Berlin/Wohlen

Eine Berlinerin in Wohlen: «Dörrbohnen gab es nicht in Berlin»

Noch voller Tatendrang: Karin Rüttimann – kurz vor ihrer Einladung in diesem Sommer zur öffentlichen Lesung im eigenen Garten. zi

Noch voller Tatendrang: Karin Rüttimann – kurz vor ihrer Einladung in diesem Sommer zur öffentlichen Lesung im eigenen Garten. zi

Eingewandert, ausgewandert und wieder eingewandert: Karin Rüttimann (70), geboren und aufgewachsen in Berlin, schuf sich ihren Lebensmittelpunkt in Wohlen, hat hier und dort Fuss gefasst und ist nun definitiv in der Schweiz angekommen.

Karin Rüttimann, Schriftstellerin und Malerin, hat zwei Heimaten - ihre Geburtsstadt Berlin und Wohlen.

Bismarckheringe, Pflaumenmus, Saure Gurken und Rübenmelasse — das sind Dinge, die Karin Rüttimann aus Wohlen immer kaufen muss, wenn sie in Deutschland ist.

Nicht unbedingt, weil dies ihre Lieblingsspeisen sind. Es sind vielmehr die Geschmäcker ihrer Kindheit.

Karin Rüttimann, Schriftstellerin und Malerin, ist 1942 in Berlin zur Welt gekommen.

Die ersten zehn Jahre lebte sie – wie viele Kinder in der Kriegs- und Nachkriegszeit – in einer reinen Frauenfamilie: mit Grossmutter, Mutter und Schwester zusammen. Bis der Stiefvater 1952 aus der russischen Kriegsgefangenschaft nach Hause kam.

An ihn knüpft Karin Rüttimann auch die Erinnerung an die Bismarckheringe: «Wir hatten damals sehr selten Fleisch. Dafür hatten wir Fisch aus der Nordsee – mein Stiefvater hat jeweils selbst Heringe in Salz eingelegt.»

Karin Rüttimann hat mit Berlin und Wohlen zwei Heimaten – beide sind wichtig, beide haben sie geprägt, an beiden hängt sie, in beiden musste sie sich mehrfach bewähren. «Das Leben in zwei Welten war mir nicht fremd», sagt sie.

«Schon als Kind hatte ich zwei Wohnorte und damit zwei Freundes- und Bekanntenkreise; im Winter lebte die Familie im städtischen Berlin Tegel, im Sommer in einem kleinen Häuschen an der Havel in Berlin Spandau. Schon mit 13 Jahren machte sie dort den Segelschein. Das Segeln sollte Karin Rüttimann noch lange durchs Leben begleiten; so war sie – Jahre später – in der Schweiz «segelnde Steuerfrau in einer olympischen Bootsklasse». Mit in der Jolle – ihr Ehemann Josef Rüttimann, Transportunternehmer aus Wohlen.

Aber der Reihe nach: Die noch nicht einmal 20-jährige Karin wollte die Welt sehen – in der Zeit des Mauerbaus in Berlin. Mit dem Handelsdiplom in der Tasche reiste sie zuerst für einige Monate nach England, danach in die Schweiz.

«Mit dieser neuen Welt und der Schweizer Mundart war ich zuerst völlig überfordert», berichtet Karin Rüttimann schmunzelnd. Sie schlug sich durch – unter anderem als Kindermädchen, Haushaltshilfe, Serviceangestellte in den Kantonen Thurgau, Schaffhausen und St. Gallen, verdiente sich so auch jeweils ihr Rückfahrgeld nach Berlin. «In einer Weinkneipe in Hallau, in der ich am Buffet arbeitete», erzählt sie weiter, «habe ich Josi kennen gelernt.»

Josi – Josef Rüttimann, war in Hallau im Militärdienst. Es kam, wie es kommen musste: Die beiden verliebten sich – doch Karin konnte sich anfänglich überhaupt nicht vorstellen, in der Schweiz zu leben.

Später aber sagt sie: «Ich hätte meine Kinder nicht in Deutschland aufziehen wollen; dort mischen sich alle – ob Nachbarn, Passagiere in der U-Bahn oder Verkäuferinnen – in die Erziehung ein.» Diese direkte Einmischung gebe es in der Schweiz kaum. «Natürlich redet man über die anderen, aber hinter vorgehaltener Hand. Und was ich nicht weiss …»

«Die Eltern meines Mannes waren schockiert, als er ihnen mitteilte, dass er eine Deutsche heiraten wolle», blickt Karin Rüttimann zurück, ganz ohne Groll. «Man muss das verstehen, das war in den 60er-Jahren, der Krieg war noch in lebhafter Erinnerung.» Die Beziehung zu den Schwiegereltern entwickelte sich aber nach den ersten Vorbehalten gut. Man lernte voneinander.

«Viele Schweizer Gerichte habe ich durch meine Schwiegermutter kennen gelernt», sagt Karin Rüttimann. «Gedörrte Bohnen etwa, hatte ich vorher noch nie gegessen.» Aber auch Kräuter, Teigwaren oder Knoblauch waren in der Berliner Küche kaum verwendet worden. «Während die Hausmannskost der beiden Länder in vielem vergleichbar war, war für mich die feine Küche in den Schweizer Restaurants etwas ganz Neues.»

