Aristau

Er floh mit dem Rennvelo aus Wut und Verzweiflung – und wurde zum Weltenbummler

Ein einziger Augenblick änderte Mario Richners ganzes Leben und machte ihn zunächst zum Ausreisser auf dem Rennvelo.

«Ich war ein ganz normaler Bub und hatte eine glückliche Kindheit und Jugend. Doch, das kann man so sagen», beginnt der heute 71-jährige Mario Richner seine Geschichte. Am 13. Juni 1948 geboren, wuchs er zusammen mit seinen zwei Brüdern und einer Schwester, seinen Eltern Emil und Marie Richner und vielen Freunden im beschaulichen Aristau auf.

Nach der Dorfschule ging er nach Muri in die Bezirksschule und machte anschliessend eine Lehre als Automechaniker bei der Garage Kuhn in Merenschwand. Letzteres zusammen mit seinem besten Freund und «Unterstift», Albert Meier aus Besenbüren, mit dem er zwei Jahre lang jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit und wieder nach Hause fuhr. «Wir hatten zwar nicht übermässig viel Geld, aber es war eine heile Welt, in der ich aufwachsen durfte», hält er fest.

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Die Reisen von Mario Richner – die Karte wird laufend ergänzt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

1967: «Mein persönlicher Zusammenbruch»

Doch dann kam der Moment, der sein Leben veränderte. Das war 1967. «Mein persönlicher Zusammenbruch», wie er es heute nennt. Er beginnt zu erzählen: «Als ich 19 Jahre alt war, beantragte ich einen Pass, denn ich wollte ins Ausland reisen können.» Um diesen zu beantragen, brauchte er seinen Heimatschein.

Und mit dem Heimatschein kam der Schock: «Darauf las ich, dass mein Vater, Emil Richner, gar nicht mein leiblicher Vater war. Da stürzte meine ganze heile Welt in sich zusammen.» Er verstand nichts mehr und konnte auch nicht mit seiner Familie darüber reden. «Das war damals einfach so, man konnte nicht über solche Sachen reden. Aber ich hatte eine solche Wut und Verzweiflung in mir, dass ich überreagiert habe, das weiss ich heute.»

Bei Nacht und Nebel packte er seinen Rucksack und fuhr mit seinem Rennvelo los, mit gerade einmal 30 Franken in der Tasche. «Ich wollte einfach nur weg. Ich war ein Landei und vollkommen naiv. Heute wäre jeder 15-Jährige besser über die Welt informiert als ich damals mit meinen 19 Jahren.» Und heute weiss er auch: «Eine Flucht ist sinnlos, denn man nimmt sich selber immer mit.»

Selbst die Fremdenlegion wollte ihn nicht

Mario Richner schlug sich bis ins belgische Antwerpen durch, litt häufig Hunger und war innerlich zerrissen. Er schlief, wo er gerade konnte, in Schrebergartenhäuschen oder unter Brücken, und wollte an einem Hafen auf einem Schiff anheuern.

«Aber das war eine Illusion, das geht nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte.» Auch in Rotterdam wollte ihn niemand. Also fasste er einen ganz anderen Plan: «Ich stellte mein Rennvelo bei Freunden in Antwerpen ein und fuhr per Autostopp nach Marseille.

Dort wollte ich der Fremdenlegion beitreten.» Doch auch das klappte nicht. «Wer zur Legion ging, war meist ein Verbrecher und hatte nichts zu verlieren. Die hatten damals schon Psychologen da, und die sahen, dass ich ein unschuldiger junger Kerl war. Also schickten sie mich fort.»

So «stöppelte» er zurück nach Belgien, lernte unterwegs die Clochards unter den Seine-Brücken in Paris kennen und versuchte, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Was er nicht wusste: Unterdessen hatten seine Eltern natürlich die Behörden alarmiert.

Mario Richner wurde von Interpol gesucht

«Erst viel später habe ich begriffen, wie viel Schmerz ich meinen Eltern damit beschert hatte», sagt er heute. «Wenn es etwas gibt, das ich in meinem Leben bereue, dann das.» Später erfuhr er, dass Nachbarn seine Mutter tagelang weinen gehört hatten. «Aber auch ich hatte grosses Heimweh und gleichzeitig noch immer diese riesige Wut und diesen Schmerz in mir.»

Abgesehen von seiner Familie litt vermutlich sein bester Freund Albert am meisten unter der Flucht Richners. Auch der erinnert sich: «Sie haben mich mehrfach befragt und angeschrien, ich solle ihnen endlich sagen, wo er sei, ich müsse es doch wissen. Aber ich wusste wirklich nichts.» Nicht einmal mit seinem besten Freund hatte Mario damals über seinen Schmerz reden können.

Doch dann kam die Wende. Mario hatte sich sechs Monate mehr schlecht als recht auf der Strasse durchgebracht, da fand er eine Stelle als Tellerwäscher in einem Restaurant in Rotterdam. Eine Holländerin wollte ihn mit ihrer Tochter verkuppeln und liess ihn daher bei sich wohnen.

«Aber ich hatte andere Sorgen, als mir eine Freundin zuzulegen», erinnert er sich. «Natürlich merkte sie bald, dass mit mir etwas nicht stimmte und ich auf der Flucht war. In meinen Sachen fand sie wohl meine Adresse und schrieb meinen Eltern.»

Diese informierten natürlich sofort die Polizei. «Ich war bei der Arbeit, als Beamte ins Restaurant kamen und mich abführten.» Drei Tage verbrachte er auf dem Posten, «dann kamen mein Vater, mein Lehrmeister Martin Kuhn und der Dorfpolizist Hunziker und holten mich ab.»

Am Zoll wurden sie kontrolliert und die Zöllner hätten ihn beinahe wieder da behalten wollen, weil er ja gesucht wurde. «Aber Polizist Hunziker konnte sie aufklären und mich nach Hause bringen.»

Endlich wieder daheim – doch nicht für lange

Daheim durfte er seine Lehre in der Volvogarage Kuhn in Merenschwand zu Ende bringen. «Darüber, dass mein Vater nicht mein leiblicher Vater war, wurde aber auch dann nie gesprochen. Das war schlimm für mich. Dennoch fiel mir ein Stein vom Herzen, als ich wieder daheim war.»

Nach der Lehre, die er sehr gut abschloss, begann er die Rekrutenschule in Thun, wurde aber wegen eines Knievorfalls vorzeitig freigestellt. «Schon bald zog ich wieder in die Fremde, diesmal offiziell.»

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