So wie weiland Phoenix aus der Asche tauchte Lorenz Stäger 1978 mit seinem ersten Roman «Aber, aber, Frau Potiphar!» am Schweizer Literaturhimmel auf. Hatte man auf den Neuling aus Wohlen gewartet, den man als Literaten noch nicht kannte? Und hatte man ausgerechnet auf einen Unterhaltungsroman gewartet, wo doch die Stimmung in der Schweizer Literatur in den Siebzigerjahren in erster Linie auf ernst, hochpolitisch und sicher nicht auf heiter getrimmt war? Man hatte offensichtlich. «Aber, aber, Frau Potiphar!» brach in die Phalanx der schwierigen Literatur ein und ging bisher über 50000 Mal über die Ladentische der Buchhandlungen.

Selbst die «NZZ», der man ein Lob auf einen Roman nicht zugetraut hätte, der spielerisch und locker daherkam, attestierte Stäger, «dass er das Instrumentarium der unbeschwerten Unterhaltung, der Wort- und Situationskomik» beherrsche und man vor der Abreise «ja nicht versäumen sollte, die äusserst vergnügliche Lektüre im Koffer zu verstauen – vor allem, wenn die Reise gar ins Land der Pharaonen führen sollte».

So einfach, wie sich das heute anhört, fiel Stäger der Erfolg nicht in den Schoss. Er habe für sein erstes Buch zwölf Verlage abgeklappert und von ihnen stets Absagen bekommen, bis dann der dreizehnte endlich zugriff und es wagte, ein Buch von einem bisher unbekannten Schriftsteller auf den Markt zu bringen, erzählt Stäger. «Dabei hatte mein erster Roman schon auf dem Buchdeckel einen fatalen Fehler: Es fehlte im Titel ein Komma.» In den späteren Auflagen bügelte Stäger den Lapsus aus, und die Welt war nun auch für gestrenge Leser wieder in Ordnung.

Stägers Romane sind aus dem Leben gegriffen – aus seinem Leben. In «Aber, aber, Frau Potiphar!» schilderte er mehr oder weniger frei seine Erfahrungen als Reiseleiter, womit er sich einen Teil seines Studiums der Altphilologie und Orientalistik verdient hatte. «Die Personen und die Dialoge habe ich erfunden. Die Schauplätze aber habe ich auf meinen Reisen genau recherchiert», sagt er. Immerhin kannte sich Stäger im arabischen Raum bestens aus, stellte ihn doch das Aussendepartement 1972 als Kultur- und Presseattaché auf der Schweizer Botschaft in Kairo an. Stäger blieb zwei Jahre lang auf dem Posten und hatte nun den Stoff für den zweiten Roman «Liebt Ihr Bruder Fisch, Madame?», worin er die in der hohen Diplomatie gängigen Floskeln kräftig auf die Schippe nahm. Der Radiojournalist Roland Jeanneret erinnerte sich jüngst an die literarischen Anfänge von Lorenz Stäger und empfahl in der «NZZ» «Liebt Ihr Bruder Fisch, Madame?» als Weihnachtsgeschenk.

Ein Stubenhocker war Stäger nie. Schon als Kantonsschüler fuhr er 1959 mit dem Velo nach Holland, später mit dem Auto auch durch die DDR, mitunter auf den Spuren von Karl May, dessen Bücher Stäger regelrecht verschlungen hatte. Auf dem Nil, in der Sahara, in Kamerun, Nigeria, in Persien und weiss Gott sonst wo ist er zu Hause – und kehrt trotzdem wieder gerne nach Wohlen zurück. Er schreibt weiter Bücher, in der gleichen heiteren Tonlage, macht Radiosendungen und berichtet in Schweizer Zeitungen über seine Reisen oder seine Erfahrungen in verschiedenen Ländern als Wahlbeobachter für die UNO. In den Redaktionsstuben schätzt man den Mitarbeiter, der über ein breites Hintergrundwissen und einen Schreibstil verfügt, der ankommt. «Aber Profi-Journalist wollte ich nie werden», betont Stäger. «Dafür liebe ich meine Freiheit viel zu sehr.»

Stäger bleibt bei seinen Leisten – als Lateinlehrer an der Kantonsschule Wohlen. Lehrer zu sein und daneben Bücher und Zeitungsartikel zu schreiben, diese Mischung habe ihm gepasst, berichtet er. So gefestigt widerstand er auch dem Angebot der Tochter von Heinz G. Konsalik, die ihn «unbedingt» als Autor an ihren Verlag binden wollte. «Ich wollte nicht unter Erfolgsdruck gestellt werden. Was wäre gewesen, wenn ich keinen Erfolg mehr gehabt hätte? Ich dachte an meine Frau und meine Kinder und blieb Lehrer und im Nebenberuf Schriftsteller.»

Stägers Bücher sind Longseller. «Sie werden noch heute verlangt», sagt er. Hat er ein siebtes Buch in Arbeit? Ja, er sei daran, bemerkt er zögernd. Viel gibt er nicht preis, nur so viel: «Ich beschäftige mich mit einer Persönlichkeit aus dem Freiamt, die im 19. Jahrhundert als Kammerdiener tätig war.» Den Namen des Mannes will er heute noch nicht verraten. «Ich habe bis heute viel Material über diesen Mann gesammelt und auch die Tagebücher eines seiner Dienstherren studiert. Vielleicht wird aus dem Projekt etwas, vielleicht auch nicht. Wir werden sehen.»