mit 1999 anderen Wanderern und Walkern den Rigimarsch antreten. Wer schon einmal die 64 Leistungskilometer von Bremgarten über Rotkreuz, Küssnacht und die Seebodenalp bis auf die Rigi in einer Nachtwanderung geschafft hat, weiss, wie stolz man danach auf sich ist – und auch sein kann. Auch Hansruedi Käslin hat sich vor vier Jahren, als er am grossen Jubiläum zum 25. Geburtstag des Rigimarschs erstmals mitwanderte, sehr gefreut, als er es bis hinauf geschafft hatte. «Aber nach einer halben Stunde habe ich gemerkt, dass ich eigentlich noch gar nicht fertig bin. Also wollte ich wieder bis an den Fuss der Rigi zurückwandern», erinnert er sich. «Und von dort aus bin ich ganz spontan einfach immer weiter gegangen.» So kam er am Ende wieder in Bremgarten an und genehmigte sich eine Portion Spaghetti Carbonara im Restaurant Promenade. «Ich weiss noch genau, wie gut die waren nach diesem langen Marsch», erzählt er mit glänzenden Augen lachend.

Dreimal musste er aufgeben

Damals ist er also ganz spontan hin und wieder zurück gegangen. Doch in den darauffolgenden drei Jahren, in denen er eigentlich geplant hätte, ebenfalls beide Strecken zu machen, kam stets etwas dazwischen. «Einmal hatte ich schon in Rotkreuz auf dem Hinweg einen solchen Hexenschuss, dass ich aufgeben musste. Beim dritten Lauf kam ich auf die Rigi und bin wieder bis Küssnacht zurückgewandert, gab aber dann auf, weil ich einfach keine Motivation mehr hatte», erinnert er sich. «Ich finde, es muss Spass machen, und wenn man sich quälen muss, ob aus Schmerzen oder sonst wie, dann sollte man besser aufhören.»

Beim letzten Versuch kam er dann auf dem Rückweg bis Rotkreuz. «Seit dem Anstieg auf die Rigi hat es in Strömen geregnet. Meine Füsse waren rot und schmerzten, da habe ich ebenfalls aufgehört.» Darum hofft der Murianer umso mehr auf gutes Wetter in der Nacht auf morgen Donnerstag, 30. Mai.

Weit weg vom Alltagsstress

Warum tut man sich einen Marsch von 100 Kilometern reiner Distanz an? Hansruedi Käslin lächelt verständnisvoll. Er kann sich vorstellen, dass das nichts für jeden ist. «Für mich ist es pure Freiheit.» Diese beginne nach dem Start. «Beim Start im Sunnemärt ist man mit Hunderten Wartenden quasi eingepfercht, wenn man zeitig starten will. Das ist für mich immer das Schlimmste. Aber sobald man draussen ist, wirds wunderbar.» Ungefähr bei Mühlau spüre man, wie die Sonne hinter einem untergehe. «Dieses Abendrot ist etwas Unvergessliches.» Dann sei die nächtliche Wanderung mit Hunderten von Kerzen entlang des Reussweges beleuchtet, sodass man keine Stirnlampe brauche. «Da beginnen die Gedanken zu kreisen. Man denkt über vieles nach, wofür man im Alltagsstress keine Zeit hat. Es gehen einem auf einmal Knöpfe auf, die man teilweise lange mit sich mitgeschleppt hat. Ein wunderbares Gefühl.»

Diese Gedanken, aber auch das eigene Tempo sind Gründe, weshalb Käslin stets alleine geht. «Sehr viele Leute reden miteinander, andere rauchen sogar. Ich kann das nicht, ich möchte einfach still sein, das Gehen und die Natur geniessen und ganz bei mir und meinen Gedanken sein.» Manchmal müsse auch er sich etwas antreiben. «Beim steilsten Stück die Rigi hinauf denke ich meistens an mein Weizenbier, das ich mir oben genehmige, das spornt mich an», lacht er.

Die Schuhe nur locker zubinden

Doch wie schafft er es, nach diesem Anstieg den ganzen Weg wieder zurückzuwandern? «Wenn ich mein Bier getrunken habe und eine halbe Stunde Pause gemacht habe, fühlen sich meine Beine jeweils wieder ganz normal an. Ich sehe oben, wie sich viele Leute Pflaster auf ihre Blasen an den Füssen kleben. Das passiert mir so gut wie nie.» Er hat herausgefunden, was wichtig ist: «Ich ziehe immer zwei Paar Socken an, ein dünnes und ein dickes. Und man darf die Schuhe nie zu fest zubinden und sollte weiche Sohlen tragen», sagt er. Noch ein Tipp: «Man sollte kleine, schnelle Schritte machen, das entlastet den Körper.» Das habe er von einem Mann gelernt, der über 80 Jahre alt gewesen sein musste, und der ihn einmal an einem Rigimarsch überholt hat. «Ich habe mich dann ein paar Minuten seinem Tempo angepasst, weil ich sehen wollte, wie er geht.» Und als Käslin, der in Muri als Schnellgeher bekannt ist, einmal von einer sehr kleinen Frau überholt wurde, musste er endgültig zugeben, dass kleine, schnelle Schritte sich besser eignen.

Zur Vorbereitung wandert er häufig durch die Berner Alpen, denn er besitzt einen fixen Wohnwagen in Grindelwald. Und drei Wochen vor dem Rigimarsch geht er auf die Freiämter Wallfahrt von Muri bis Einsiedeln. «Auch das ist wunderschön.» Ein weiteres Training absolviert der Murianer täglich: Er arbeitet im Spital Muri, alle geraden Monate im Technischen Dienst, alle ungeraden als Transportsanitäter, und immer, wenn es geht, marschiert er über Mittag nach Hause und zurück. «Es macht mir einfach unglaublich viel Spass», sagt er. Ein kleines Detail: Dass Hansruedi Käslin den Spass am Laufen gefunden hat, war eigentlich nicht ganz freiwillig. «Vor etwa 12 Jahren hatte ich finanziell etwas zu kämpfen. Da musste ich mein Auto verkaufen und ging von da an eben zu Fuss. Erst dadurch habe ich gemerkt, wie toll das eigentlich ist, denn man nimmt seine Umgebung ganz anders wahr. Es ist fast eine Art Therapie.»