Freiamt
Elisabeth Strebel steht im Zweifrontenkrieg zwischen Justiz und Medien

Seit zehn Monaten ist Elisabeth Strebel Sprecherin der Staatsanwaltschaft Aargau. Ihre Arbeit zwischen Medien und Juristen bezeichnet die Freiämterin als «sehr interessant, fordernd und erfüllend».

Toni Widmer
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Elisabeth Strebel mit Carl Gustaf auf einem Ausritt am Lindenberg in Buttwil.

Elisabeth Strebel mit Carl Gustaf auf einem Ausritt am Lindenberg in Buttwil.

Toni Widmer

«Tanti, was muss ich tun, damit ich mir wie du mehrere Pferde leisten kann?» Das wurde Elisabeth Strebel von ihrer 10-jährigen Nichte gefragt. «Da musst du lange in die Schule gehen und dir Mühe geben», antwortete die 34-jährige Freiämterin. Strebel ist in Buttwil zur Schule gegangen, wo sie aufgewachsen ist, und in Muri, wo sie heute wohnt. Es folgten das Gymnasium in Immensee und das Jusstudium in Luzern, das sie 2010 mit der Dissertation abschloss.

Polizistin oder Journalistin

Als Mädchen wollte sie Polizistin werden oder Journalistin. Seit dem 1.Januar 2012 leitet sie die Medienstelle der Staatsanwaltschaft Aargau und hat in ihrer Funktion sowohl mit der Polizei wie mit den Medien zu tun. Ihr Traumjob? «Manchmal eher ein Albtraumjob, wenn mich alle Journalisten in einem heissen Fall gleichzeitig bestürmen», lacht sie und sagt: «Es ist eine sehr interessante Tätigkeit, die mich fordert und erfüllt. Aber sie befriedigt mich noch nicht in allen Teilen.» Warum? «Journalisten wollen immer sehr viel wissen und zuweilen kann ich nur sehr wenig sagen, obwohl ich gerne mehr sagen möchte. Das ist auf die Dauer für beide Seiten anstrengend.»

Information kann den Täter warnen

Wenn die Aargauer Staatsanwaltschaft bisweilen zurückhaltend informiere, dann habe das nichts mit Geheimniskrämerei zu tun, sagt Elisabeth Strebel, die Leiterin der Medienstelle. Zu viel Öffentlichkeit im Vorverfahren könne sich unter Umständen negativ auf das Verfahren auswirken: «Wir dürfen nicht Gefahr laufen, dass eine angeklagte Person letztlich mit einer tieferen Strafe davonkommt oder sogar freigesprochen wird, weil im Vorverfahren zu viele Details an die Öffentlichkeit gelangt sind.» Es seien aus der Praxis Fälle bekannt, in denen die Verteidigung der Staatsanwaltschaft aufgrund einer unüberlegten Äusserung Voreingenommenheit oder Parteilichkeit vorgeworfen habe, um so erfolgreich eine Strafmilderung zu erreichen. Möglich sei es auch, dass mit einer heiklen Verlautbarung im Vorverfahren ein mutmasslicher Täter gewarnt werde. (to)

Die Medienstelle der Staatsanwaltschaft als Informationsverhinderin? Es kommt ein entschiedenes Nein: «Der Konflikt liegt in der Natur der Sache. Im Gegensatz zur Polizei, die je nach Sachlage etwas offener kommunizieren kann, ist bei der Staatsanwaltschaft Zurückhaltung angesagt. Wir leiten das Vorverfahren und das ist – im Gegensatz zum Gerichtsverfahren – nicht öffentlich. Bezüglich Information sind uns vom Gesetz her enge Grenzen gesetzt.»

Andererseits, erklärt Strebel, wolle die Staatsanwaltschaft dem engen gesetzlichen Rahmen zum Trotz möglichst offen informieren. Dabei gelte es, den richtigen Konsens zu finden. Das theoretische Rüstzeug dazu hat sie sich mit ihrer Dissertation erworben: «Schutz der Persönlichkeitsrechte der beschuldigten Person – zu den Grenzen der medialen Öffentlichkeitsarbeit der Staatsanwaltschaft im Vorverfahren».