Alles war gut – bis Josi Rüttimann völlig unerwartet und viel zu früh an Herzversagen starb. Das war 1981, und Karin Rüttimann stand plötzlich alleine da mit den beiden Töchtern im Schulalter und einem Unternehmen mit mehreren Angestellten. Dem Beispiel ihrer Mutter und Grossmutter folgend, die in den Kriegsjahren alle Schwierigkeiten alleine bewältigen mussten, stellte sie sich diesen Herausforderungen des Lebens. Mit Erfolg.

Mehr noch: Karin Rüttimann beteiligte sich aktiv am Wohler Dorfleben, engagierte sich unter anderem als Einwohnerrätin der Gruppe «Eusi Lüüt» und als Mitglied der Sozialkommission, arbeitete im Freizeitverein mit, schrieb und malte mit Erfolg. «Ich wollte die Menschen hier kennen lernen, teilnehmen am öffentlichen Leben, Verantwortung übernehmen.»

Manchmal stiess sie an – als Deutsche, als Grüne, als selbstbewusste Frau und engagierte Mutter, als eigenständige Kunstschaffende. «Das war wohl für einige Leute einfach etwas zu viel», blickt sie mit einiger Gelassenheit zurück. Sie liess sich jedenfalls nicht entmutigen, fand genügend Rückhalt in ihrem wachsenden Freundes- und Bekanntenkreis. Und ihr erster Roman, «Das geschenkte Jahr. Ein Abschied», den sie 1985 veröffentlichte, stiess auf grosses Echo und brachte ihr viel Anerkennung ein.

Als ihre Töchter schliesslich erwachsen waren, suchte sie eine neue Herausforderung. 1994 liess Karin Rüttimann ihre Schweizer Heimat hinter sich, zügelte mit Sack und Pack nach Berlin. «Natürlich hatte sich die Stadt stark verändert, nicht nur durch den Mauerfall», sagt Karin Rüttimann. «Ich musste mich ganz neu zurechtfinden, Beziehungen knüpfen, Boden unter den Füssen schaffen. Ich war nicht wie in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten als Touristin gekommen, sondern als Einwohnerin.»

Das war nicht einfach, aber oft spannend. «Ich brauchte dieses Abenteuer, das mich intellektuell und gefühlsmässig gefordert hat und mir auch Anregungen für mein künstlerisches Schaffen gab.»

Mit vielen neuen Erfahrungen, alten und neuen freundschaftlichen Beziehungen und einem (noch immer unveröffentlichten) Roman im Gepäck kam Karin Rüttimann 14 Jahre später wieder zurück nach Wohlen. Um hier zu bleiben, als engagierte Grossmutter des kleinen Noah, der 2007 zur Welt kam, als Freundin und gute Nachbarin ihrer beiden Töchter. «Hier, bei meiner Familie in Wohlen, bin ich daheim.»

«Die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland waren früher viel grösser als heute», meint Karin Rüttimann. «Es hat eine grosse Annäherung stattgefunden.» Schubladisieren will sie nicht, im Wissen darum, dass es überall solche und andere Menschen gibt. Was sie aber noch immer spürt, ist eine gewisse Zurückhaltung, die Schweizer gegenüber Hochdeutsch-Sprechenden an den Tag legen.

«Es gibt auffällig viele Auskunfts- oder Amtspersonen, die sich mit verschränkten Armen hinstellen, wenn man von ihnen etwas wissen will. So, als würden sie die Informationen nicht gerne hergeben.» Als Karin Rüttimann ins AHV-Alter kam und im Gemeindehaus ein entsprechendes Formular holen wollte, nahm der Mann hinter dem Schalter genau diese Position ein und sagte: «Jaaa, da müssen Sie halt nach Deutschland gehen!» (Was nicht nur frech, sondern auch falsch war.)

«Deutsche sind ungeduldiger, schneller und direkter als Schweizer», bestätigt Karin Rüttimann ein gängiges Vorurteil. «Aber sie können dafür besser Feste feiern, knüpfen schneller Kontakte, tanzen lieber und häufiger als die Schweizer.»

Dafür seien die Schweizer häufiger im Freien, würden mehr Sorge tragen zu ihrer Gesundheit. Dass die Deutschen lauter seien als die Schweizer, stimme nur noch bedingt: «Wenn die sonst eher zurückhaltenden Schweizer ein Handy am Ohr haben, reden sie laut und ungeniert über privateste Dinge, ohne sich darum zu kümmern, dass jedes Wort im ganzen Zugswaggon zu hören ist. Das kommt eigentlich in Berlin nicht vor.»

In der Schweiz sei man sehr auf Sicherheit bedacht, was oft auf Kosten des «Spielerischen und Spontanen» gehe, meint Karin Rüttimann.

Aber dennoch: «Die Schweizer sind ungezwungener geworden im Laufe der letzten Jahrzehnte», ist sie überzeugt. «Das habe ich kürzlich wieder erlebt, an der Eröffnung des Wohler Strohmuseums – da herrschte eine so lockere und fröhliche Stimmung!»

Heute reist Karin Rüttimann übrigens nach Berlin. Ferienhalber, weil zwei Freunde Geburtstag feiern. Eine weitere Gelegenheit also, sich mit Bismarckheringen und Pflaumenmus einzudecken.

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