Dottikon

Ein Hausarzt, der seinen Patienten zuhören kann, geht in Pension

Hausarzt Albert Bihr hängt das Stethoskop an den Nagel – nach seiner Pensionierung will er sich seinen Enkeln und Hobbys widmen. aw

Hausarzt Albert Bihr hängt das Stethoskop an den Nagel – nach seiner Pensionierung will er sich seinen Enkeln und Hobbys widmen. aw

Albert Bihr (66) war 30 Jahre lang Hausarzt in Dottikon und hat viel erlebt – jetzt übergibt er an zwei Frauen und bedauert nichts: Er sagt: «Ich würde mich heute sofort wieder für diesen Beruf entscheiden.»

«Ich hätte vieles werden können», erinnert sich Albert Bihr (66), der als Hausarzt kurz vor seiner Pensionierung steht. «Aber ich glaube, es war wohl die Idee, dass ich für meine Mitmenschen da sein wollte, die mich zum Medizinstudium brachte.»

Diesen Weg, der ihn vor 30 Jahren in die Praxisgemeinschaft in Dottikon brachte, wo er bis heute arbeitet, hat er nie bereut. «Ich würde mich heute sofort wieder für diesen Beruf entscheiden», sagt er lächelnd.

Andere Welten erfahren

Doch als er in seiner Ausbildung zuerst als Assistent im Spital arbeitete, «lernte ich die Realität erst richtig kennen. Vieles, was in der Theorie gut klingt, musste ich relativieren», erinnert er sich. «Zu wissen, dass ein gewisser Prozentsatz von Patienten überlebt, nützt einem nichts, denn jeder Patient ist ein Individuum und muss auch so behandelt werden.»

Als Albert Bihr nach Assistenzstellen in verschiedenen Krankenhäusern in die Hausarztpraxis Dottikon wechselte, öffnete sich ihm nochmals eine andere Welt. «Im Spital flickt man Patienten zusammen, hat aber nachher keinen Kontakt mehr zu ihnen. Als Hausarzt begleitet man sie aber ein Leben lang.» Das sei nicht einfach, aber «man ist in der Praxis etwas freier, um auf die Patienten einzugehen». Dafür habe man auch mehr Verantwortung.

Sehr nahe bei den Patienten

Man sei näher bei den Leuten, das habe er oft erlebt. Beispielsweise riefen sie ihn spät in der Nacht noch zu Hause an oder kämen direkt vorbei. «Einmal stand ein Patient übersät mit Bienenstichen vor meiner Haustür. Er kollabierte fast. Ich musste die Ambulanz rufen, die ihn abholte», erinnert sich Bihr.

«Es ist ein ländliches Gebiet, das merkt man schon», erzählt er weiter. «Einmal brachte ein Mann seine kranke Frau in Wolldecken gewickelt bei Minusgraden auf der Heckschaufel des Traktors zu mir», erzählt er ein Beispiel.

Die schönsten Momente seiner Zeit als Arzt waren für den baldigen Pensionär jene, in denen er Menschen in Krisensituationen beistehen konnte. «Einmal rief ein Mann den Notfalldienst. Als ich ankam, war er verwirrt und sagte, etwas stimme nicht mit ihm. Ich setzte mich einen Moment zu ihm und redete mit ihm. Da kam heraus, dass er Diabetiker war. Ich gab ihm ein Glas Orangensaft, und nach einer Viertelstunde sass er im Bett und wir redeten über Gott und die Welt. Das war herrlich», erinnert sich der Dottiker Arzt.

«Ein anderer Mann hatte grosse Angst vor dem Ersticken. Ich redete lange mit ihm darüber und disku-tierte es aus. In der nächsten Nacht konnte er friedlich einschlafen und starb, ganz ohne Angst zu haben.» Manchmal müsse man einfach mit den Leuten reden, ist Bihr überzeugt.

Zeit mit der Familie

Im Dezember übergibt Bihr seine Stelle in der Praxisgemeinschaft an seine beiden Nachfolgerinnen. «Am meisten freue ich mich darauf, mehr Zeit mit meiner Familie, besonders mit meinen Enkeln, verbringen zu können. Meine Frau und ich wohnen an einem so schönen Ort, aber das konnte ich bisher viel zu wenig geniessen.»

Ausserdem «möchte ich mich in anderen Gebieten umhören, für die ich bisher zu wenig Zeit fand, denn dafür gibt es ja Volkshochschulen oder Unis».

Ganz will Albert Bihr der Medizin aber noch nicht den Rücken kehren: «Einen Tag pro Woche bleibe ich Arzt. Dann werde ich eine Abteilung im Gnadenthal betreuen.»

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