Andreas Santoni hat nach 40 Jahren sein Schweigen gebrochen. Er erzählte, was ihm als Schüler im Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil passiert war. Erzählte vom Pfarrer, der ihn sexuell missbraucht hatte. Bis heute kann er nicht über die Details sprechen, kann nicht sagen, was genau der Pfarrer ihm angetan hatte. Er hatte auf die Bibel geschworen, niemandem etwas zu erzählen.

In einem Brief wendet sich Peter Bringold, der damalige Gesamtleiter des Kinderheims, an die AZ. Darin greift er die heutigen Verantwortlichen an. Er kritisiert die aktuelle Heimleitung, weil sie sich letzte Woche öffentlich bei Andreas Santoni und allen anderen Opfern entschuldigte, weil sie zu den Fehlern steht, die im Heim passiert sind. «Ich bedaure ausserordentlich, dass die damaligen Verantwortlichen nicht in der Lage waren, die uns anvertrauten Kinder zu schützen», sagte Regula Jäggi, die heutige Präsidentin des Vereins Kinderheim St. Benedikt, vor den Medien.

«Unfassbar und unverzeihbar»

Jäggi unterstellte dem damaligen Vorstand, allen Erziehern, Lehrern und ihm als damals verantwortlichem Gesamtleiter, «etwas verpasst oder gar geduldet zu haben, das wir alle nie und nimmer hätten verpassen dürfen, geschweige denn geduldet hätten», schreibt Bringold. Er weise «diese Unterstellung im Namen aller damaligen Verantwortungsträger mit Entschiedenheit zurück» und halte «mit aller Deutlichkeit» fest, dass keiner der angeschuldigten Verantwortungsträger – also weder Vorstand, Erzieher, Lehrer oder er selber – von den «verabscheuungswürdigen Machenschaften im Pfarrhaus je etwas erfahren oder davon gewusst haben».

Der Pfarrer sei ja auch «sehr perfid» vorgegangen, indem er den Knaben auf die Bibel habe schwören lassen. «Ungeheuerlich, unfassbar, unverzeihbar», schreibt Bringold. Beda Szukics, dem Abt des Benediktinerklosters Muri-Gries, zolle er grossen Respekt, weil er die institutionelle Verantwortung für die «ungeheuerliche Verfehlung des Ordensbruders» übernommen und alle Betroffenen um Entschuldigung gebeten habe. Dass aber auch die Verantwortlichen des Kinderheims Verantwortung übernehmen und sich öffentlich entschuldigten, findet Bringold falsch.

Andreas Santoni habe klar gesagt, dass er bis vor Kurzem nicht über das Erlebte habe sprechen können und sich «demzufolge auch keinem damaligen Verantwortungsträger oder Mitarbeiter je anvertraut hat», schreibt der ehemalige Heimleiter. Es sei auch so, «dass der Pfarrer weder im Kinderheim logiert noch zum Mitarbeiterstab des Kinderheims gehört hat». Der Missbrauch habe nicht im Kinderheim, sondern im Pfarrhaus der Pfarrgemeinde Bruder Klaus stattgefunden. Das wolle er klarstellen und so das Kinderheim vor «zu Unrecht erfolgten Beschuldigungen oder gar Verurteilungen schützen».

Pfarrer war Religionslehrer

Jäggi versteht zwar seine Sorge um den Ruf des Kinderheims und alle damaligen Mitarbeiter. Für sie ist aber klar, dass das Kinderheim für den fehlbaren Pfarrer einen Teil der Verantwortung übernehmen muss. «Der Täter war nicht nur Pfarrer, er war auch 18 Jahre lang Vorstandsmitglied des Kinderheims und Religionslehrer», sagt Jäggi. «Ist jemand 18 Jahre im Vorstand, dann trägt das Kinderheim einen Teil der Verantwortung, wenn sich diese Person an Kindern vergreift.» Dafür habe sie sich letzte Woche entschuldigt. Ob die sexuellen Übergriffe im Pfarrhaus stattgefunden haben, im Religionszimmer oder wo auch immer, sei letztlich «völlig irrelevant».

Mit Peter Bringold hätten sie vor dem Schritt an die Öffentlichkeit das Gespräch gesucht. «Wir wollten nicht, dass er aus der Zeitung davon erfährt», so Jäggi. Bringold schreibt, er habe vor rund zwei Monaten «erstmals einen Hinweis auf ein mögliches sexuelles Vergehen an einem uns damals anvertrauten Knaben seitens des Dorfpfarrers» erhalten. Santonis Schilderungen über das Vorgehen des damals «hoch angesehenen Dorfpfarrers» hätten ihn «tief erschüttert». Das entstandene Leid sei unermesslich. Er hoffe, der Schritt an die Öffentlichkeit trage dazu bei, «die zugefügten seelischen Verletzungen vernarben zu lassen».

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Vom Dorfpfarrer sexuell missbraucht: «Ich spüre Gott im Moment nicht mehr.» (20. Juni)

   

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