Wohlen
Eine Frau steht in der Geschäftswelt ihren Mann

Fernande Meyer-Nipkow, ehemals Chefin der Firma Bertschinger AG, war zu Gast bei den Freunden des Strohmuseums. Als einzige Frau leitete sie in der Blütezeit der Strohgeflechtindustrie ein solches Unternehmen.

Jörg Baumann
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Von links: Anna Hegi, Kuratorin des Strohmuseums Wohlen, Fernande Meyer-Nipkow, Peter Wertli, Präsident des Vereins der Freunde des Strohmuseums, und der Hägglinger Hutmacher Julian Huber. Jörg Baumann

Von links: Anna Hegi, Kuratorin des Strohmuseums Wohlen, Fernande Meyer-Nipkow, Peter Wertli, Präsident des Vereins der Freunde des Strohmuseums, und der Hägglinger Hutmacher Julian Huber. Jörg Baumann

Jörg Baumann

Ausschliesslich Männer standen früher den Wohler Strohgeflechtfirmen vor. Bis auf eine einzige Ausnahme: Fernande Meyer-Nipkow.

Sie führte die Firma Bertschinger AG nach dem Tod ihres Gatten Arthur Meyer von 1956 bis 1971. Fernande Meyer und der junge Hägglinger Hutmacher Julian Huber berichteten an der GV des Vereins der Freunde des Strohmuseums Wohlen in einer spannenden Begegnung darüber, wie das Geschäftsleben früher war und wie es sich heute anfühlt.

Anna Hegi, tatendurstige Kuratorin des Wohler Strohmuseums, leitete das Gespräch.

«Ich habe das Geschäft von der Pike auf gelernt», erzählte Fernande Meyer vor einem ebenso grossen wie gut gelaunten Publikum.

Das Gleiche kann Julian Huber von sich sagen: Er stieg als gelernter Werkzeugmacher vor dreieinhalb Jahren ins von seinem Grossvater in Hägglingen gegründete Unternehmen ein und verkündete: «Der Hut kommt wieder».

Fernande Meyer hingegen erlebte zusammen mit ihrem Mann noch die letzte Hochblüte der Strohgeflechtindustrie, aber auch ihren Niedergang. 1971 verkaufte sie die Firma an die Cellpack AG, die das Geschäftsgebäude für ihre Zwecke umbaute und in der Kunststoff- und Verpackungsindustrie die althergebrachte Strohindustrie ablöste.

«Noch an der Seite meines Mannes unternahm ich für unsere Firma Geschäftsreisen in ganz Europa und auch in Amerika», erzählte Fernande Meyer. Als sie die Geschäftsleitung übernehmen musste, habe es nicht ganz leicht gehabt, gab sie zu. «Wenn ich einen neuen Vorschlag einbrachte, hiess es zuerst immer: «Das haben wir immer so gemacht und wollen nichts ändern.»

Aber die Chefin konnte sich offensichtlich in der Männerwelt durchsetzen.

Eine Anekdote am Rand: In der Firma Bertschinger AG spielte der legendäre Wohler Primarlehrer, Operettensänger und Schauspieler Emil Bürli jahrelang den Samichlaus. Er verteilte den Angestellten die Weihnachtsgratifikation.

Fernande Meyer und auch noch ihr Mann waren erfinderisch, wenn es galt, den stockenden Absatz zu kompensieren. «Wir mussten nach neuen Produkten Ausschau halten.
So stellten wir alles Mögliche her, unter anderem auch Zoccoli – aber nicht sehr lange. Denn die Schuhfabrik Bally AG in Dottikon verbot uns das bald», berichtete sie.

Auf der anderen Seite musste ebenfalls die Firma Hut-Huber in Hägglingen schon früh zusätzlich auf Nischenprodukte wie Hosenknöpfe und Regenbekleidungen ausweichen.

Während Fernande Meyer, heute hochbetagt, aber so charmant und gesprächig wie in früheren Jahren, in Muralto im Tessin den Lebensabend verbringt, sprüht der etliche Jahrzehnte jüngere Hutmacher Julian Huber von einem Unternehmergeist, von dem sich mancher grossspurige Manager ein grosses Stück abschneiden könnte.

Das Publikum hatte seine helle Freude an der Gesprächsrunde.

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