Bezirksgericht Bremgarten

Einbruchstouren im Aargau: Albanischer Kriminaltourist muss die Schweiz für 10 Jahre verlassen

(Symbolbild)

Boran musste sich vor dem Bezirksgericht Bremgarten wegen mehrfachen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs verantworten.

(Symbolbild)

Zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten verurteilte das Bezirksgericht einen Straftäter aus Albanien. Er verübte Einbrüche in Wohlen, Unterkulm und Genf.

Er ist erst 22 und bereits seit ein paar Jahren in Westeuropa als Kriminaltourist unterwegs: Boran (Name geändert) aus Albanien. Der Lebenslauf des bereits mehrfach Vorbestraften enthält wenig Positives. Er hat nie eine Ausbildung absolviert.

In seiner Heimat wurde er in zweiter Instanz verurteilt, und es droht ihm dort ein Gefängnisaufenthalt. In Deutschland ging er der Polizei nach verschiedenen Delikten ins Netz, und er wurde zu einer zweieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verdonnert. In der Schweiz wurde er im Juli 2017 verhaftet; er sitzt in Lenzburg hinter Gittern.

Boran musste sich vor dem Bezirksgericht Bremgarten wegen mehrfachen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs verantworten. Ihm wurden drei Einbrüche zur Last gelegt, von denen er den ersten in einem Gastronomiebetrieb in Wohlen beging.

Mit Stein Scheibe eingeschlagen

Er kletterte eines Nachts im Juni vorigen Jahres auf der Rückseite des betreffenden Gebäudes zum Toilettenfenster im Hochparterre. Dort schlug er mit einem Betonstein die Scheibe ein und gelangte auf diesem Weg ins Haus. Aus dem Service-Portemonnaie, das auf dem Tresen lag, entwendete er 110 Franken. Bei diesem Einbruch in Wohlen richtete der Angeklagte einen Sachschaden in der Höhe von 500 Franken an.

In der darauffolgenden Nacht suchte der Einbrecher im Schwimmbad Unterkulm den Kiosk heim. Er riss den Rollladen aus der Verankerung und brachte das Fenster zum Bersten. Im Innern des Raumes trennte er die Steuereinheit von der Videoüberwachungsanlage und beschädigte das Zubehör (Bildschirm und Verkabelung). Bei dieser Straftat fielen Boran ein Personalcomputer, 2000 Franken Bargeld, Zigaretten im Wert von 1400 Franken sowie Schokolade und Getränke im Betrag von 66 Franken in die Hände. Auf 4700 Franken belief sich das Deliktsgut und auf 2500 Franken der angerichtete Sachschaden.

Zufällig in Wohlen gelandet

Gerichtspräsident Peter Thurnherr wollte vom Angeklagten wissen, weshalb er die Einbrüche ausgerechnet in Wohlen und Unterkulm verübte. «Ich besuchte einen Kollegen in Aarau, der mir bei der Suche nach einem Job helfen wollte. Doch der liess mich im Stich. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, kaufte ein Billett, setzte mich in einen Zug und landete zufälligerweise in Wohlen. Ich wusste gar nicht, wo ich war, stand am Bahnhof, war vom Regen durchnässt, hatte Hunger und kein Geld mehr. Da sah ich im Dorf dieses Lokal und nahm einen Stein, mit dem ich die Scheibe einschlug. Ich habe nur die 110 Franken genommen, sonst nichts. Ich bin ja auch kein Einbruch-Experte und trug keine Handschuhe.»

Wie er denn vom Freiamt ins Wynental gelangt sei, fragte der Gerichtspräsident den Beschuldigten. «Ich fuhr mit der Bahn zurück nach Aarau, stieg dort in einen anderen Zug, wusste aber auch diesmal nicht, wohin ich fuhr. Als der Zug einmal anhielt, stieg ich aus und sah in der Nähe ein Schwimmbad. Ich dachte, dass ich dort übernachten könnte.»

Aus der Übernachtung wurde wieder ein Einbruch, nur deckten sich die Angaben des Täters über das Diebesgut nicht mit jenen der Geschädigten, der Gemeinde Unterkulm und der Badi-Kioskbetreiberin (total 4700 Franken). Lediglich 100 Franken Bargeld und 40 Päckli Zigaretten habe er im Schwimmbad erbeutet, beteuerte der Albaner vor Gericht.

Asylantrag in Frankreich

Nach seinen Einbruchstouren im Aargau setzte sich der Delinquent dorthin ab, wo er hergekommen war, nach Frankreich. In der Folge pendelte er nach eigenen Angaben von Juni bis Juli 2017 mit der Bahn während etwa eines Monats zwischen Frankreich, wo er einen Asylantrag gestellt hatte, und Genf. Der Polizei ging Boran ins Netz, als er zusammen mit drei anderen Albanern einen Einbruch in eine Brasserie in einer kleinen Genfer Nachbargemeinde verübte.

