Es ist ein emotionales Thema, viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass ihre Organe nach ihrem Tod aus ihrem Körper entnommen werden sollen. Doch damit retten sie Leben. Marlies Huber (64) hat das am eigenen Leib erfahren. Aufgrund einer Krankheit nahm ihre Lunge nur noch 20 Prozent des Sauerstoffs auf. «Ich hatte Angst, bei vollem Bewusstsein zu ersticken», erinnert sie sich.

Doch eine Lungentransplantation konnte ihr Leben nicht nur verlängern, sondern ihr ganz viel Lebensqualität zurückgeben.

«Ich konnte nicht gleichzeitig geradeaus gehen und reden, hatte kaum noch Kraft. Heute kann ich wieder nordic walken, gehe ins Fitness und war im Frauenturnverein, bis dieser aufgelöst wurde. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass mir jemand seine Lunge gespendet hat und danke ihm und seinen Angehörigen von Herzen.»

Marlies Huber war ihr Leben lang Pflegefachfrau, eine lange Zeit auf der Intensivstation, wo sie auch Organspender und -empfänger betreut hat.

«Ich wusste, wie wichtig es ist, seine Organe nach dem Tod zu spenden, darum hatte ich jahrelang einen Spenderausweis bei mir», sagt sie.

«Auf der Website von Swisstransplant habe ich einen Spruch gelesen, der für mich ganz wichtig ist: Trage deine Organe nicht in den Himmel, der Himmel weiss, dass sie auf Erden gebraucht werden.» Sie selbst darf aufgrund der Medikamente, die sie nun nehmen muss, keine Organe mehr spenden. Aber sie möchte den Menschen sagen, wie wichtig Organspenden sind.

Sie kennt aber auch die Ängste vieler Leute, die sich nicht mit einer Organentnahme nach ihrem Tod anfreunden können. «Für einige ist es rein emotional, dass sie glauben, ihnen fehle nachher etwas. Dabei haben sie ja keine Verwendung mehr für ihre Organe, wenn sie selbst gestorben sind», hält Huber fest.

«Oft habe ich aber auch gehört, dass sich Leute fürchten, dass man sich weniger Mühe bei lebensrettenden Massnahmen geben würde, wenn die Organe anschliessend entnommen werden dürften. Da kann ich die Leute absolut beruhigen, denn es sind zwei vollkommen verschiedene Teams, eines ist bemüht, die sterbende Person zu retten, das zweite Team wird erst aufgeboten, wenn es wirklich keine Rettung mehr gibt und der Patient bereits gestorben ist.»

Chronische Bronchitis

Ihre Krankheit, die chronisch obstruktive Bronchitis (COPD), hat Marlies Hubers Lungen lahmgelegt. Sie ist vermutlich wegen ihres starken Rauchens und der Staubbelastung auf dem heimischen Bauernhof aufgetreten.

Über zehn Jahre lang hatte Huber Atembeschwerden, 2009 gaben ihr die Ärzte noch eine Lebenserwartung von einem bis zwei Jahren. «Erst wollte ich keine Transplantation, denn einer von zehn Patienten überlebt die Operation nicht.»

Doch dann informierte sie sich genauer und redete mit «Paten», also Menschen, die bereits eine Transplantation hinter sich haben und sich anbieten, ihre Fragen zu beantworten.

«Das hat mir sehr geholfen, und als sämtliche Tests positiv waren, liess ich mich auf die Warteliste für eine Spenderlunge setzen.» Glücklicherweise musste sie nicht lange warten. Auch die Operation verlief gut, und schon nach vier Wochen wurde sie aus dem Unispital Zürich entlassen.

Heute trifft sich Marlies Huber regelmässig im Transplantiertenverein oder an speziellen Veranstaltungen der Uniklinik Zürich, die eigens für Organtransplantierte angeboten werden, zum Austausch mit anderen. Und sie ist selber Patin für Leute, die vor einer Transplantation stehen.

«In den letzten fünf Jahren habe ich mit einem Dutzend Menschen geredet, die in einer Situation waren, die ich bereits durchgemacht hatte. Mir haben die Gespräche mit Transplantierten damals sehr geholfen, und das gebe ich gerne weiter.»

Ihr treten Tränen in die Augen, als sie weiterspricht: «Es ist etwas vom Schlimmsten, wenn man Menschen sterben sieht, die mit einem Spenderorgan noch viele Jahre hätten leben können, wenn sich nur jemand dazu bereit erklärt hätte, ihnen nach seinem Tod sein Organ zu spenden.»

Zweimal musste sie das erleben. Darum gibt sie gerne Auskunft und spricht mit den Leuten, und darum ruft sie jeden auf, einen Spenderausweis auszufüllen und ins Portemonnaie zu stecken. «Denn es ist doch wirklich so, man selber braucht seine Organe nach dem Tod nicht mehr. Aber anderen können sie das Leben retten.»