Boswil
Einbürgerungen verschleppt: Gemeinderat entlässt Gemeindeschreiber Daniel Wicki

Der Gemeinderat von Boswil hat seinen Gemeindeschreiber am Freitagmorgen per sofort freigestellt. Der Grund sind vertrödelte Einbürgerungen – eine Familie wartet schon seit über drei Jahren nach dem Ja an der Gmeind auf den Schweizer Pass.

Philipp Zimmermann
Drucken
Teilen
Daniel Wicki (Stand 18. Januar 2019)
8 Bilder
Zuvor war er in Erklärungsnot, warum mehrere Einbürgerungsgesuche auf der Gemeinde liegen blieben statt an den Kanton zur weiteren Bearbeitung geschickt wurden. Offenbar hat er sie liegen gelassen.
Wenige Tage zuvor hatte er noch Grund zur Freude: Weil die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen ihn einstellen will, durfte er zurück an seinen Arbeitsplatz. Der Gemeinderat entschied dies – er hatte Wicki einige Wochen zuvor beurlaubt.
Michael Weber, Gemeindeammann von Boswil, über die Kündigung: «Es ist besser für ihn und für die Gemeinde.» Absicht will er dem Gemeindeschreiber bei der Verschleppung der Einbürgerungen nicht vorwerfen.
SP-Boswil-Präsident Reto Karich forderte die Kündigung von Daniel Wicki – auch nach der Einstellung des Strafverfahrens.
Daniel Wicki kam in die Schlagzeilen, weil er auf Facebook mit diversen Posts Stimmung gegen Flüchtinge und Asylsuchende machte und die Todesstrafe für einen Täter bei einer Vergewaltigung in Deutschland forderte.
Wickis nun ehemaliger Arbeitsort: Das Gemeindehaus in Boswil, eine Gemeinde im Freiamt.
Boswil liegt im Bezirk Muri im Freiamt und hat rund 2800 Einwohner.

Daniel Wicki (Stand 18. Januar 2019)

Tele M1

Der Gemeinderat von Boswil hat seinem Gemeindeschreiber gekündigt und ihn per sofort freigestellt. Das teilt er in einem kurzen Communiqué heute Morgen mit. "Der Gemeinderat stellt fest, dass verschiedene Einbürgerungsgesuche tatsächlich auf Grund von falscher Prioritätensetzung liegen geblieben sind", heisst es darin. Der Gemeinderat entschuldigt sich bei den betroffenen Gesuchstellern.

Der Gemeinderat reagiert damit auf einen Bericht in der heutigen Ausgabe des "Blick": Dieser berichtet, dass Wicki seit 2015 einige angenommene Einbürgerungen in Boswil vertrödelt oder gar verschlampt hat.

Die gesamte Stellungnahme des Gemeinderats:

«Der Gemeinderat stellt fest, dass verschiedene Einbürgerungsgesuche tatsächlich auf Grund von falscher Prioritätensetzung liegen geblieben sind.

Dafür entschuldigt sich der Gemeinderat bei den betroffenen Gesuchstellern in aller Form.

Der Gemeinderat wird dafür besorgt sein, dass die entsprechenden Gesuche prioritär weitergeführt werden.

Auf Grund der aktuellen Situation hat der Gemeinderat beschlossen, dem Gemeindeschreiber Herrn Daniel Wicki mit sofortiger Freistellung zu kündigen.»

Wicki war erst vor wenigen Tagen an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Möglich wurde dies, weil die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen ihn einstellen will. Wicki hatte auf Facebook Stimmung gegen Flüchtlinge und Asylsuchende gemacht. Die SP Boswil hatte mit Unterstützung der Kantonalpartei eine Anzeige wegen Rassendiskriminierung und der öffentlichen Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeit eingereicht. Daraufhin hatte der Gemeinderat von Boswil ihn bis auf Weiteres beurlaubt und eine Kündigung für den Fall einer Verurteilung angekündigt.

Einbürgerung blieb seit 2015 liegen

Der «Blick» berichtet heute, dass der Mazedonier Ridvan Ametti (58), seine Frau und sein Sohn seit über drei Jahren auf den Schweizer Pass warten. Ihnen war an der Gemeindeversammlung vom 25. November 2015 das Gemeindebürgerrecht zugesprochen worden. Den Schweizer Pass haben sie aber immer noch nicht erhalten – normalerweise dauert dies rund ein Jahr.

Nach einem Ja an einer Gemeindeversammlung muss die Gemeinde die Unterlagen an den Kanton schicken. Amettis Unterlagen kamen dort aber nie an. Von der Gemeinde sei er mehrmals vertröstet worden, sagt Ametti der Zeitung.

Insgesamt sechs Fälle

Der "Blick" berichtet von mindestens fünf weiteren Personen, die länger als üblich auf den Schweizer Pass warten. Sie wurden alle an einer Gemeindeversammlung im Jahr 2017 eingebürgert. In den Jahren 2016 und 2018 waren an den Boswiler Gemeindeversammlungen keine Einbürgerungen traktandiert.

Wicki bestritt gegenüber dem "Blick" jegliche Schuld. Seine Erklärungen: Häufig seien die Unterlagen nicht vollständig. Das verzögere das Verfahren. Das scheint aber wenig plausibel, weil Einbürgerungswillige für ihre Gesuch schon alle Unterlagen einreichen müssen.

Wicki führt zudem an, dass die Gesuchsteller die Rechnungen erst einige Monate nach der Gmeind bezahlt hätten. Deshalb habe man die Gesuche später dem Kanton weitergeleitet. Laut Andreas Bamert, Leiter Amt für Register- und Personenstand (ARP) im Kanton Aargau, liegen aus Boswil zurzeit aber keine Einbürgerungsgesuche vor.