Wohlen

Ein Steinadler im Freiamt – einer etwas absurden Geschichte auf der Spur

So sieht der Steinadler, der König der Lüfte, aus, wenn er durch die Alpen fliegt.

So sieht der Steinadler, der König der Lüfte, aus, wenn er durch die Alpen fliegt.

Laut Fachbuch habe 1805 ein Jäger nahe Wohlen den König der Alpen abgeschossen. Wie wahrscheinlich ist es, dass es ein Steinadler bis ins Freiamt schaffte? AZ-Senior-Reporter Jörg Baumann auf Spurensuche.

Unerhörtes passierte 1805 bei Wohlen. Ein Jäger soll in Dorfnähe einen Steinadler abgeschossen haben. Das klingt unglaublich – warf allerdings keinerlei Wellen. Denn die Notiz stand in einem Fachbuch, das 1815 erschienen ist: in «Die Vögel der Schweiz» der beiden Professoren Franz Friedrich Meisner und Heinrich Rudolf Schinz.

Wenn die Nachricht nicht in einem Buch, sondern in einer Zeitung zu lesen gewesen wäre, hätte sie sicher für jede Menge Aufsehen gesorgt. Wieso war das nicht der Fall? Die Antwort ist simpel: Weil es noch keine Lokalzeitungen im Freiamt gab. Sie erschienen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Auch der Kantonsarchivar fragte nicht weiter nach

Der Aargauer Kantonsarchivar Franz Xaver Bronner übernahm die Meldung vom Steinadler über Wohlen 1844 in seinem Standardwerk über den Kanton Aargau unkommentiert. Er erwähnte neben dem Steinadler, dass im strengen Winter 1808 Wölfe aus Frankreich bis nach Kölliken und Oftringen vorgedrungen seien und man den Luchs selten in den Wäldern des Südaargaus gesehen habe.

Der Steinadler war nie im Mittelland verbreitet, sondern vor allem in den Alpen und im Jura. Im 19. Jahrhundert wurde er brutal verfolgt. Zahllose Abschüsse verringerten den Bestand, bis der prächtige Raubvogel, der eine Flügelspannweite von bis zu 2,3 Metern aufweisen kann, fast ausgerottet war. Erst kantonale Schutzbemühungen und der eidgenössische Schutz 1953 verschafften dem Steinadler die Chance, dauerhaft überleben zu können. Der Bestand erholte sich seitdem wieder, bestätigt der Privatdozent Heinrich Haller, ehemaliger Direktor des Schweizerischen Nationalparks, auf Anfrage.

Hat er sich aus dem Jura nach Wohlen verirrt?

Meisner und Schinz versuchten 1815, zu erklären, weshalb ein Steinadler überhaupt aus dem Alpenraum in die Nähe der aufstrebenden Industriegemeinde Wohlen gelangen konnte: «Diese Art ist in den Alpenregionen der Schweiz nichts Seltenes. Seltener kommt er im Jura vor, wie z.B. unweit Solothurn, wo in einer hohen Felsenhöhle oberhalb Wietlisbach einige Jahre lang ein Paar horstete. Das Nest war 10 Fuss tief im Grunde der Felsenspalte. Vor demselben befand sich eine Steinplatte, die den Vögeln zur Schlachtbank diente; hier lagen Fleischreste, Knochen usw. Das Nest selbst aber war ganz sauber. Vom Jura her hatten sich wahrscheinlich die Individuen verflogen, die zu verschiedenen malen in der Nähe von Bern sich eine Zeit lang sehen liessen, von welchen einer im Jahr 1805 bei Wohlen geschossen wurde.»

Wurde der Steinadler mit einem Mäusebussard verwechselt?

Wie wahrscheinlich ist es, dass es ein Steinadler bis nach Wohlen schaffte? Gemeinderat Thomas Burkard, Co-Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Wohlen, ist skeptisch. Auch vor 200 Jahren sei der Steinadler nicht im Mittelland heimisch gewesen. Allenfalls habe sich ein unverpaarter, jugendlicher, noch nicht geschlechtsreifer Adler aus dem Alpen- und Voralpenraum nach Wohlen verirrt oder sei dorthin abgedrängt worden, gibt Burkard Auskunft. Eher für möglich hält er es, dass der Steinadler mit einem Mäusebussard verwechselt worden sei. Dieser sei dem Steinadler für ungeübte Augen ähnlich, auch wenn er kleiner sei.

Oder wurde der Steinadler 1805 in der Nähe von Wohlen bei Bern abgeknallt? Dann wäre die Sache nochmals anders.

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