Aristau
Eine Weltkriegskirche für Wendelin – die wohl jüngste Kirche des Freiamts feiert ihren 75. Geburtstag

Die Aristauer Kirche ist eine Weltkriegskirche. Eine Kirche, die zwischen 1942 und 1943 für rund 272'490 Franken gebaut wurde. Die ganze Dorfbevölkerung, selbst die Schulkinder, halfen damals mit, das Bauwerk zu errichten.

Andrea Weibel
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Die wohl jüngste Kirche des Freiamts feiert ihren 75. Geburtstag – sogar die Kinder halfen damals beim Bau
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Eine Messe, die 1941 zwischen den noch unfertigen Kirchenmauern stattfand.
Auch die Arbeiter, die die Kirche Aristau aufbauen, brauchen ab und zu eine Pause.
Die Zimmermänner beim Bau des Kirchendachs.
Der eingerüstete Kirchturm ist beinahe fertig.

Die wohl jüngste Kirche des Freiamts feiert ihren 75. Geburtstag – sogar die Kinder halfen damals beim Bau

Andrea Weibel

Vor 77 Jahren waren hier noch Äcker. Und zwar die von Stöckli Gottfried, Stierli Josef «Martis» und der Familie Waltenspül. Doch alle drei wussten: Mit ihren Feldern würden sie bald helfen, Gott noch ein bisschen näher ins Reusstal zu holen. Waltenspüls schenkten ihr Land sogar, während die anderen zwei Familien ihres verkauften. Denn hier sollte sie zu stehen kommen, Aristaus eigene Kirche.

«Damals herrschte ein unbändiger Drang, hier unten eine Kirche zu bauen», berichtet Kirchenpflegepräsident Josef Stöckli, der zwei Jahre älter ist als die Kirche in Aristau. Für den Bau sprachen zwei Argumente: Einerseits musste man sich schon im Diesseits einen Platz im Paradies sichern, andererseits war es aber auch an der Zeit, «dass die Leute endlich nicht mehr jeden Sonntag nach Muri schuenen mussten». Denn bei aller Gottesliebe hatten die Aristauer, von denen die meisten Bauern waren, doch unter der Woche zu viel zu tun, als dass sie sonntags auch noch eine Stunde zur Messe ins Klosterdorf und eine Stunde zurück hätten wandern müssen. Ihr Wunsch wurde immer drängender: Die Reusstaler wollten eine eigene Kirche. Doch wo sollte sie hin? Die Antwort war noch um 1900 ganz und gar nicht klar.

Brücke half der Schlichtung

Ihr Problem: Es waren zu viele Dörfer involviert. Die Kirchgemeinde Reusstal sollte neben den drei Aristauer Gemeinden Birri, Aristau und Althäusern auch Rottenschwil und den Weiler Werd einschliessen. Die Rottenschwiler fanden, weiter als bis Althäusern würden sie sicher nicht gehen. Die Leute aus Birri hingegen sahen bereits Aristau als äusserste Schmerzgrenze an, da sie sonst gleich weit hätten wie nach Muri. Doch da schlug Gott – beziehungsweise der Kanton – eine Brücke zur Schlichtung. Im wahrsten Sinn des Wortes. 1907 wurde Rottenschwil durch die neue Reussbrücke fest mit Unterlunkhofen verbunden. Sofort sprangen die zwei Dörfer reussabwärts vom Kirchenbauprojekt und der neuen Pfarrei ab. Zwischen Birri und Althäusern war rasch klar, wo die Kirche hinsollte.

Kein Geld, aber viele Arbeiter

Ebenfalls schnell klar war: Die Aristauer hatten kaum Geld. Dennoch kamen aus Birri 5900 Franken, aus Aristau 9550 Franken und aus Althäusern gar 23'100 Franken für den Neubau zusammen. Total kosteten Kirche und Turm jedoch 272'490 Franken und 87 Rappen. Zum Vergleich: Für dieses Geld könnte man sich heute etwa zweieinhalb Cadillac Escalades oder zwei Diamant-Rolex kaufen. Dazu kam das Pfarrhaus für weitere 59'970 Franken und 46 Rappen, was etwa einem VW T6 California – also einem hübschen neuen VW-Büssli – oder zwei bis drei Harley Davidsons entspricht.

