Widen
Empörung über Entlassung des Mutscheller Pfarrers

Der Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg verteidigte vor den Kirchgemeindeangehörigen die ausgesprochene Kündigung gegen den reformierten Mutscheller Pfarrer.

Lukas Schumacher
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Christoph Weber-Berg im Gespräch mit einer Angehörigen der Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen.

Christoph Weber-Berg im Gespräch mit einer Angehörigen der Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen.

sl

Die kürzlich bekannt gegebene Entlassung eines verheirateten reformierten Mutscheller Pfarrers wegen einer Affäre mit einer Frau löste nationale Schlagzeilen aus und gibt nach wie vor sehr viel zu reden.

Weshalb hat der Kirchenrat der reformierten Landeskirche Aargau eine derart harte disziplinarische Massnahme ausgesprochen? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Informationstreffens im Kirchgemeindezentrum Widen. 50 Angehörige der reformierten Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen nahmen am Anlass teil. Das Treffen wurde zu einem schwierigen Abend für Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg.

«Amtspflicht schwer verletzt»

Das Disziplinarverfahren war gewiss kein Schnellschuss. Wie Kirchenratspräsident Weber-Berg ausführte, dauerten die Gespräche, Abklärungen und Stellungnahmen im Fall des 53-jährigen Mutscheller Pfarrers rund neun Monate. Sie gipfelten in der Verfügung des Kirchenrats, dem Pfarrer per Ende September zu kündigen, obschon keine strafrechtliche Verfehlung vorliegt.

Der Kirchenrat als zuständige Disziplinarbehörde habe die Kündigung nicht aus moralischen Gründen ausgesprochen, teilte Weber-Berg mit. Vielmehr liege eine «schwere Verletzung der Amtspflicht» vor, denn der Pfarrer habe sich auf das Verhältnis mit der Frau im Rahmen seiner Seelsorge-Betreuung eingelassen. Seelsorge stehe für Menschlichkeit und Integrität.

Die professionelle seelsorgerische Betreuung habe zum Ziel, die Würde einer betreuten Person zu wahren. Weber-Berg wies auf die beruflichen Standesregeln hin, ein Ehrenkodex, den die Landeskirche Aargau vor über zehn Jahren einführte. «Ansonsten», betonte der Kirchenratspräsident, «hat der Pfarrer seine Arbeit gut und pflichtbewusst gemacht.»

Unverständnis und Frust

Etwa 15 Mitglieder der Reformierten Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen meldeten sich zu Wort. Fast alle reagierten mit Unverständnis, Verärgerung und Frust auf die «von oben diktierte Entlassung». Der Kirchenrat habe den Mutscheller Pfarrer förmlich an den Pranger gestellt, obschon wenig vorgefallen sei: ein aussereheliches sexuelles Verhältnis zwischen zwei Erwachsenen, das der Pfarrer im Übrigen schon lange beendet und auch mehrfach bereut habe.

«Die Kirchgemeinde verliert einen Pfarrer, der uns während 14 Jahren zuverlässig und engagiert betreute», sagte ein Versammlungsteilnehmer. Offenbar würdige der Kirchenrat die gute Arbeit des Pfarrers kaum und brandmarke stattdessen den begangenen Fehltritt. Das sei unmenschlich. Anstelle der Entlassung wäre ein Verweis oder eine Verwarnung angebracht gewesen. Mehrere weitere Anwesende sprachen ähnlich klare Worte.

Erstes Stellenangebot

Der gekündigte Pfarrer und Familienvater steht beruflich nicht vor dem Nichts. Wie Manfred Streich, der Kirchenpflegepräsident der Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen, ausführte, ist dem Mutscheller Pfarrer bereits ein erstes Stellenangebot von Verantwortlichen einer Kirchgemeinde offeriert worden. Weitere Angebote sollen folgen. Wegen der Kündigung darf der Pfarrer nicht mehr in den 14 reformierten Kirchgemeinden des Dekanats Lenzburg arbeiten.

In allen anderen Kirchgemeinden des Kantons Aargau und überall ausserhalb des Kantons bleibt der Pfarrer aber wählbar.
Die Rekursfrist läuft noch. Der Pfarrer könnte Einsprache bei den kirchlichen Instanzen wegen der Entlassung machen und, je nach Beurteilung, den Fall dann weiterziehen an die staatlichen Gerichtsinstanzen. Ob der Pfarrer den Rechtsweg beschreitet, ist offen.