Niederwil/Fischbach-Göslikon
Ein komplett neues Schulsystem für die Oberstufe

Der Schulverband Reusstal setzt auf altersdurchmischtes Lernen in Sek und Real, auf Niveau- statt Altersklassen und auf Sozialkompetenzen.

Andrea Weibel
Merken
Drucken
Teilen
Schulleiter Dani Burg (links) gratuliert der neuen Schulpflegepräsidentin des Schulverbands Reusstal, Barbara Galijan, und verabschiedet Präsident Fritz Kohler. a. Weibel

Schulleiter Dani Burg (links) gratuliert der neuen Schulpflegepräsidentin des Schulverbands Reusstal, Barbara Galijan, und verabschiedet Präsident Fritz Kohler. a. Weibel

Andrea Weibel

Sie hatten einen schlechten Ruf. Noch heute sei es spürbar, dass manche Alteingesessenen in den Gemeinden Niederwil, Fischbach-Göslikon, Stetten und Künten ihren Schulen wenig zutrauen. Das war immer so und wird immer so bleiben, sagen sie. Doch da liegen sie falsch. Denn still und leise haben Schulleitung und Schulpflege gemeinsam mit der Lehrerschaft die Schulen revolutioniert. Denn der Schulverband Reusstal, zu dem die vier Dörfer seit Sommer 2014 zusammengeschlossen sind und dessen Schulstandorte sich in Niederwil und Stetten befinden, läuft nicht mehr wie die meisten anderen Oberstufen des Kantons.

Sie haben das altersdurchmischte Lernen (ADL) eingeführt. Die Schülerinnen und Schüler der siebten, achten und neunten Klassen von Real und Sek werden durchmischt unterrichtet und so individuell gefördert. «Wir unterteilen die Schüler in Niveaugruppen statt in Altersklassen», erklärt Simon Landwehr, Reallehrer in Niederwil und Mitglied der Steuergruppe.

Aus einem Problem entstanden

Doch es war nicht einfach eine «linke Idee», die umgesetzt werden sollte, betont Schulleiter Dani Burg. Denn die Idee entstand aus einem ganz realen Problem heraus: «Wir hatten in Niederwil eine Gruppe Realschüler, die die Schule grundlegend durcheinandergebracht hat. Wir haben alles ausprobiert, um sie zu unterrichten: immer kleinere Gruppen, mehr Kontrolle, mehr Aufsicht. Nichts wirkte», erinnert sich Mark Fry, Sek- und Reallehrer in Niederwil und Leiter Entwicklung des neuen Schulsystems. «Dann versuchten wir es mit einem komplett neuen Ansatz. Energie war ja da, nur destruktiv eingesetzt.»

In den altersdurchmischten Lerngruppen helfen sich die Schüler gegenseitig und kontrollieren sich. «So wächst der Zusammenhalt auch zwischen Jüngeren und Älteren, man nimmt Rücksicht.» Es gibt immer einen Verantwortlichen pro Gruppe, der eng mit der Lehrperson, dem Coach, zusammenarbeitet und die Gruppe zusammenhält. «Das fördert wiederum die Organisationsfähigkeit», so Fry.

Organisation und Zusammenhalt

Normale Stundenpläne fallen weg, «dennoch halten wir uns an Lehrplan und kantonale Vorgaben – und am Ende des Schuljahres erhalten die Schüler ein normales Zeugnis», so Burg. Doch sie arbeiten mit Wochenstrukturen: «Die Gruppen planen ihre Arbeiten, die sie in jeweils drei Wochen zu leisten haben, selber ein. Natürlich gibt es geführte Sequenzen wie Mathematik, Sprachen oder Realien, aber daneben gestalten die Schüler ihren Wochenplan selber», so Landwehr. «Auf die Art können wir uns individueller den rund 200 Schülerinnen und Schülern widmen, sie können aber auch ältere Kameraden um Rat fragen.»

Fry hält fest: «Ein Schlüsselerlebnis war für mich, als einer der Realschüler sagte, noch vor einem halben Jahr seien ihm die Jüngeren egal gewesen, jetzt aber gingen sie ihn auch etwas an.»

Schulpflegepräsident Fritz Kohler ist überzeugt: «So können nicht nur die schulischen Fächer individueller unterrichtet werden, sondern den Schülern können auch Fähigkeiten in Organisation und im Zwischenmenschlichen mitgegeben werden, was in anderen Schulformen weniger möglich wäre.»

Nicht alle einverstanden

Natürlich wurde diese Lernmethode nicht von allen freudig aufgenommen. «Die Gerüchte stimmen, einige Eltern nahmen ihre Kinder aus der Schule», ist Burg ehrlich. Besonders anfangs gaben einige Eltern Gegensteuer. Doch die Schulpflege hat sich nicht nur hinter Schulleitung und Lehrerschaft gestellt, sondern sich selber über die ADL-Methoden informiert.

Zudem holte sie den Berner Schulentwickler Fritz Zaugg an Bord. Dieser ist begeistert: «Meine Aufgabe ist es, immer wieder alles zu hinterfragen. Es gab sehr viel zu tun. Aber wie sich die Schulpflege für die neue Schulform, die Schüler und die Schule selbst starkgemacht hat, war vorbildlich. In dem Masse habe ich das noch nie erlebt.»

Vor allem die Transparenz war den Schulpflegern unter Präsident Kohler wichtig: «Wir nehmen die Eltern ernst, besprechen ihre Fragen und Probleme mit ihnen, konnten so aber auch die Gemeinderäte von unseren Ideen überzeugen.»

Mittlerweile läuft das System ziemlich gut. «Vor allem am Anfang hatten wir grössere Probleme, da kamen auch die meisten Reklamationen seitens der Eltern», erinnert sich Barbara Galijan, die ab August das Schulpflegepräsidium übernehmen wird. «Nach einem Jahr kamen aber immer weniger Reklamationen. Und heute erhalten wir fast nur noch positive Rückmeldungen.»

Anfangs kündigten auch Lehrpersonen, weil sie mit dem Systemwechsel nicht einverstanden waren. Fry erklärt: «Es kommt nicht aufs Alter der Lehrperson an, sondern darauf, wie flexibel sie umdenken kann. Denn es ist eine komplett andere Art des Unterrichts, als ihn die meisten von uns gewohnt sind.»

Absolventen loben System

«Rein organisatorisch hätten wir aufgrund der schwankenden Altersklassengrössen jedes Jahr neue Klassen- oder Ortszuteilungen machen müssen. Da können sich die Schüler an nichts gewöhnen und keine eigentliche Gemeinschaft bilden», zählt Burg einen weiteren Punkt auf.

Doch wie fühlen sich die Schüler selbst dabei? Um auch ihre Stimmen einzuholen, befragte Rolf Roesen, Sek- und Reallehrer in Stetten, Niederwiler Schulabsolventen. Die Antworten waren durchweg positiv. Insbesondere in Sozial- und Selbstkompetenzen seien die Absolventen sehr stark, was späteren Lehrmeistern positiv auffiel, wie die Interviews ergaben.