Es ist ganz dunkel im Vorzelt, nur eine kleine Flamme züngelt auf dem Tisch. Die junge Fakirin, mit Kopftuch und T-Shirt vom Kinderzirkus Wunderplunder, tunkt ihren Wattebausch an einem dünnen Stab in die Brennflüssigkeit, entzündet ihn an der Flamme und fährt damit völlig unerschrocken über ihre offene Handfläche. Auf der Hand brennt nun eine weitere Flamme, die das Gesicht der unerschrockenen Artistin in einem gespenstischen Licht flackern lässt. Sie schliesst ihre Hand, die Flamme ist weg und das Mädchen strahlt ihre Trainerin an: «Zeigst du uns jetzt, wie man Feuer schluckt?»

Drüben, in der Turnhalle, sind die beiden Gruppen Boden- und Luftakrobatik im Training. Auf dem Pausenplatz bauen die Jongleure ihre Nummer aus und im Zelt probt das Zirkusorchester. Es ist jede Menge los auf der ganzen Schulanlage Lohren in Fischbach-Göslikon. 56 Kinder, von 1.-Klässlern bis zu 14-Jährigen, mit oder ohne Handicap, erarbeiten unter professioneller Anleitung in dieser Woche ein Zirkusprogramm, das am Freitag zweimal zur Aufführung gelangt.

Bereits zum 6. Mal spannen die Vereinigung Cerebral Aargau und die Frauengemeinschaft Niederwil-Nesselnbach mit dem Theaterzirkus Wunderplunder zusammen, um eine solche integrative Zirkuswoche durchzuführen. Das ganze Zirkus-Know-how und -material, inklusive Artistenausbildner stellt der Theaterzirkus Wunderplunder. 15 Mitglieder der Vereinigung Cerebral Aargau und der Frauengemeinschaft Niederwil-Nesselnbach stehen als Vollzeithelfer und Assistenten zur Verfügung.

Volles Programm in einer Woche

Die Zirkus Wunderplunderwoche fand 2002 zum ersten Mal statt und wurde ein voller Erfolg. Was die behinderten Kinder aus dem ganzen Kanton Aargau zusammen mit nicht behinderten Kindern aus der Region Niederwil in nur einer Woche auf die Beine stellten, war einzigartig. Seither verzaubert der Zirkus alle drei Jahre den Kanton Aargau. Dieses Jahr erstmals in Fischbach-Göslikon, weil der bisherige Standort auf dem Schulgelände in Niederwil heuer nicht zur Verfügung stand.

«Was ich nicht genug betonen kann», sagt Silvia Bässler, Leiterin des Organisationskomitees, «ist der grossartige Rückhalt, den unser Unternehmen vom Gewerbe, vom Dorf und aus der ganzen Umgebung erhält.» Das Projekt kostet die Veranstalter doch satte 28 000 Franken, die aber, dank zahlreicher Geld- und Naturalspenden, aus eben diesen Kreisen auch in diesem Jahr wieder aufgebracht werden konnten. Nun müssen nur noch die jungen Artisten ihre Nummern in den Griff kriegen.

«Es ist ganz erstaunlich», meint dazu Michael Küng, der Medienbeauftragte des Projekts, «wie professionell die Nummern heute schon laufen. Am Montag gab es den ersten Durchlauf. Danach konnten sich die Kinder entscheiden, in welcher Gruppe sie mitmachen wollten. Am Dienstagmorgen haben wir mit den Proben begonnen, und am Mittwoch müssen die Nummern eigentlich stehen.»

Küng begleitet das ganze Projekt fast pausenlos mit seinem Aufnahmegerät, denn er produziert für den Radiosender Kanal K ein einstündiges Special über die Zirkus Wunderplunderwoche, das am 26. Juli um 18 Uhr ausgestrahlt wird. Kein einfaches Unterfangen, denn Küng ist selber auf den Rollstuhl angewiesen, wie einige der Wunderplunderartisten in dieser Woche auch. Dennoch geben sie als Direktoren, Clowns und Zauberer, Tänzer, Feuerkünstler, Akrobaten, Jongleure, Musiker und kraftstrotzende Fakire alles, ganz egal, ob sie nun ein Handicap haben oder auch nicht. Alle Artisten haben nur ein Ziel: Sie wollen das Leuchten auf den Gesichtern ihrer Zuschauer sehen und das «Brot des Künstlers» geniessen.

Aufführungen: Theater «Robin Hood», heute Abend, 18.30 Uhr, Abendkasse. Zirkusvorführungen, Freitag, 13. Juli, 13.30 und 18.30 Uhr, Kollekte. Schulareal Lohren, Fischbach-Göslikon.