Wohlen
Eine schlimme Zeit: «De Halderbueb» veröffentlicht seine Lebensgeschichte

Die Lebensgeschichte von Ruedi Burkart erscheint im kommenden Herbst in der Jahresschrift der Historischen Gesellschaft Freiamt. Aus einfachen Verhältnissen stammend, war nicht immer alles eitel Sonnenschein im Leben des 75-Jährigen.

Barbara Hagmann
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«De Halderbueb» veröffentlicht seine Lebensgeschichte
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Mitte der 40er-Jahre als Schüler mit dem Velo unterwegs.
Ende der 70er-Jahre mit dem eigenen Tanklastzug in der oberen Halde.

«De Halderbueb» veröffentlicht seine Lebensgeschichte

BHA

Sein Schreibstübli steckt voller Erinnerungen. Fotografien vom Jodlerchörli, abgewetzte Boxerhandschuhe und Andenken an seine Zeit als Chauffeur hängen da an der Wand. Ebenso ein hübsch eingerahmtes Foto, welches sein Elternhaus in der oberen Halde zeigt.

Speziell dieses Bild weckt Reminiszenzen. «Ein schönes Haus, oder?», fragt Ruedi Burkart und setzt sich an seinen Schreibtisch, der mit Notizzetteln, vergilbten Fotos und kariertem Schreibpapier eingedeckt ist.

Der 75-Jährige trägt sein Herz auf der Zunge und erzählt lebhaft, wie er seine Kindheit erlebt hat. Aus einfachen Verhältnissen stammend, war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Insbesondere seine Schulzeit war kein Zuckerschlecken.

Als wäre es gestern gewesen, erzählt Burkart, wie die armen und reichen Schüler zwar im selben Klassenzimmer unterrichtet, die Gesellschaftsschichten bei der Sitzordnung aber strikt getrennt wurden. «Ich denke nicht gerne an die Schulzeit zurück. Es war eine schlimme Zeit», resümiert er.

«De Halderbueb»: Auszüge aus dem Originalmanuskript

«Mit dem Hausbau begann eine Leidenszeit, die Jahre lang andauern sollte. In der oberen Halde war zu dieser Zeit noch kein neues Haus gebaut worden. Dafür gab es noch fünf Bauernhöfe. Die Halder waren eine verschworene Gemeinschaft, die keine Fremden duldeten. Die hatten doch tatsächlich einen eigenen Halderrat.

Man muss sich das vorstellen: Da kam eine Arbeiterfamilie mit fünf Kindern und wollte ein Haus bauen. Undenkbar für gewisse Leute. Zudem war diese Familie mausarm. Dass das Haus vom Bund gefördert wurde, interessierte die ‹Holzköpfe› überhaupt nicht.

Als das Baugespann montiert war, ging es los. Da wurden auf dem Bauplatz Tafeln aufgestellt. Da stand zum Beispiel geschrieben, dass diese Familie Milch und Brot von der Gemeinde bezahlt bekomme und sich nun erfreche, ein Haus zu bauen.

Als meine Mutter eine Bekannte besuchte und beim Bauplatz vorbeiging, wurde sie von einem Halder mit üblen Beschimpfungen eingedeckt. Es kam so weit, dass meine Eltern beim Gemeindeammann vorsprachen, ihm die Vorkommnisse schilderten und erklärten, sie würden auf den Hausbau verzichten. Der Ammann versprach, sich der Sache anzunehmen und meinte, dass wir ruhig weiter bauen sollen. Die Sache mit den Tafeln auf dem Baugelände hörte auf.

Wir Kinder waren viel auf dem Bauplatz und schauten den Arbeitern zu. Das Haus wurde ohne Kran gebaut. Man kann sich vorstellen, wie mühsam es war, Backsteine, Beton, Sand und Verputz nach oben zu bringen. Das Haus wurde im Sommer 1947 fertiggestellt und war trotz allem ein schönes Haus. Allerdings gab es keine Zentralheizung und kein Badezimmer. Das wurde dann viele Jahre später nachgeholt.» (bha)

Die Neuen im Quartier Halde

Der Hausbau der Eltern erwies sich ebenfalls als beschwerlich. Anstatt sich auf ihr neues Zuhause zu freuen, musste sich die Familie von ihren künftigen Nachbarn beschimpfen und demütigen lassen.

«Wir waren die erste Familie im Quartier, die ein neues Haus baute. Das hat den Haldern gar nicht gepasst», blickt Burkart nachdenklich zurück.

Seine Memoiren hat er nun zu Papier gebracht. Auf 160 handgeschriebenen A4-Seiten erzählt er seine Lebensgeschichte. Acht Jahre lang werkelte Burkart an seinem Manuskript, bis er im September 2012 den Schlusspunkt darunter setzte.

Mit seiner Pensionierung kam die Lust zum Schreiben. «Ich habe mich hingesetzt, über mein Leben nachgedacht und mich gefragt: Ist das jetzt alles gewesen?», erzählt Burkart, der heute Dienstag, 20. Mai, seinen 75. Geburtstag feiert.

Also kaufte er sich zwei Schreibblöcke, einen Füllfederhalter und füllte Seite für Seite mit seinen Erinnerungen.

«Mit dem Computer schreiben, das ist nichts für mich», gibt er zu. «Müsste ich die Buchstaben auf der Tastatur suchen, hätte ich bereits wieder vergessen, was ich eigentlich aufschreiben wollte», lacht er.

«De Halderbueb» wird veröffentlicht

Den Traum, den viele Erstlingsautoren hegen, wenn sie still in ihrem Kämmerlein vor sich hinkritzeln, ist für Ruedi Burkart Wirklichkeit geworden: Seine Geschichte wird gedruckt und veröffentlicht.

Bei der Frage, wie es dazu kam, strahlt er über das ganze Gesicht. Denn wie so oft im Leben, waren auch hier die richtigen Kontakte der Schlüssel zum Erfolg.

«Der Wohler Schriftsteller Lorenz Stäger verkehrt im selben Stammlokal wie ich. Ich habe ihm von meinem Vorhaben erzählt und er hat mich ermutigt, mein Projekt umzusetzen», erzählt Burkart.

Nach Vollendung des Manuskripts fädelte Lorenz Stäger den Kontakt zu Daniel Güntert ein, Vorstandsmitglied der Historischen Gesellschaft Freiamt.

Bald darauf meldete sich dieser mit positivem Bescheid: Die Gesellschaft veröffentlicht «De Halderbueb» in ihrer Jahresschrift auf 70 Seiten zusammengefasst. Das Buch erscheint im Herbst.

Der Erfolg motivierte Ruedi Burkart, mit dem Schreiben weiterzumachen. Sein drittes Manuskript liegt auf seinem Schreibtisch.

Das dicke Mäppli lässt vermuten, dass diese Geschichte die 160 Seiten bei weitem überschreiten wird: «Ich schreibe über mein Leben als Lastwagenchauffeur. Aber dieses Mal brauche ich keine acht Jahre mehr, bis es fertig ist», schmunzelt er.