Freilichttheater

Ein Osterspiel ohne Fegefeuer und Hölle

Proben vor dem Südflügel des Klosters Muri: Im Freien herrschen andere Gesetze als im geschlossenen Raum. Juerg Kueng

Proben vor dem Südflügel des Klosters Muri: Im Freien herrschen andere Gesetze als im geschlossenen Raum. Juerg Kueng

Nach 20 Jahren wird auf dem Klosterareal Muri wieder ein Osterspiel aufgeführt – diesmal in einer zeitgenössischen Adaption.

Der Anblick des Klosters Muri raubt dem Besucher des Freiämter Bezirkshauptortes stets aufs Neue den Atem. Und das Ensemble mit der Klosterkirche als Herzstück, dient in seiner Theatralik seit über 40 Jahren auch als prächtige Kulisse für Freilichtaufführungen. 1840 war das älteste geistliche Drama in althochdeutscher Sprache, das Osterspiel, im Kloster Muri als Fragment aus dem 15. Jahrhundert entdeckt worden. Der Verfasser blieb unbekannt. 1971 wurde es erstmals in Muri aufgeführt, 1977 und 1994 folgten weitgehend werkgetreue Neuinszenierungen. Dazwischen gelangten aber auch immer wieder Stücke weltlichen Inhalts zur Aufführung, unter anderem Hansjörg Schneiders «Der heilige Burkard und die bösen Weiber von Muri» (2003) und «De Schiibekünschtler» von Hannes Glarner (2007).

Vor vier Jahren hatten die Verantwortlichen vom MuriTheater den aus Villmergen gebürtigen Autor Paul Steinmann angefragt, ob er ein Stück für eine Freilichtaufführung schreiben würde: «Ich sagte Ja, aber wenn, dann das Osterspiel.» Als Steinmann, mit einem katholischen Theologiestudium im Rucksack, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen begann, wurde ihm indes rasch klar, wie fern das Osterspiel dem heutigen Menschen ist: «Für wen gehören Hölle und Auferstehung, Fegefeuer und arme Seelen noch zum Alltag, wie das für die Menschen im Mittelalter der Fall war?»

Steinmann machte sich also auf die Suche nach einer Rahmenhandlung im Hier und Heute. «Die Idee, in meinem Stück eine Theatergruppe das Osterspiel aufführen zu lassen, war bald gefasst, aber kaum hatte ich mit Schreiben begonnen, blieb ich auch schon stecken.» Steinmann sprach mit der Regisseurin Barbara Schlumpf über sein Problem. «Gemeinsam fanden wir Lösungen und sie stieg als Co-Autorin ein. Das war eine ganz neue und inspirierende Erfahrung für mich.»

«Erfundenes» Mittelhochdeutsch

«la mih berueren dih Osterspiel von Muri» – steht auf den Plakaten geschrieben. Ist das die Sprache, in der das Stück aufgeführt wird? Nein, die meisten Dialoge, so Steinmann, seien in Dialekt. «Einige Passagen allerdings werden in einem ‹erfundenen› Mittelhochdeutsch gesprochen, sodass das Ganze einen gewissen ‹Groove› bekommt und trotzdem verstanden wird.»

Die Autoren betonen, dass sie auf dem Klosterplatz kein Kirchenstück zeigen werden. «Unser Osterspiel setzt sich sehr frei mit dem Thema Sterben und Leben auseinander, taucht dabei streckenweise in irrationale Tiefen ein.»

Während eine Gruppe von Leuten aus der Umgebung in den Endproben zum «Osterspiel von Muri» stecken, erscheint unverhofft Sophie, eine Bewohnerin des benachbarten Pflegeheims, auf der Bühne. Sophies Erinnerungen, ein Traum von ihr und das Theaterspiel werden zu einer turbulenten Mischung von Glaube und Fantasie. «Das Stück zeigt eine Theaterprobe, in der sich die verschiedenen Ebenen bildhaft, humorvoll und tiefgründig ergänzen», ist Schlumpf überzeugt.

Eindeutige Glaubwürdigkeit

Die 53-jährige, in Uznach lebende Scuola-Dimitri-Absolventin Barbara Schlumpf hat reiche Erfahrung mit Laien- und Freilichtinszenierungen. Unter anderem hatte sie 1991 bei der Uraufführung von Thomas Hürlimanns «Dr Franzos im Ybrig», 2008 bei Paul Steinmanns «Die Siebtelbauern» auf dem Ballenberg und 2010 beim Anna-Göldi-Festspiel in Mollis Regie geführt. Mit dem TheaterMuri arbeitet sie zum ersten Mal zusammen. «Freilichtspiele faszinieren mich, weil man eine Inszenierung massschneidern kann auf eine Umgebung, die sonst für etwas ganz anderes gebraucht wird.»

In der Rolle «wohnen»

Gleichzeitig aber herrschen für die Darsteller im Freien andere Gesetze, als in einem geschlossenen Raum. «Es ist anstrengender, fordert mehr Energien. Vor jeder Probe und jeder Vorstellung lade ich die Mitwirkenden in einem Training emotional und artistisch auf.» Um unter freiem Himmel zu überzeugen, dürfe eine Inszenierung weder platt noch oberflächlich sein. «Eindeutige Glaubwürdigkeit ist besonders im Freilichttheater unabdingbar. Mein Ziel ist es, dass die Rolle am Ende auf dem Menschen wohnt. Das bedeutet, dass der Alltag des einzelnen Mitwirkenden die Figur, die er verkörpert, professionalisiert.»

Seit November wird in Muri geprobt. Die 41 Akteure sind zwischen 10 und 75 Jahre alt, einige sind Bühnenneulinge, andere bereits sehr erfahren. Sie kommen aus der näheren Umgebung, aber auch von weiter her – etwa aus Zug oder dem zürcherischen Bassersdorf. Steinmann hat vielen der Mitwirkenden Wünsche, die sie an ihre Rolle hatten, während der Probenarbeit erfüllt. Eine Rollenhierarchie gibt es nicht und praktisch alle Figuren sind ständig auf der Bühne. Als Bühnenraum dient in diesem Osterspiel der Platz vor dem Südflügel des Klosters. Dieser spiegelt sich in der, mit ausgetüfteltem Material überzogenen Spielfläche. Die vier Live-Musiker sitzen in einem schiefen Schiffscontainer; ein weiterer Container symbolisiert das Grab Jesu – gefüllt wird der ausladende Raum mit den Figuren und von der Spielleidenschaft der Menschen, die dahinter stehen.

la mih beruoren dih Osterspiel von Muri. Premiere: 23. Juli. Bis 30. August.

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