In dieser Vorweihnachtszeit besteht weiss Gott kein Mangel an Adventskonzerten, da braucht es schon eine gewagte und teils originelle Programmgestaltung, um mögliche Konzertbesucher anzulocken. Die Chorleiterin Ruth Weber hat mit dem Bremgarter Vokalensemble diesen Schritt gewagt und nebst einem halben Dutzend traditioneller Adventslieder zwei unübliche Schwerpunkte im Programm gesetzt: Einerseits die neun Advents- Motetten a capella des spätromantischen Kirchenmusikers Josef Gabriel Rheinberger, andererseits Marimba-Solist Luca Borioli.

Ausführliches Programmheft

Die Konzertbesucher (leider war die ökumenische Johanneskirche nur knapp zur Hälfe besetzt) bekamen am Eingang ein höchst informatives. 20 Seiten starkem Programmheft, mit Liedtexten, den entsprechenden Übersetzung aus dem Lateinischen, einer umfangreichen Biographie des Komponisten Reinberger und einem historischen Abriss zur Geschichte des Marimbas, einem Xylophon-ähnlichen Instrument, das seine Wurzeln in
Afrika hat. Leider fehlen zu den Texten die Angabe der Autoren, der Aufwand, den der Chor bezüglich Information betreibt, ist lobenswert.

Mit Johannes Brahms, Hugo Distler, und Felix Mendelsohn als Bearbeiter traditioneller Adventslieder gelang der Einstieg ins Konzert mit höchst
romantischen Tonsätzen, nachdem der Marimba-Solist bei seinem ersten Auftritt klar machte, dass er zeitgenössische Werke aufführen werde.

Motetten als «Pièce de résistance»

Die Chorleiterin Ruth Weber (sie leitet das Vokalensemble seit 2004) hat sich mit den neun Advents-Motetten op.176 des Komponisten Josef Gabriel Rheinberger (1838 - 1901) eine höchst anspruchsvolle Aufgabe ausgedacht. Rheinberger, in seinen besten Jahren Hofkapellmeister des bayrischen Königs Ludwig II. und Professor am Münchner Konservatorium, war ein eigentlicher Erneuerer der Kirchenmusik, aber kein extremer Reformer.

Das Bremgarter Vokalensemble war bemüht, den hochromantischen Chorklang zu pflegen, was der Idee des Komponisten entspricht. Bei einzelnen Passagen waren die Soprane in der Tonlage arg gefordert, der Chor hat aber eine sehr ausgewogene Registrierung zwischen Männer- und Frauenstimmen.

Bei einem solch anspruchsvollen Werk darf man auch darüber hinwegsehen, dass einzelne Sängerinnen und Sänger sichtbar auf die Noten konzentriert sind und das einfühlsame und exakte Dirigat der Chorleiterin teilweise auf der Strecke bleibt. Es bleibt zu hoffen, dass das Vokalensemble diese Motetten von Rheinberger in naher Zukunft wieder aufführen wird.

Marimba-Spiel in Perfektion

Wie zeitlos Werke früherer Komponisten sein können, bewies der Marimba-Solist Luca Borioli, höchst motiviert und agil auftretend, mit der Umsetzung von Teilen aus der Solo-Suite d-moll von Johann Sebastian Bach. Der Konzertbesucher lernte ein Instrument kennen, das, wenn es meisterhaft beherrscht wird, über eine grosse Spanne von Klangfarben verfügt. Von sphärischen, leisen Akkordfolgen bis hin zu fast metallisch harten rhythmisch abgesetzten Intervallen. Kein Wunder, wird das Marimba auch in der Jazzmusik eingesetzt.

Der Solist Luca Borioli kennt in seinem Spiel kaum technische Grenzen. Für viele Konzertbesucher mag sein Spiel nicht gerade als Adventsmusik rübergekommen sein, aber sein Dialog mit dem Chor war ingesamt ein mehr als beglückendes Erlebnis. Fazit nach dem Adventskonzert: Das Vokalensemble präsentierte einen gewagten musikalischer Spagat, aber das
Experiment hat sich gelohnt.