Bei der Hermandad ging in jener Juli-Nacht die Meldung ein, es seien Schüsse zu hören. Die Geräusche stammten jedoch, wie sich im Nachhinein herausstelle, von den Einbrechern. Sie schlugen in der Nähe des Tatortes mit einem grossen Stein auf die Türe eines Tresors ein, den sie aus der Brasserie entwendet hatten. Mehrere Patrouillen rückten zum betreffenden Ort aus, wo das Einbrecherquartett sofort die Flucht ergriff. Die Täter versteckten sich bei einem Haus hinter einem Busch, wo sie von der Polizei entdeckt wurden.

DNA-Mischspur auf Korkenzieher

Obwohl die vier Albaner auf frischer Tat ertappt wurden und auf einem Korkenzieher aus der Brasserie in einer DNA-Mischspur auch Boran als Mittäter überführt werden konnte, bestritt dieser hartnäckig, am Einbruch beteiligt gewesen zu sein. Er habe sich zufällig in jenem Quartier aufgehalten und wie er mit dem Korkenzieher in Kontakt gekommen sein soll, könne er sich überhaupt nicht erklären.

Zu den 710 Franken, die Boran bei der Verhaftung in Genf auf sich trug, erklärte er: «Die anderen Flüchtlinge in der Unterkunft in Frankreich geben mir hin und wieder etwas Geld. Den grössten Teil habe ich von Bekannten, die mir ihr Geld zur Aufbewahrung anvertrauten.»

«Er nimmt es mit der Wahrheit nicht genau»

Doch für Staatsanwalt Dominik Brändli bestand kein Zweifel, dass der Angeklagte zum Einbrecherquartett gehörte. «Er nimmt es mit der Wahrheit nicht genau und bindet uns einen Bären nach dem anderen auf.» Immerhin gab der Beschuldigte, der sich nach Angaben des Staatsanwalts während der Strafuntersuchung nicht sonderlich kooperativ gezeigt hatte, die Einbrüche in Wohlen und Unterkulm zu.

Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten forderte für den Angeklagten eine unbedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten sowie eine unbedingte Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je 30 Franken. Ausserdem sei der Beschuldigte für 10 Jahre des Landes zu verweisen.

«Beweisliste lückenhaft»

Borans Verteidiger hingegen plädierte auf 6 Monate Freiheitsstrafe und eine Landesverweisung von lediglich 5 Jahren. Die Beweisliste der Staatsanwaltschaft sei lückenhaft. So erlaube die DNA-Mischspur keine eindeutige Zuweisung an eine bestimmte Person: Zellproben konnten nicht mit Bestimmtheit erhoben werden, da es gar keine einzelne DNA gebe. Ausserdem würden die Spuren am Einbruchsort in Genf auf ein professionelles Vorgehen hinweisen, was nicht zu seinem Klienten passe, so der Verteidiger weiter. Deshalb sei Boran auch nur für die Einbrüche in Wohlen und in Unterkulm zur Rechenschaft zu ziehen.

Das Urteil fiel schliesslich einstimmig aus, wie Gerichtspräsident Peter Thurnherr sagte. Der Angeklagte wurde im Sinne der Anklage schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 16 Monaten unbedingt verurteilt, unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft. Ausserdem hat er eine Geldstrafe von 300 Franken zu bezahlen und wird für 10 Jahre des Landes verwiesen. An den Badi-Kiosk in Unterkulm hat er 500 Franken zu bezahlen, die anderen Forderungen wurden auf den Zivilweg verwiesen. 

Boran werden ausserdem die Verfahrenskosten anteilsmässig auferlegt, inklusive Untersuchungskosten von rund 2130 Franken und Anklagegebühr von 850 Franken. Die Verteidigung geht zu Lasten des Staates, doch muss der Angeklagte die Kosten zurückerstatten, sobald dies seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben.

In Handschellen abgeführt

«Knackpunkt in der ganzen Sache ist der Einbruch in Genf», rekapitulierte der Gerichtspräsident in der Urteilsbegründung. Der Angeklagte habe damit geglänzt, immer wieder andere Aussagen zu machen. «Auf seine Angaben konnte nicht abgestellt werden, wenn man die Wahrheit herausfinden wollte.» Er sei einzig und alleine zu dem Zweck in die Schweiz gekommen, um Einbruchdiebstähle zu verüben. Boran bleibt in Sicherheitshaft, wurde von den zwei ihn begleitenden Polizisten wieder in Handschellen gelegt und abgeführt.

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