Bezirksgericht Bremgarten
Er glaubte, die Tochter sei blau, dann sah er rot

Ein Vater sieht ein Foto der Tochter auf Facebook und reicht Gefährdungsmeldung ein, dann verklagt die Mutter den Vater. Vor dem Bezirksgericht Bremgarten ging der Familienstreit vor, während und nach dem Prozess weiter.

Jörg Meier
Drucken
Teilen
Streit vor, während und nach dem Prozess in Bremgarten.

Streit vor, während und nach dem Prozess in Bremgarten.

sl

Sie stritten lautstark vor der Verhandlung. Sie stritten lautstark während der Verhandlungspause. Und sie stritten lautstark, als sie das Gerichtsgebäude verliessen. Sie streiten seit Jahren und ein Ende ist nicht abzusehen.

Der Teil der Geschichte, der diesmal vor dem Bezirksgericht Bremgarten verhandelt worden ist, geht so: Der Vater, 40-jährig, aus Afrika stammend, reicht beim Familiengericht in Bremgarten eine schriftliche Gefährdungsmeldung ein. Er hat auf Facebook ein Foto vom Argovia-Fest entdeckt. Auf dem Foto sieht er seine 15-jährige Tochter, die bei ihrer Mutter lebt und zu der er aufgrund verschiedenster Vorkommnisse nur sehr beschränkt Kontakt haben darf.

Auf dem Foto erkennt er auch die Mutter seiner Tochter, mit der er seit Jahren nur noch durch hässliche Auseinandersetzungen verbunden ist. Als er sich das Foto genauer anschaut, glaubt er deutlich zu erkennen, dass seine Tochter da ziemlich betrunken sein muss. Er verlangt deshalb eine Strafuntersuchung gegen die Mutter und deren Partner mit der Begründung, die beiden hätten der Tochter Alkohol verabreicht und sie auch sexuell gefügig gemacht.

Diagnose ab Facebook-Foto

Die Mutter und ihr Partner werden unverzüglich von der Polizei befragt. Dabei wird sofort klar: Die Anschuldigungen betreffend sexuellen Missbrauchs und Verleitung zu übermässigem Alkoholkonsum sind frei erfunden. Auch die Tochter bestätigt, dass sie auf dem Foto etwas doof dreinschaue, aber das sei dann auch schon alles.

Die frei erfundenen Anschuldigungen bringen die Mutter dermassen in Rage, dass sie den Vater deswegen verklagt. So trifft man sich wieder vor dem Bezirksgericht Bremgarten: der Vater, die Mutter, deren Partner und die Tochter. Sie treffen sich hier nicht zum ersten Mal, wie Gerichtspräsidentin Isabelle Wipf lakonisch feststellt.

Der Vater, der leidlich gut deutsch spricht, erklärt wortreich, als er das Foto seiner Tochter auf Facebook gesehen habe, da habe ihm sein Verstand gesagt, dass sie besoffen sei. Und wer besoffen sei, sei auch sexuell eine leichte Beute. Er habe das Foto auch vielen Bekannten gezeigt. Praktisch alle hätten ihm bestätigt: Mit diesem Mädchen stimme etwas nicht. Das sei betrunken oder noch schlimmer. Er sei der Vater, er müsse doch sein Kind schützen, er wolle alles tun, damit es seiner Tochter gut gehe. Es sei ihm überhaupt nicht darum gegangen, dass die Mutter oder der Stiefvater bestraft würden.

Mit dieser Aussage erntet er lautes, hämisches Lachen der Mutter.

Als ihn die Polizei in der Angelegenheit befragen wollte, ist er zuerst nicht erschienen, dann hat er die Aussage verweigert. Er habe halt keine guten Erfahrungen mit der Polizei gemacht, sagt der Angeschuldigte vor Gericht, deshalb habe er geschwiegen.

Währenddem sich das Gericht zur Urteilsfindung zurückgezogen hat, beschimpfen sich Mutter und Vater vor dem Gerichtssaal gegenseitig laut und heftig, decken sich wütend mit allerlei Schimpfwörtern ein. Die Gerichtspräsidentin, durch den Lärm gestört, kommt hinzu und muss die Streitenden trennen.

50 Franken Entschädigung

Das Gericht spricht den Vater frei vom Vorwurf der falschen Anschuldigung. Denn er habe die Mutter ja nicht direkt beschuldigt, sondern bloss der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) schriftlich gemeldet, dass er Grund zur Annahme habe, dass seine Tochter gefährdet sei. Ein Vorsatz, mit der Meldung der Mutter schaden zu wollen, sei ihm nicht nachzuweisen. Damit stellt sich das Gericht gegen den Staatsanwalt, der einen Schuldspruch und eine Busse von 600 Franke gefordert hatte. Die Verfahrenskosten gehen zulasten des Staates, der Sozialhilfe beziehende Vater erhält eine Entschädigung von 50 Franken für seine Umtriebe. Die Präsidentin ermahnt den Vater, er solle künftig nicht mehr leichtfertig irgendwelche Vorwürfe erheben.

Kaum haben sie das Gericht verlassen, streiten sie weiter. Und ihr Gezeter hallt durch die Gassen der Altstadt.

Aktuelle Nachrichten