Wohlen
Ein Kennedy wirtete einst im «Federal»

Das «Pesthaus» wird abgebrochen, aber das ehemalige Restaurant «Federal» bleibt stehen.

Jörg Baumann
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Das «Federal» an der Bünzstrasse (links) mit dem «Pesthaus» und dem gewerblich genutzten Scheunenanbau. TONI WIDMER

Das «Federal» an der Bünzstrasse (links) mit dem «Pesthaus» und dem gewerblich genutzten Scheunenanbau. TONI WIDMER

Toni Widmer

Ein sozial eingestellter Hauseigentümer rettet das ehemalige Restaurant Federal an der Bünzstrasse in Wohlen vor dem Abbruch. Die Nebengebäude – das sogenannte «Pesthaus», welches früher Werkstätte von Schuhmacher Jonn Konrad war, und der Scheunenanbau – müssen einer Überbauung weichen. Geplant sind im Projekt «River» zwölf Eigentumswohnungen.

Das Restaurant Federal hat eine lange Geschichte und spielte im Landesstreik von 1918 eine Rolle. Das ist nachgewiesen. Im Dunkeln liegt indes, ob im «Pesthaus» tatsächlich das Pestkreuz aufbewahrt wurde, wie alte Wohler erzählen.

Mieter können bleiben

Seit Jahren befindet sich im Haus Federal ein Coiffeursalon. Die Coiffeuse und die Mieterinnen der beiden Altwohnungen können bleiben. Hauseigentümer Valentin Leuthard aus Stetten entschloss sich, das Haus nicht zu verkaufen. «Ich habe ein gutes Angebot abgelehnt, weil ich meine Mieterinnen behalten wollte. Die Wohnungen sind zwar alt, aber dafür günstig. Und günstigen Wohnraum braucht es doch in Wohlen», sagt Leuthard. Die neuen Eigentumswohnungen sollen im Sommer 2917 bezogen werden, sagt der Projektmanager Andreas Cahannes von der Firma Style of Home AG in Paspels. Danach will Leuthard die Fassade des «Federal» auffrischen und neu streichen lassen.

«Federal» und «Pesthaus» stehen nicht unter Ortsbildschutz. Das Restaurant wurde 1904 erbaut, hiess vorerst «Bünzbrücke» und hatte – warum auch immer – von Anfang an ein Schaufenster. Bis das Wirtepatent auf den (schon lange wieder geschlossenen) «Wohlerhof» überging, war es eine Dorfbeiz, in der oft «die Post abging». Das «Federal» hielt vor 50 Jahren noch vor dem Bahnhofbuffet in Wohlen den Rekord im Bierausschank, erinnert sich alt Vizeammann Alfred Fischer.

Fünf Jahre lang wirtete hier «Kennedy», wie man den früh verstorbenen Wirt und Chauffeur Paul Koch («Purlis») nannte, weil er dem amerikanischen Präsidenten glich. Treibende Kraft im Restaurant war aber seine Frau Rosmarie. Sie bewirtete die Gäste auch tagsüber, wenn ihr Mann bei der Zementröhrenfabrik Frey & Cie. in Bremgarten arbeitete.

«Pesthaus» schon älter

Wann das «Pesthaus» mit dem Scheunenanbau neben dem «Federal» erstellt wurde, ist offen. Es muss lange vor 1867 gewesen sein. In jenem Jahr wurde das damals in Wohlen noch weitverbreitete Strohdach durch ein Ziegeldach ersetzt. Auffällig ist der erhalten gebliebene, mit einem Ornament verzierte Frontgiebel. Einen direkten Nachweis, dass in diesem Haus das Pestkreuz deponiert worden ist, gibt es nicht. Die Geschichte scheine ihm etwas eigenartig. Offenbar habe es ein Vorgängergebäude gegeben, sagt der Wohler Historiker und Bezirkslehrer Daniel Güntert.

Bekannt ist hingegen, dass 1635 Wohler Katholiken zur Abwehr der Pest die Sebastiansbruderschaft gründeten. Der «schwarze Tod», wie man die Pest nannte, brach in Wohlen zwischen 1629 und 1635 in mehreren Wellen aus und forderte hauptsächlich im Dorfteil Wil zahlreiche Opfer. So starb laut dem ehemaligen Armenpfleger Anton Wohler die Familie Donat («Harzers») bis auf eine Person aus. Der damalige Pfarrer Michael von Wyss rief die Sebastiansbruderschaft ins Leben. Ihre Mitglieder stifteten die 1636 geweihte, elf Zentner schwere Sebastiansglocke für die Wohler Kirche und beteten inständig, dass die Pest vorübergehen möge. Gebet und Spende sollen genützt haben. Im Jahrzeitbuch wird berichtet, dass «auf söliches Geloben» die Pest nachgelassen habe.

