Was gut ist und was schlecht, ist heute nicht mehr so klar wie vor 25 Jahren. Noch vor einigen Jahren allgemeingültige Strukturen lösen sich zunehmend auf, Kontakte und Unterstützung unter Nachbarn nehmen ab. Solche gesellschaftliche Veränderungen wirken sich selbstverständlich bis in die Familien aus. Wenn einer weiss, wie sich die Familiensituationen im oberen Freiamt im letzten Vierteljahrhundert verändert hat, dann ist es Peter Wiederkehr. Er leitet seit 25 Jahren die Jugend-, Ehe- und Familienberatungsstelle des Bezirks Muri und hat unzählige Familien in schwierigen Zeiten begleitet. Trotz aller Probleme sieht er sich, seine Stelle und die Region oberes Freiamt in einer privilegierten Situation: «Wir schlagen uns im Vergleich zu anderen Beratungsstellen weniger mit randständigen Bevölkerungsgruppen herum, bei uns ist die Mittelschicht überdurchschnittlich stark vertreten.»

Eltern unter Druck

Aber auch bei dieser gibt es zunehmend Schwierigkeiten, die zum Weg in die Beratungsstelle führen – die wachsenden Fallzahlen belegen das. Die Veränderungen in diesen mittelschichtigen Familien waren in den letzten 25 Jahren markant: «Die Mittelschicht muss immer mehr arbeiten, um ihren Stand zu halten. Das bedeutet, dass Frauen immer häufiger und nach der Geburt der Kinder immer früher wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen müssen.» Gleichzeitig fühlen sie sich die Eltern vermehrt unter Druck, ihren Kindern alles zu ermöglichen und alles richtig zu machen. «Kinder erleben zwar die Liebe ihrer Eltern, gleichzeitig fehlen ihnen aber oft klare Leitplanken und sie erhalten den Eindruck, dass noch vieles andere wichtig ist. Das verunsichert sie.»

Die Familienstrukturen sind, wie Wiederkehr feststellt, fragiler geworden. Gleichzeitig haben sich allgemeingültige Werte abgeschliffen, sind alte Strukturen zumindest teilweise verschwunden oder müssten neuen Realitäten angepasst werden. «Die Zukunft wird ein neues Normensystem, neue Rollenbilder bringen müssen», ist der Sozialarbeiter überzeugt. «Es ist schlicht zu teuer, fehlende Strukturen und Netzwerke mit professionellen Angeboten kompensieren zu wollen.» Ohne professionelle Angebote wird es auch in Zukunft nicht gehen. «Als ich hier begann, hatte der Bezirk Muri rund 20 000 Einwohner. Heute sind es 34 000», sagt Wiederkehr. Neue Beratungsfelder – Stichwort Internet – haben sich aufgetan.

Harmonisches Team

Der Sozialarbeiter schätzt sich glücklich, auf der Jugend-, Ehe- und Familienberatung nicht nur ein sehr gut harmonierendes Team zu haben, sondern auch einen positiv geprägten Kontakt zu den Behörden und Gemeindevertretern. «Die Freiämter sind manchmal dickköpfig und widerstandsfähig, aber sie sehen die Probleme, wenn sie da sind. Und bieten Hand zu Lösungen.» Mit ein Grund dafür sei, dass im ländlichen Freiamt, «die Menschen noch näher beieinander sind als in der anonymeren Grossstadt.» Das sei auch auf Behördenebene so. «Die meisten sind nahe bei den Leuten und merken, wenn irgendwo der Schuh drückt.» Als besonderer Vorteil beurteilt Wiederkehr die grosse Kontinuität sowohl auf der Beratungsstelle als auch bei Behörden und Gemeindevertretern. «Man weiss voneinander, wie man tickt.»

Herausfordernde Arbeit

Für sich und seine Beratungsstelle wünscht er sich, dass das so bleibt. «Wir geniessen bei aller Belastung, der wir ausgesetzt sind, auch die Freiheit, unseren Weg selber zu suchen und zu finden», unterstreicht Wiederkehr. Die herausfordernde Arbeit in einem spannenden Umfeld, die sehr gute Teamkultur, «die anspruchsvolle Gelassenheit der Behörden» sowie die grosse ehrenamtliche Arbeit, die im Vorstand des Trägervereins geleistet wird, seien für ihn die hauptsächlichsten Gründe, weshalb er seit 25 Jahren gerne in Muri als Leiter der Jugend-, Ehe- und Familienberatung tätig ist.

Er hofft, dass es in Zukunft gelingen wird, weitere, jüngere Kolleginnen und Kollegen ins Team zu integrieren und so der Beratungsstelle, die er selber mit seinem starken Engagement wesentlich geprägt hat, in einigen Jahren nahtlos übergeben zu können. Der 62-Jährige hat allerdings nicht im Sinn, sich frühpensionieren zu lassen. «Ich mache meine Arbeit nach wie vor gerne. Bei mir ist der Beruf, auch wenn das jetzt altmodisch daherkommt, Berufung.»