Wer früher im Dorf oder in der Fremde verarmte, wurde von der Heimatgemeinde aufgenommen und erhielt dort Asyl. Obwohl arm und oft körperlich oder geistig leicht behindert, waren diese Hilfsbedürftigen meistens glückliche und zufriedene Menschen. So fanden auch im Armenhaus in Tägerig die heute noch legendären Dorforiginale ein Zuhause: Stäffeli-Emma alias Zuckerbabi, Schaaggi-Jakob (Kunstturner) und der vielgereiste und pfiffige Zimmermann, der sich bei den anderen Armenhausbewohnern gerne als Chef aufspielte. Wenn der gelegentlich einen über den Durst getrunken hatte, war ihm die Nachtruhe in der Ausnüchterungszelle im Keller sicher. Bis heute ist die Geschichte überliefert, als Zimmermann wegen übermässigen Alkoholkonsums vor dem Gemeinderat antraben musste. Den Herren Gemeinderäten erklärte er schlagfertig, dass er überhaupt schon längst in ein Spital gehöre, da er «schon während längerer Zeit nur noch Flüssiges» zu sich nehmen könne. So erhielt Zimmermann lediglich eine Verwarnung und konnte wieder abtreten.

Die Erinnerung an den listigen Zimmermann und die Geschichte des Armenhauses sind im Verlag Stampa Didot, Tägerig, in Buchform mit einer Auflage von 200 Exemplaren herausgegeben worden. Autoren: Willi Gloor, Präsident des Altersheimvereins Tägerig, und Ehrenbürger Ernst Meier.

Vom Bauernhof zum Armenhaus

Beim Armenhaus respektive Altersheim handelte es sich früher um einen stattlichen Bauernhof. Als das Gut zum Verkauf ausgeschrieben war, traten Florian Meier und seine Brüder als Käufer auf und schenkten die Liegenschaft der Gemeinde «zum Zwecke eines menschenwürdigen Armenhauses», wie aus der Geschichte des Altersheims hervorgeht.

Der Dachstock des Armenhauses brannte am 11. Oktober 1907 aus unbekannten Gründen vollständig aus. Bei der Neueindeckung des Daches wirkten viele freiwillige Helferinnen und Helfer mit, die beim Ablad der Ziegel eingesetzt wurden. Dadurch konnte der Gemeinderat dem Lieferanten pro Fuder 2 Franken in Abzug bringen.

Altersheimverein war die Rettung

Zu Beginn der 1990er-Jahre gab es einige bauliche Beanstandungen. Ein Sanierungsprojekt kam zu teuer, die Gemeinde konnte sich die Modernisierung des Altersheims nicht leisten. Man dachte ernsthaft über eine Schliessung nach. Erst mit der Gründung des Altersheimvereins am 11. November 1996 keimte die Hoffnung auf den Erhalt dieser dorfeigenen Institution auf. Zwar fehlte es immer noch an den nötigen Finanzen, doch nach und nach wurde die ganze Gemeinde in das Sanierungskonzept eingebunden. Es gab einen Sponsorenlauf und ein Dorffest. Dessen Erlös wurde für das Altersheim verwendet. 1997 konnte das Baugesuch eingereicht werden: Verlängerung des Gebäudes, zweites Treppenhaus und Einbau eines Lifts. Der weitere Schritt vom Altersheim zum Seniorenzentrum erfolgte im Jahr 2012 durch einen Anbau mit je vier Pensionärszimmern in den beiden oberen Stockwerken, einer Cafeteria und einem zusätzlichen Aufenthaltsraum. Aktuell zählt das Tägliger Seniorenzentrum 21 Bewohnerinnen und Bewohner, die personalmässig von 24 Festangestellten umsorgt werden.

«Was der Altersheimverein Tägerig in den 20 Jahren seit seiner Gründung geleistet hat, ist offensichtlich – das Seniorenzentrum steht mitten im Dorf», so Willi Gloor, seit 20 Jahren Präsident. Aus Anlass des 20-jährigen Vereinsbestehens wird am 10. und 11. September beim Seniorenzentrum das «Herbstfest Plus» mit der Dorfbevölkerung gefeiert.