Wohlen

Ein Metzger kämpfte sich durch den Busch: Emil Donat als Viehtreiber in Afrika

Emil Donat sollte in Afrika eigentlich als Ochsenschlächter arbeiten.

Emil Donat sollte in Afrika eigentlich als Ochsenschlächter arbeiten.

Emil Donat erlebte im 19. Jahrhundert als Viehtreiber in Afrika das Abenteuer seines Lebens.

Fern der Heimat schrieb der Metzger Emil Donat (1862–1929) aus Wohlen Geschichte. Donat verbrachte die Jahre von 1886 bis 1893 als Trek-Chef für die Firma Mertens & Sichel in der deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Im Busch trieb Donat Rinderherden quer durch das südliche Afrika. Seine Erlebnisse publizierte er als Fortsetzungsgeschichte zuerst in der freisinnigen Wohler Lokalzeitung Freiämter Stimmen und danach in einem Buch.

Emil Donat tauchte fast hundert Jahre später im Roman «Nur wenn die Löwen nicht beissen» des Wohler Schriftstellers Lorenz Stäger wieder auf. Stäger erfand für Donat ein Pseudonym: Er nannte ihn Vetter Andreas, zumal Donat wie Stägers Mutter Bertha Stäger-Donat aus der weitverzweigten Familie Donat stammte. Stäger reiste mit seiner Familie in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts mit zwei Campingwagen durch Namibia, wie sich Deutsch-Südwestafrika seit der Entlassung aus dem kolonialen Status nennt. In seinem Roman beschreibt Stäger, wie sich seine Familie zum Grab des angeblich von Löwen zerrissenen Vetter Andreas, alias Emil Donat, aufmacht – alles frei erfunden.

Emil Donat (links) vor der Abreise in Hamburg mit seinen Freunden Johann Urbrock und Carl Bölk.

Emil Donat (links) vor der Abreise in Hamburg mit seinen Freunden Johann Urbrock und Carl Bölk.

Emil Donat packt seine Chance

Emil Donat wuchs als Sohn von Josef Leonz und Anna Maria Donat-Dubler zusammen mit sechs Geschwistern in Wohlen auf. Nach der Metzgerlehre verbrachte er seine Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz und Deutschland. «Mit erschöpfter Reisekasse, aber erfüllt von der Hoffnung und dem Mute der Jugend», so schreibt Donat in seinem Reisebericht, landete er in einer Metzgerei in Hamburg. Die erste Arbeitsstelle in der Hansestadt war «keine beneidenswerte». Schon nach vier Jahren war ihm aber das Glück hold. In einem grossen Hamburger Geschäft wurde er zum Liebling des Patrons, «was zwar oft neidische Blicke und Bemerkungen absetzte». «Vormittags funktionierte ich im Verkaufslokal, nachmittags war mir das Schlachthaus unterstellt», schreibt Donat. Im Schlachthaus habe er täglich mit Hunderten von Meistern und Gesellen zu tun gehabt. «Der Schweizer» sei bald eine bekannte Persönlichkeit geworden.

Eines Tages rief der Verwalter des Schlachthauses Donat aufs Büro. Er teilte ihm mit, dass die Berliner Firma Deutsch-Westafrikanische Co. drei tüchtige Schlächter suche, die in Süd-Westafrika eine Ochsenschlächterei leiten sollten. Die Offerte kam dem Wohler gelegen. «Denn schon oft hatte mich der Gedanke beschäftigt, mein Glück über dem Ozean zu suchen. Am gleichen Abend trafen zwei Freunde, Johann Urbrock und Carl Bölk, ein. Sie wollten mit Donat mitfahren. Der Arbeitsaufenthalt in Afrika sollte zwei Jahre dauern, wurde abgemacht. Die Gehälter wurden festgelegt und freie Hin- und Rückreise ausbedungen. Andere Freunde von Donat hatten für diesen Plan nur ein Kopfschütteln übrig. «Wir werden im besten Fall, neckten sie uns, von einem Eingeborenen zum Frühstück verzehrt», heisst es im Reisebericht.

Donat liess sich davon nicht beirren. Vom 9. auf den 10. September 1886 legte der Dampfer ab, der die Abenteurer zum Segelschiff und auf eine lange Reise nach Süd-Westafrika brachte. Die See war stürmisch. Die Fahrt sollte zwölf Wochen lang dauern. Donat kämpfte heldenhaft gegen die Seekrankheit. Da brach der Vormast des Segelschiffes. «Wir glaubten uns alle verloren», schreibt Donat. Dieser liess die Äquatortaufe über sich ergehen. Am 84. Reisetag legte das Schiff am Kap der Guten Hoffnung an.

Viehtreiber statt Ochsenschlächter

Der Plan, eine Ochsenschlächterei aufzubauen, erwies sich als Fehlschlag. Er musste fallengelassen werden. Donat wurde Viehtreiber. Am Neujahrsmorgen 1887 schaute Donat dem Tod ins Auge. Ein Seelöwe griff den Wohler an. Donat konnte das Tier indessen mit einem gezielten Schlag mit einem Ruder erledigen. Mit dem Eingeborenenstamm der Hereros trieb er Tauschhandel. Ein schönes englisches Martini-Gewehr galt zwölf bis vierzehn Ochsen. Und schon wieder geriet Donat in Lebensgefahr. Er verwechselte eine Brandy-Flasche mit Essigessenz. «Ich glaubte, die Brandwunden töteten mich», erzählt er. Nach einer Olivenölkur besserte sich Donats Zustand. «Nach zehn Tagen war ich soweit hergestellt, dass ich meine Herden wieder kontrollieren konnte», vertraut er dem Tagebuch an.

Quälende Fieberschübe zeigten Donat schliesslich die Grenzen seiner Abenteuerlust. Er wollte nur noch heimwärts, obwohl ihm sein Prinzipal die Rückfahrt madig machen wollte. Mit Pferdefuhrwerken und der Eisenbahn gelangte Donat nach Kapstadt und mit dem Postdampfer Moor der Union-Linie nach London. Über Rotterdam, Hannover und Hamburg, Berlin und Halle ging es weiter Richtung Heimat. «Am 20. März 1893 schaut mein entzücktes Auge wieder den weissen Firnenkranz der Alpen, ein Anblick, nach dem ich mich so manche Jahre, in der glühenden Sonne Afrika schmachtend, vergeblich gesehnt.» Donat erblickte «aus frischkeimendem Frühlingsgrün» den Kirchturm von Wohlen. Er war glücklich.

Heirat mit Hindernissen

Emil Donat fasste wieder Fuss in Wohlen. Er arbeitete im Bierdepot Breitschmid als Eis- und Kellermeister, daneben als Störmetzger. Im Café Dubler lernte er seine spätere Ehefrau Albertine Dambach aus der Mühle in Villmergen kennen. Gegen die Heirat stemmte sich der Schwiegervater Dambach in spe heftig. Seine Tochter wollte er nicht dem «Afrikaner» aus Wohlen anvertrauen. Donat griff zur Selbsthilfe und beschmierte die Mühlenfassade mit einem Kübel Farbe. Da gab Vater Dambach nach. 1901 fand die Hochzeit statt. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Donats Trophäensammlung aus Afrika war jahrelang im Restaurant Central in Wohlen ausgestellt. Vor 25 Jahren ging sie in das Eigentum der Kantonsschule Wohlen über. Emil Donat starb 1929 und wurde auf dem Wohler Friedhof begraben.

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