Wohlen

Eine echte Wohler Institution zieht nach einem halben Jahrhundert um

1972 absolviert Werner Saxer (links) seinen ersten Arbeitstag bei Coiffeurmeister Leo Meier, dem damaligen Inhaber

1972 absolviert Werner Saxer (links) seinen ersten Arbeitstag bei Coiffeurmeister Leo Meier, dem damaligen Inhaber

Werner Saxer verlässt die Bahnhofstrasse und eröffnet seinen Herrensalon an der Jurastrasse neu.

Er hat so manchem Wohler schon den Kopf gewaschen. Das liessen und lassen die sich aber gern gefallen, denn wenn Werner Saxer anschliessend mit Kamm, Schere und Messer zur Tat schreitet, «darf man sich nachher wieder zeigen», wie es die Mundart so schön formuliert. Saxer weiss, was er tut. Er hat seinen Wunschberuf schliesslich von der Pike auf gelernt und übt ihn bis heute mit Freude aus.
Der gebürtige Hägglinger wuchs in Tägerig als Sohn einer Bauernfamilie auf und wusste schon früh, was er wollte: «Mein grosses Vorbild war Hansjörg Zehnder. Das war so ein richtiger Kerl. Der sah immer tiptop aus, hat geboxt und getschuttet – und er war Coiffeur in Tägerig. Das wollte ich auch werden.» Also machte er die Lehre in Mellingen und fing 1972 als Coiffeur im Salon von Leo Meier an der Bahnhofstrasse in Wohlen an.

Vom Strohbaron vor allen Leuten ausgeschimpft

In Meier fand der junge Berufsmann gleichsam einen souveränen Chef, Kollegen und Förderer. «Ich musste zwar schon mein Lehrgeld bezahlen», erinnert sich Saxer mit breitem Grinsen. «Es kamen ja alle hier zum Meier. Ganz einfache Arbeiter, Gewerbler, aber auch Gemeinderäte und andere Grössen aus der besseren Gesellschaft. Darunter war auch ein ehemaliger Strohbaron, Leo Dubler. Der kam aber nur zum ‹Ausputzen›, sonst durfte ich nichts an seinen Haaren machen. Die hatte er immer so seltsam um den ganzen Kopf herum frisiert. Sicher zwei- bis dreimal rundherum. Als ich ihn zum ersten Mal bedienen durfte, wollte ich wissen, wie lang diese Haare wirklich waren. So habe ich sie einfach gerade nach unten gekämmt. Da hat der mich vor allen Leuten im Salon dermassen zusammengestaucht, dass ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. Leo Meier hat dann die Wogen aber geglättet, und die Lage hat sich wieder beruhigt. Ich durfte ihn dann später also doch wieder bedienen.»
Schon sieben Jahre nachdem Saxer bei Coiffeur Meier angefangen hatte, bot dieser ihm an, seinen Salon zu übernehmen. Diese Chance liess sich Saxer nicht entgehen. Er übernahm das Geschäft und betrieb es, ganz im Geiste seines Vorgängers, weiter. Am 15. April ist Werner Saxer nun 65 geworden. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht, dafür aber an einen Neuanfang: «Ich liebe meinen Beruf. Ich habe eine tolle und treue Kundschaft. Die Zukunft hier an der Bahnhofstrasse ist mir aber zu unsicher. Was die neuen Besitzer mit dem Haus hier machen, weiss ich nicht. Darum habe ich mich nach einem neuen Standort umgesehen.»

Coiffeur als Kollege, Psychiater und Pfarrer

An der Jurastrasse 6, wo jetzt noch eine Schuhmacherei und Schlüsselservice drin ist, wird Saxer am 3. Dezember seinen Herrensalon wiedereröffnen. «Das wird ein kleiner, feiner Laden», freut sich der Meisterfigaro. «Die Innengestaltung macht mein Sohn, Roman. Er ist Maler von Beruf und dafür verantwortlich, dass mein Salon auch schön wird.» Der Stolz des Vaters und Ehemannes glänzt in seinen Augen, als er erzählt, wie er während seiner ganzen Laufbahn immer auf die Unterstützung seines Sohnes und seiner Frau, Myrtha, zählen konnte.
Am 30. November steht Saxer zum letzten Mal in seinem Salon an der Bahnhofstrasse 21. «Ein bisschen traurig macht es mich schon, dass ich hier rausgehe. Aber meine Kunden kommen ja mit, und ich mache an der Jurastrasse genau so weiter wie hier.» Das heisst: klassische Herrenschnitte, ohne Schnickschnack, für 25 bis 30 Franken, gerne auf Anmeldung, aber auch schnell im Vorbeigehen. Dazu ein lockerer Schwatz über dies und jenes, Fachsimpeln über Fussball oder Fischen – sein grosses Hobby – und manchmal auch Gespräche, die sehr in die Tiefe gehen: «Ein Coiffeur ist wie eine Mischung aus Kollege, Psychiater und Pfarrer», sinniert Saxer. «Ich könnte Bücher schreiben über alle Geschichten, die ich hier gehört habe. Aber Verschwiegenheit ist eben auch Teil meines Berufs.»

Für die eigene Frisur fährt er zu seinem Vorbild

Seine Lieblingsfrisur ist der «Coupe Hardy», bei dem die Haare mit dem Messer auf Zündholzlänge getrimmt werden. Auch den Bürstenschnitt beherrscht er noch, präzise und ohne Maschine. Bei ihm kann man durch Zeitungen oder die lückenlose Sammlung aller «Freiämter Kalender» blättern. «Sexheftli gibts nicht mehr», grinst Saxer, der für seine Frisur immer noch zu Hansjörg Zehnder, seinem Vorbild, fährt.

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