Kolumne
Ein Monatslohn für ein Postpäckli

Die Wohlerin Yvonne Kaufmann arbeitet im Norden von Tansania für das Hilfswerk Interteam. In dieser Kolumne schildert sie eine aussergewöhnliche Begebenheit in einem Postamt, bei der es um eine hohe Taxe geht.

Yvonne Kaufmann
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Vumilia, die dickste, langsamste und freundlichste Postbeamtin.

Vumilia, die dickste, langsamste und freundlichste Postbeamtin.

zvg

Ein Paket aus der Schweiz lag für mich auf der Post zum Abholen bereit. Mit entsprechender Vorfreude machte ich mich auf den Weg, um es in Empfang zu nehmen. Nur, dieses Paket wog mehr als 2 kg und musste deshalb durch den Zoll. Der zuständige kleine, kugelrunde, schwitzende und wegen der vermutlich etwas eng gebundenen Krawatte um Atem ringende Beamte erklärte mir, ich müsse 60 000 Shillingi (entspricht etwa dem Monatslohn einer Hausangestellten) bezahlen. Nach dem Austausch der obligaten Höflichkeiten erklärte ich ihm, ich sei mit diesem Preis nicht einverstanden. Wir einigten uns darauf, das Paket gemeinsam zu öffnen und zu inspizieren.

Obwohl er den Inhalt (Schokolade, Büromaterial, Pflanzensamen, Guetzli und Rüstmesserli) sah, und dessen Wert einschätzen konnte, hielt er an der Taxe fest. So sei das Gesetz hier.

Amüsierte Beobachter

In der Zwischenzeit hatte sich eine ganze Schar von neugierigen Menschen um uns herum versammelt, die sich zunehmend amüsierte. Ich fragte ihn, wie er reagieren würde, wenn ihm seine Ehefrau mitteilen würde, sie habe für diesen Inhalt auf dem lokalen Markt 60 000 Shillingi bezahlt. Das Gelächter war gross. Ausserdem erklärte ich ihm, dass er das Paket behalten könne, falls er auf diesem Preis beharre. Darauf fragte er mich mit honigsüsser Stimme, wie viel ich denn zu zahlen bereit wäre. Von wegen serikali! 5000 Shillingi bot ich an. Nach erneutem sehr theatralischem Studium des Gesetzes, Schwitzen, Stöhnen, Seufzen und Kopf schütteln kam er zum Schluss, die Taxe betrage nun 14 350 Shillingi. Wie er auf diesen Betrag kam, ist mir bis heute schleierhaft. Aber ich erklärte mich damit einverstanden und freute mich darauf, mein Päckli endlich nach Hause nehmen zu dürfen.

Vumilia, die Postbeamtin

Weit gefehlt. Ich erhielt lediglich einen Einzahlungsschein. Gegen Vorweisung des risiti (Quittung) der Bank würde ich dann das Päckli auslösen können. Mittlerweile war die Zeit vorgerückt und alle Büros hatten geschlossen. Am nächsten Tag, nach mehr als zwei Stunden anstehen bei der Bank, stellte ich bei der Rückkehr auf der Post fest, dass just in diesem Moment die Mittagspause von Vumilia begann. Ihr Name ist Programm: Er bedeutet «Geduld». Vumilia ist die dickste (hier ein Zeichen der Schönheit), langsamste und freundlichste Postbeamtin, die mir je begegnet ist. Doch Mittagspausen dauern hierzulande ziemlich lange.

Eine Woche später begegnete ich auf der Strasse «meinem» Zollbeamten. Er begrüsste mich überschwänglich, erkundigte sich, wie hier üblich wortreich nach Schokolade, Familie und Gesundheit und die Freude war auf beiden Seiten. Auf diese Weise lerne ich immer wieder herzliche Menschen kennen und Tansania wird mir so jeden Tag ein Stück vertrauter.

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