Polizei verhaftete Bolschewiki im «Federal»

Dicke Luft herrschte vom 11. bis zum 15. November 1918 in Wohlen: Der Landesstreik war ausgerufen worden. Seit 1917 hatte in Wohlen die soziale Spannung zugenommen. Die Preiserhöhungen wirkten sich für Arbeiter und Angestellte, Beamte und Lehrer immer schlimmer aus. An einer Gemeindeversammlung vom Oktober 1917 sprach man von einer Teuerung der Lebensmittel von 70 bis 80 Prozent, der Heizung von 70 Prozent und der Kleider von 50 Prozent. Oft führte längerer Militärdienst zu Not und Verelendung, da keine Lohnausfallentschädigung ausbezahlt wurde. Die Arbeitslosen waren weitgehend ihrem Schicksal überlassen. In der Volksküche wurde Suppe abgegeben für 25 Rappen pro Liter. Das berichtete der verstorbene Wohler Bezirkslehrer Anton Wohler in der Jahresschrift «Unsere Heimat» 2002 der Historischen Gesellschaft Freiamt.

Wohlen wurde damals von einem rein bürgerlichen Gemeinderat regiert. Der erste Sozialdemokrat Robert Mäder zog erst 1926 in die Behörde ein. Im Landesstreik spielte der freisinnige Gemeindeammann und Unternehmer Traugott Martin Bruggisser eine tragende Rolle. Der freisinnige Gemeinderat Karl Vock brachte in der überhitzten Stimmung die Schaffung einer Bürgerwehr gegen die Streikenden zur Sprache. Bruggisser mahnte zur Zurückhaltung, um die gespannte Lage nicht zu verschärfen.

Am 12. November um 12 Uhr läuteten die Wohler Kirchenglocken Sturm. Grund: das Gerücht, dass sich im Restaurant «Federal» Bolschewiki zu einer Agitationsversammlung aufhielten. Polizeikorporal Werder erhielt von Bruggisser den Befehl, «diese Bolschewiki zu verhaften», wie es in seinem Rapport heisst. Von den Polizisten Michel und Breitschmid und «etwa vier Bürgern in Civil» begleitet, betrat Werder das «Federal» und nahm den Wirt Josef Seiler-Kuster und die beiden Gäste, die Schriftsetzer Paul Stauble und Otto Kleiner, zum Verhör auf den Polizeiposten mit, zusätzlich den Schriftsetzer Josef Müller, den Walter Meyer, Redaktor des «Wohler Anzeigers», auch zu den Agitatoren zählte.

Der Landesstreik lähmte nicht nur den Betrieb der Bundesbahnen, sondern auch der beiden Wohler Buchdruckereien. Nach zwanzig Minuten wurden die Männer aus der Haft entlassen, weil sie ungefährlich waren. Die Bürgerwehren kamen nicht zum Einsatz. Sie hatten wohl Gewehre, aber dazu keine Munition.

Gemeindeammann Bruggisser schätzte die Lage in den Streiktagen zwar als gefährlich ein. Aber er machte sich danach sofort für soziale Verbesserungen stark und regte die Gründung einer Wohlfahrtspartei ein. Sie sollte auf dem Boden der Verfassung Gewaltmittel und Streiks ablehnen, die Lebensbedingungen verbessern und eine Altersfürsorge einführen, Angestellte und Arbeiter am Reingewinn der Firmen beteiligen und veranlassen, dass der Staat die Ausbildungskosten der jungen Leute übernehme.

Die notwendigen Mittel sollten durch eine stark progressive Erbsteuer beschafft werden. Die Wohlfahrtspartei entstand jedoch nie. Trotzdem erreichte der Landesstreik, wenn auch spät, die meisten der angestrebten Ziele: 1920 die Einführung der 48-Stunden-Woche, 1947 der AHV (schon 1925 beschlossen) und 1971 des Frauenstimm- und -wahlrechtes. Die Firma Georges Meyer & Co. AG baute in Wohlen für die Angestellten eine Reihe von Wohnungen. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen in der Industrie allgemein und auch bei der Gemeinde wurden verbessert. (BA)

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