Anfang August hat ein Sturm im Wohler Wald mehrere Bäume geknickt. Zu den Sturmopfern gehörte eine uralte Linde beim Hühnerstein im Schweikhau. Ein alltägliches Ereignis, wenn sich mit der Linde nicht ein tragisches Ereignis verbinden würde. «Beim Hühnerstein erhängte sich vor hundert Jahren ein Mann an einer Linde», erzählt Franz Fischer (81), der sich als Privatwaldbesitzer im Wald bestens auskennt.

«Am Stamm müsste Haken sein»

Die Geschichte vom lebensmüden Mann muss wahr sein. Denn nicht nur Fischers Vater, sondern auch andere Leute erzählten sie ihren Kindern. Am möglichen Tatort beim Hühnerstein nimmt Fischer den Feldstecher zur Hand und sucht den geknickten, innen faulen Stamm ab. «Am Stamm müsste ein Eisenhaken sein. Daran hat sich der unglückliche Mann aufgehängt», sagt er.

«Ich habe den Haken als Bezirksschüler vor bald 70 Jahren auf den Ausmärschen mit den Wohler Kadetten selber gesehen. Er müsste noch da sein.» Nochmals schaut Fischer durch den Feldstecher. Er findet den Haken aber nicht. Vielleicht befindet er sich auf der Rückseite des Stammes, die aber verdeckt ist und nicht eingesehen werden kann. Oder der Haken ist an der Linde in unmittelbarer Nähe. Diese hat den Sturm überlebt.

Die Sache mit der Linde und dem Haken beschäftigt Fischer stark, sicher auch, weil sie alte Jugenderinnerungen in ihm geweckt hat. Bevor der Gemeindeförster Leonz Küng den geknickten Baumstamm wegräumen lässt, sollte allenfalls auch er einen Blick darauf werfen und nach dem Haken suchen. Küng bestätigt, dass der Stamm der Linde faul war. «Ich werde mich einmal um den Baum kümmern. Die Linde stand im Wohler Ortsbürgerwald », so Küng.

Eine andere Frage: Was bedeutet der Name «Hühnerstein»? Der Wohler Bezirkslehrer, Heimatforscher und Archäologe Emil Suter (1875–1944) wies 1934 in seinem Buch über die Flurnamen der Gemeinde Wohlen darauf hin, dass der Hühnerstein richtig Hünenstein heissen müsse, was an prähistorische Zeiten erinnere. Neueren Datums sei die Deutung, so Suter, dass die Hühnerträger beim Hühnerstein ihre Körbe mit den Hühnern abstellten. Nach einer Sage entspringt dem Hühnerstein ein totes Huhn, wenn man es fertig bringt, ohne zu atmen sieben Mal um den Stein zu gehen.

Doch nicht der Reussgletscher?

Wie kamen der Hühnerstein, der Bettlerstein oder der Erdmannlistein in unseren Wald? Durch den Reussgletscher in der letzten Eiszeit, sagt die klassische Archäologie. Stimmt nicht in jedem Fall, meinen die Archäoastronomen. Eine Gruppe rund um den pensionierten Bauingenieur und aktiven Archäoastronomen Richard Walker aus Rifferswil hat Zweifel an der offiziellen Theorie.

Mitglieder der Gruppe haben das Gebiet im unteren Freiamt mit den vielen Steinsetzungen untersucht. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass die ausgesprochen ästhetisch wirkende Konfiguration des Erdmannlisteins allein dem Reussgletscher zugeschrieben werden könne, schreibt Walker in einer Publikation.

Waren der Erdmannlistein oder andere grosse Steinkomplexe im Wald also prähistorische, von Menschen angelegte Grab- oder Kultstätten? Die Diskussion läuft. «Die Archäologen nehmen uns heute ernst, ernster als früher», sagt Walker. «Wir grenzen uns aber ab von den Esoterikern, die ins Blaue hinaus spekulieren.»