Bünzen

«En riche Mänsch isch oft en Arme mit sehr vil Gäld!»

Das pralle Leben präsentiert die spielfreudige Theatergruppe Bünzen in ihrem neuen Stück «Der grosse Gatsby». Bis zum 14. November sind elf weitere Vorstellungen und allenfalls eine Zusatzaufführung geplant.

In der Mehrzweckhalle Bünzen wird der Theaterbesucher in die goldenen Zwanzigerjahre Nordamerikas versetzt. Denn in dieser Zeit spielt der Roman «Der grosse Gatsby» von Francis Scott Fitzgerald. Regisseurin Evelyne Brader hat den Roman für die Theatergruppe Bünzen in eine bühnentaugliche Dialektfassung umgeschrieben. Sie nimmt einen mit auf eine Reise ins New Yorker Nobelviertel Long Island.

Nach 1920 geniesst der Geldadel das Leben in vollen Zügen. Die Reichen und Wohlhabenden feiern Partys und tun, als hätten sie keine Sorgen. Ernste Dinge werden bei Affären, Tanz und Alkohol verdrängt. Im Mittelpunkt steht Jay Gatsby (gespielt von Michael Diener). Bis Gatsby aber seinen grossen Auftritt hat, darf erst mal um diese mysteriöse Person gerätselt werden.

«Vo de Barbarei zu de Dekadenz»

Eingeführt in die glamouröse Welt wird der Zuschauer nicht durch Gatsby, sondern durch seinen Nachbarn Nick Carraway (gespielt von Michael Stierli). Der bodenständige Investment-Banker ist neu nach Long Island gezogen. Dort stellt er fest, dass seine Cousine Daisy Buchanan (Doris Dethomas) ebenfalls in der Nachbarschaft lebt und besucht sie. Daisy ist mit Tom Buchanan (Pius Strickler) verheiratet und lebt ganz nach dem Motto: «En hübschi dummi Gans dsi ischs Beschte! Alles andere machts Läbe kompliziert.» Derweil pflegt ihr Mann eine teure Affäre mit der aus armen Verhältnissen stammenden Myrtle Wilson (Andrea Schuler).

Als Nachbar wird Nick ebenfalls an eine Party von Gatsby eingeladen und erlebt dort die ganze Dekadenz dieser Zeit. Diese wird immer wieder mit ernsten Tönen hinterfragt. Etwa dann, wenn der Butler Klippspringer (Patrick Grob) ins Publikum seufzt: «Amerika – das isch d’Entwicklig vo de Barbarei zu de Dekadenz – ohni Umwäg über dKultur!»

Nick erfährt, dass Daisy vor dem Krieg ihre Liebe Gatsby gestanden hat, dieser aber anschliessend in den Krieg ziehen musste. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob man die Vergangenheit nicht wiederholen könne.

Emotionale Achterbahn

Der grosse Gatsby ist ein spannendes Theaterstück voller Stimmungswechsel. Der Zuschauer wird auf eine emotionale Achterbahn geschickt, bei der man sich unweigerlich fragt: «Welche Figur ist mir eigentlich sympathisch, welche nicht?» Bis zum tragischen Schluss erlebt man die Schauspieler mal laut, mal leise, mal nachdenklich, verliebt, tiefgründig, verdrängend, erkennend und dann wieder oberflächlich, naiv, dumm und vor allem verunsichert und überfordert.

Den Schauspielern gelingt es, diese Widersprüche ins Publikum zu transportieren. Besonders spannend sind die Inszenierungen der Vergangenheit, bei denen ein grosses Laufrad eine wichtige Rolle spielt. Am nachhaltigsten hängen bleiben aber die nachdenklichen Töne. Wie beim Schlusswort, bei dem Nick zusammenfasst: «Min Vater het immer gseit: Nick! En riche Mänsch isch oft en Arme mit sehr vil Gäld!»

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