Freiämter in Berlin
Ein Leben zwischen Uni, Papageien und Hell’s Angels

Studentenleben David Aerni (26) aus Widen hat sich von Anfang an in die Stadt Berlin verliebt und ist glücklich dort, dennoch will er nach vier Jahren weiterziehen.

Andrea Weibel
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David Aerni (26) aus Widen liebt die Gegensätze und das Unerwartete in Berlin, wie zum Beispiel das Blumencafé an der Schönhauser Allee. andrea weibel

David Aerni (26) aus Widen liebt die Gegensätze und das Unerwartete in Berlin, wie zum Beispiel das Blumencafé an der Schönhauser Allee. andrea weibel

Andrea Weibel

Das Blumencafé, in das mich der Student David Aerni führt, ist eine grüne Oase mitten im winterlichen Berlin. An der Schönhauser Allee direkt an der Bahn gelegen, kommt man sich im Café vor wie in einer anderen Welt. Zwei riesige Aras flattern frei im angrenzenden Blumenladen herum, von den niedlichen Tischchen mit den Fünfarmkerzenleuchtern aus kann man ihnen an grünem Urwald vorbei beim Spielen zusehen. «Das ist einer meiner drei Lieblingsorte in Berlin», erklärt Aerni. «Die anderen beiden sind der Freischwimmer, ein Café und Club in Kreuzberg, der für mich genau so ist wie Berlin selbst: improvisiert, abgewrackt, aber mit jeder Menge Charme. Und natürlich meine WG im Bezirk Wedding, da bin ich am allerliebsten.»

Liebe auf den ersten Blick

Seit dreieinhalb Jahren lebt der Freiämter in der Grossstadt. Er hatte ein Architekturstudium an der ETH begonnen. «Aber für mich ist die Nachhaltigkeit in der Architektur zentral. Das kam mir zu kurz. Als ich dann den Studiengang Landschaftsarchitektur/Umweltplanung in Berlin entdeckte, war für mich klar, da will ich hin.» Berlin war für ihn die schönste Stadt der Welt. Denn als der Absolvent der Kanti Wohlen auf Bildungsreise erstmals einen Fuss in die Deutsche Hauptstadt setzte, fühlte er sich sofort daheim. «Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich kann es kaum beschreiben. Wenn ich in andere Städte komme, fühle ich mich als Zuschauer. In Berlin war ich sofort mittendrin und gehörte dazu.» Also bewarb er sich für einen der begehrten Studienplätze und wurde prompt genommen. Neben bestandener ETH-Basisprüfung konnte er zwei Praktika in Architekturbüros und einen halbjährigen Arbeitseinsatz auf einem schwedischen Betrieb auf einer beinahe versorgungsunabhängigen Insel vorweisen, «das verschaffte mir wohl den entscheidenden Vorteil».

Ein Daheim und neue Freunde

Von der Schweiz aus suchte er eine WG. Doch das erwies sich als schwierig. «Zur Besichtigung eines Villa-Zimmers reiste ich nach Berlin», erinnert er sich. «Doch das Zimmer wurde von einer Burschenschaft angeboten, bei der ich hätte Mitglied werden müssen. Das wollte ich nicht. Aber ich durfte in ihrem Gästezimmer wohnen, bis ich eine WG gefunden hatte.» Nach einem Monat war es so weit: Aerni hatte hohe Ansprüche – doch so fand er nicht nur eine Bleibe, sondern ein echtes Daheim. «Ich zog mit zwei jungen Frauen zusammen, und wir waren für uns von Anfang an eine Art Familienersatz», schwärmt er. «Beide wohnen heute nicht mehr da, aber auch mit meinen neuen Mitbewohnerinnen koche ich fast täglich, wir schauen uns Filme an, spielen Spiele oder feiern gemeinsam.»