Dissertation würde wohl anders

Die Doktorarbeit als Nachschlagewerk im heutigen Job? Elisabeth Strebel lächelt. «Wenn es so einfach wäre!» Sie habe untersucht, wo die Grenzen der Information im Vorverfahren lägen und wo sich Staatsanwälte allenfalls strafbar machen könnten. «Ich versuchte herauszufinden, wie weit sich ein Staatsanwalt in einem Vorverfahren noch äussern darf, ohne dabei das Persönlichkeitsrecht und das Strafrecht zu verletzen.» Die Praxis sei immer anders, zieht sie nach zehn Monaten im neuen Job eine erste Bilanz und sagt: «Ich habe inzwischen so viel praktische Erfahrung zum Thema gesammelt, dass meine Dissertation wohl etwas anders herauskommen würde.»

Die Bauchlandung der Theoretikerin? «Nein», lacht sie, «so ist es auch wieder nicht. Aber ich musste lernen, mich in einer Art Zweifrontenkrieg zu behaupten. Auf der einen Seite die Medien, die ein gewisses Recht auf Information haben. Auf der anderen Seite die Staatsanwaltschaft, die aus rechtlichen Überlegungen am liebsten schweigen möchte, besonders in heiklen Fällen.»

Es gäbe auf beiden Seiten noch viel zu tun. Die Medien müssten akzeptieren lernen, dass die Staatsanwaltschaft nicht nach dem gleichen Prinzip informieren könne wie die Polizei. Und die Staatsanwaltschaft müsse sich noch vermehrt mit dem Informationshunger der Medien auseinandersetzen.

Reitsport als Leidenschaft

Zurück zum Anfang: Ihre erste Stute kaufte sich Elisabeth Strebel nicht erst mit ihrem Gehalt als Assistentin für Straf- und Strafprozessrecht bei Professor Jürg-Beat Ackermann an der Uni Luzern. Sunora hat sie sich während der Studienzeit als Flight Attendant bei Swissair und Belair abgespart. Heute stehen zwei weitere Pferde im Stall: die Holsteiner-Stute Pallina und der Schimmelwallach Carl Gustaf. «Ich könnte mir das gar nicht leisten. Aber ich will die verletzte Sunora nicht weggeben, die ich beim Springen nicht mehr reiten kann. Sie hat das Gnadenbrot bei mir verdient.»

Auf dem Pferderücken kann die begeisterte Sportreiterin vom gelegentlich belastenden beruflichen Alltag abschalten. «Ich habe meine Pferde noch nie so geschätzt wie heute. Sie stellen keine Fragen, wenn ich komme. Sie freuen sich einfach, wenn ich da bin. Die Pferde zwingen mich auch, täglich raus zu gehen und aktiv zu sein. Das ist ein guter Ausgleich zu meinem Beruf.» Die Pferde sind ihre grosse Leidenschaft und ihr einziges Hobby: «Ausser meinem Partner hat nichts anderes mehr Platz.»

Unabhängigkeit wichtig

Elisabeth Strebel wäre allerdings nicht Elisabeth Strebel, wenn sie mit ihren Pferden lediglich ein bisschen durch das geliebte Freiamt reiten würde. Auf dem Pferderücken ist sie noch fast ehrgeiziger als im Beruf, wie ihre guten Resultate von diversen Spring-Konkurrenzen zeigen.

Und was antwortet Elisabeth Strebel ihrer Nichte, wenn die sie mal danach fragt, was – neben Partner, Familie, Beruf und Pferden – der Begriff «Leben» für sie sonst noch bedeutet? «Ich bin unabhängig, ich bin selbstständig, ich kann weitgehend über mein Leben bestimmen und vieles von dem tun, was mir gefällt. Ich habe einiges dafür getan und deshalb kann ich heute so leben, wie ich es mir immer vorgestellt habe.»