Doch in Aristau brauchte man weder Caddys noch VWs. Alles, was man brauchte, waren Pferdefuhrwerke und Muskeln. «Jeder, der zwei Beine hatte, half damals, die Kirche zu bauen. Mit Baumaterial wie Holz und Stein aus dem Dorf sowie ganz viel Fronarbeit schafften es die Aristauer, die Kirche so günstig wie möglich zu bauen», weiss der 77-jährige Stöckli. Die ganze Dorfbevölkerung, selbst die Schulkinder, halfen damals mit, das Bauwerk zu errichten. Die Kinder standen innen auf langen Leitern und gaben sich Hand um Hand verschiedenes Baumaterial oder Werkzeuge hinauf, während draussen auf einem Holzgerüst die Erwachsenen Schubkarren voller Steine oder Ziegel die Aussenmauern hinaufkarrten.

Josef Stöckli, Abtretender Kirchenpflegepräsident Aristau   

Josef Stöckli, Abtretender Kirchenpflegepräsident Aristau   

Andrea Weibel

Die Tuffsteine für die Mauern stammten aus der dorfeigenen Tuffsteinfabrik zwischen Birri und Aristau. «Lediglich die innerste Schicht hat man zugekauft, weil der einheimische Tuff nicht so dekorativ war.» Das Holz holte man im Wald. «Und da es vor der Reusstalmelioration noch keine Naturschutzzone, dafür viele Überschwemmungen gab, holten die Leute Kies und Sand aus der Reuss.»

Eine Weltkriegskirche

Die Aristauer Kirche ist eine Weltkriegskirche. Vom Ersten Weltkrieg hatte man sich noch vom Bau abhalten lassen. Doch mitten im Zweiten Weltkrieg, am 14. Juni 1942, legte Bischof Franziskus von Streng den Grundstein für die Kirche. Als die Deutschen gegen Russland zogen, fühlte man sich in der Schweiz so sicher, dass vermutlich auch viele Aristauer Soldaten vorübergehend von der Grenze nach Hause kommen durften. Denn nur ein Jahr später, am 11. Juli 1943, konnte derselbe Bischof die fertige Kirche dem heiligen Wendelin weihen, dem Schutzpatron der Hirten und Bauern. Zusammen mit Wendelin erhielten auch die Aristauer endlich ihre lang ersehnte Kirche. Und zwar eine, in der niemand im Regen stehen musste: «Ziel war, dass jeder Aristauer Katholik einen Platz in der Kirche bekommen sollte. Der Architekt erhielt also den Auftrag, Platz für 450 Leute zu schaffen.»

Was der heutigen Kirchenpflege bei all den Renovationen in den vergangenen Jahren wichtig war, wussten ihre Vorgänger schon vor 75 Jahren: «Die Baukommission war schlau, sie baute nicht alles aufs Mal, sondern Schritt für Schritt. Zuerst war der grosse Saalbau der Kirche nackt, aber die Aristauer mussten nicht mehr nach Muri. Immer wieder sammelten sie Geld und bauten nach und nach farbige Fenster ein, eine Orgel, Glocken, eine Heizung und so weiter.»

Wie ihre Vorgänger auf den Leitern helfen auch heute die Schulkinder bei der Feier mit. Jedoch ohne Leitern und Steine. Stattdessen haben sie zusammen mit Pastoralassistent Stefan Heinzmann ein Video gedreht. Ihr Motto: 75 Jahre lebendige Kirche Aristau.

Jubiläumskonzert

8. Dezember, 19.30 Uhr, Kirche Aristau. Kirchenchor Aristau, Ad-hoc-Orchester und Geschichten