Muri
Einzigartiges Dokument aus Muri erstmals vollständig übersetzt

Wie verwaltete das einst mächtige Benediktinerkloster Muri im Mittelalter seinen immensen Besitz, der weit über den Aargau bis ins Elsass und an den Zugersee reichte? Aufschluss gibt die Klosterchronik Acta Murensia.

JÖRG BAUMANN
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Jeannette Rauschert im Staatsarchiv mit den Acta Murensia. BA/Archiv

Jeannette Rauschert im Staatsarchiv mit den Acta Murensia. BA/Archiv

Die Murianer Klosterchronik Acta Murensia von 1150 liegt 860 Jahre nach ihrer Abfassung erstmals in einer wissenschaftlich fundierten und vollständigen deutschen Übersetzung und mit einem ausführlichen Kommentar vor. Vier Jahre lang arbeiteten die Mittellateinerin Charlotte Bretscher (Dorf ZH) und der Mittelalter-Historiker Christian Sieber (Langnau a.A.) daran. Seit 1886 liegt die Urkunde in einer um 1400 abgefassten Abschrift im Aargauer Staatsarchiv. Sie bestand ursprünglich nur aus 40 Seiten und ist mit der Übersetzung und mit dem umfassenden Kommentar und Register auf stolze 400 Druckseiten angewachsen.

«Die Acta Murensia gehören zu den wichtigsten Quellen im Staatsarchiv», sagt die stellvertretende Staatsarchivarin Jeannette Rauschert. Sie hat die Neueditition der Urkunde seit den ersten Ideen bis zur Ausführung vom Staatsarchiv aus betreut. «Es gibt keine Gemeinde im Freiamt, die in den Acta Murensia nicht genannt würde. Deshalb greifen alle Lokalhistoriker immer auf diese Quelle zurück, wenn sie sich mit der Geschichte eines Freiämter Dorfes befassen.»

Niemand kennt den Autor der Acta Murensia, auch nicht den Namen jenes Mannes, der die Abschrift besorgte. «Dieses Geheimnis konnte weder ich noch mein Kollege Christian Sieber lüften», bestätigt die Übersetzerin Charlotte Bretscher. Gleichwohl war für sie die Arbeit an der Urkunde spannend. «Sie hat mich in keinem Moment gelangweilt», sagt sie. Etwas hat Charlotte Bretscher bei ihrer Arbeit herausgespürt: «Der Abschreiber hatte es offensichtlich pressant. Möglicherweise wurde dieser nur knapp honoriert – wer weiss es?»

Der Kopist – ein Mönch oder ein Amts- oder Stadtschreiber – machte vieles gut. Aber er machte auch Schreibfehler – dies der Befund der Übersetzerin. Einmal liess er ein Wort aus, das andere Mal schrieb er es einmal so, dann wieder anders. Lücken im Text beurteilte der Benediktiner Mönch Martin Kiem aus dem Kloster Muri-Gries im Südtirol, der die Urkunde 1883 editiert hatte, mit einigem Wohlwollen. Er ging mit grosser Selbstverständlichkeit davon aus, dass nur ein Mönch die Abschrift angefertigt haben könnte, und attestierte diesem, dass ein fehlendes Wort eben leider «in der Feder des Schreibenden» geblieben sei. Allen Schwierigkeiten zum Trotz sei sie bei der Übersetzung «möglichst nahe» am lateinischen Text geblieben, erläutert Charlotte Bretscher.

«Es handelt sich um ein einmaliges Zeitdokument.» Denn der Kopist habe seinen Mitbrüdern neben der Auflistung des Klosterbesitzes auch eine Art Handbuch mitgegeben, nach dem sie die Verwaltung der Güter in der Landwirtschaft, im Rebbau oder bei der Fischenz am Zugersee durchführen könnten. Einmal empfahl der Abschreiber, dass man die Bewirtschafter an der langen Leine behalten und machen lassen sollte, dann wieder, dass das Kloster die Güter und die zu erwartenden Abgaben besser selber überwachen und steuern sollte. «Alles konnte die kleine Klostergemeinschaft ohnehin nicht selbst kontrollieren», sagt die Übersetzerin.

Für Jeannette Rauschert ist die Neuedition der Acta Murensia auch deshalb von Bedeutung, weil nun nicht nur Fachleute, sondern auch historisch interessierte Laien anhand des deutschen Textes, der neben der lateinischen Urfassung steht, gewisse Vorgänge im Kloster Muri im Mittelalter hautnah verfolgen können. Die dem Buch beigelegte CD-ROM ermöglicht es dem Leser ausserdem, mit einer Suchfunktion alle Stichwörter mit den dazu gehörenden Erklärungen aufzuschlüsseln. Der umfangreiche Kommentar-Apparat ist ein weiteres wertvolles Werkzeug für alle, die sich von der spannenden Geschichte des Klosters Muri fesseln lassen.