Hell’s Angels

Seine WG liegt in einem tragisch geschichtsträchtigen Teil Berlins. «Vor 15 Jahren gab es an der Ecke Koloniestrasse/Soldinerstrasse täglich Schiessereien zwischen Banditos und Hell’s Angels. Und noch heute gibt es ab und zu Zwischenfälle.» Aerni wohnte noch nicht lange da, als das damalige Banditos-Lokal im Parterre seines Wohnhauses von Hell’s Angels in die Luft gejagt wurde. «Ich erwachte wegen des Knalls und sah, wie meine Zimmerdecke im vierten Stock für einen Moment orange aufleuchtete. Sofort kamen Polizei, Krankenwagen und der gesamte Tross.» Angst habe er dennoch keine.

Weiter in den Norden

Im Sommer schliesst Aerni sein Studium mit dem Bachelor ab. «In Berlin gibt es keinen Masterstudiengang, der meinen Vorstellungen entspricht. Ausserdem zieht es mich irgendwie weiter in den Norden.» Darum will der 26-Jährige für seinen Master in Nachhaltiger Stadtplanung nach Stockholm ziehen. «Natürlich werde ich Berlin und meine Mitbewohnerinnen schweren Herzens verlassen. Aber es reizt mich, noch mehr von der Welt zu sehen.» Nach dem Studium will er reisen und an verschiedenen Projekten arbeiten.

In die Schweiz zurückzukehren, kann sich David Aerni derzeit noch nicht vorstellen. «Natürlich vermisse ich Familie und Freunde. Und die Berge, das hätte ich nie gedacht. Aber die Schweiz ist für mich im Moment einfach zu eintönig und weltfremd.» Er beschreibt Zürich und Berlin als diametrale Gegensätze: «Gegen das versnobte und steife Zürich ist Berlin zwar versifft, dafür zufrieden und freidenkend», fasst er zusammen. «Es ist einfach meine Welt.»

Freiämter in Berlin In der vierteiligen Serie besucht Andrea Weibel verschiedene Freiämter in Berlin und bringt deren Geschichten nach Hause ins Freiamt. Teil 1. Teil 2.

«Manche nehmen sich Vorsätze …»

Eine Nacht im Fernbus, ein Morgen voller Schwelgen im Café, ein Abend plaudernd bei Wein mit jungen Leuten und die nächste Nacht im Hochbett über einem winzigen Zimmer schwebend, das halb Büro, halb Werkstatt und dann nochmals zu je einem Viertel Kleiderschrank, Bibliothek und Wundertüte ist. Schon an meinem zweiten Tag in Berlin bin ich überflutet von Eindrücken, Erlebnissen und Geschichten, die mit solcher Leidenschaft erzählt werden, dass sie mich nicht mehr loslassen. Keine Droge der Welt könnte einen Zustand hervorrufen, der schöner ist als das, was ich am Dienstagmorgen fühle, als ich die Schönhauser Allee entlang zum nächsten Interview spaziere.

Als Erstes treffe ich eine junge Solothurnerin, die nach New York gegangen ist, um Stylistin zu werden. Sie wohnte für einige Monate im bitterkalten Winter in einer schlecht isolierten Abstellkammer in Manhattan, doch ihr Traum war ihr dieses Opfer wert. Dann sitze ich mit David Aerni in einem Restaurant voller Pflanzen. Er berichtet von seinen Studien und dem Drang, zu reisen und für mehr Nachhaltigkeit einzustehen. Sein Leben und die Projekte machen ihn so glücklich, dass seine Augen leuchten.

Es gibt auch daheim viele kreative Menschen, die sich für ihre Träume einsetzen. In Wohlen, Muri oder Bremgarten fallen mir jede Menge Menschen ein, die das Kulturbild der Region prägen und ihm immer Neues hinzufügen. Es erinnert mich an die Worte der jungen Frau aus Solothurn: «Manche Leute nehmen sich Vorsätze. Und andere machens einfach.» Vielleicht würde es dem einen oder anderen einmal guttun, über diese Worte nachzudenken. (aw)