Bubenträume haben häufig die Tendenz, im Laufe des Erwachsenwerdens in Vergessenheit zu geraten oder einfach zu bleiben, was sie sind: reines Wunschdenken. Vor diesem traurigen Ende wollte Ernst Köpfli seinen innigsten Bubentraum bewahren. So hat er vor 35 Jahren die Ärmel hochgekrempelt und damit begonnen, in Eigenregie aus seinem Elternhaus an der Poststrasse 1 in Wohlen ein Schloss zu bauen.

«Schon als Kind liebte ich Märchen», erinnert sich der gelernte Metzger, der eigentlich gerne Schreiner geworden wäre. «Mich fasziniert bis heute einfach alles, was mit Königen, Rittern, Burgen, Schlössern und natürlich mit Prinzessinnen zu tun hat. Ich suche nach der romantischen Seite des Mittelalters.»

Aus diesem Antrieb heraus zeichnete Köpfli seine ersten Pläne und begann damit, das Wohnzimmer in einen Rittersaal umzubauen. «Ich schaute mir viele Schlösser an», erzählt der 61-Jährige mit leuchtenden Augen, «und das tue ich heute noch, denn ich will genau wissen, wie die konstruiert sind, damit ich das zu Hause nachbauen kann.»

Am liebsten hätte er alles selber gemacht

Als Köpfli 1998 von seinem Vater, Karl, die Metzgerei übernahm, verwandelte er auch diese in einen schmucken Laden mit Schaufenstern und Eingangsportal im romanischen Stil, darüber prangt ein Vordach, das die Kundschaft vor dem Regen schützt. «Das wurde von der Gemeinde und den Nachbarn problemlos gutgeheissen», sagt Köpfli und schüttelt dann leicht den Kopf, «doch als ich die Pläne für den Erker und den Turm vorlegte, da hiess es auf einmal, dass das so nicht gehe, wegen der Ausmasse. Aber ich habe der Bauverwaltung dann gezeigt, dass Erker und Turm auf den Zentimeter gleich weit rausragen wie das bereits bewilligte Vordach. Das hat sie überzeugt, und ich durfte bauen.»

Am liebsten hätte der angefressene Handwerker wirklich alles in und an seinem Schloss selber gebaut. Aber für einige Facharbeiten, etwa die Wendeltreppe im Turm, die Maurer- und Fassadenarbeiten, alles Elektrische, die sanitären Anlagen und das Plattenlegen, hat er dann doch die Unterstützung von regionalen Handwerksbetrieben in Anspruch genommen. «Das ist auch eine Zeitfrage», betont Köpfli, «denn ich mache all das ja in meiner Freizeit. Daneben habe ich auch noch ein Geschäft zu führen. Dieser Bau ist mein Hobby und meine Leidenschaft, gleich nach meinen drei Töchtern, die bei mir immer an erster Stelle kommen.

Wenn ich aber wirklich alles selber machen wollte, dann würde ich mein Schlössli wohl nie mehr als Ganzes erleben. Dabei ist mein Ziel doch ganz klar: Ich will noch in meinem Himmelbett aus dem Jahr 1750 schlafen können.» Dieses sowie die Türen, Schränke und andere Einrichtungsgegenstände, hat Köpfli auf Mittelaltermärkten und aus Hausabbrüchen zusammengesucht.

Auch sein Bauholz, das er selber zuschneidet, mit Schnitzereien verziert, lasiert und montiert, stammt aus ehemaligen Bauernhäusern und atmet den Segen vergangener Zeiten: «Die Bretter für die Stube hier neben der Küche, die stammen aus der Kirche Bünzen. Als die renoviert wurde, wollten sie das alte Holz schreddern.»

Für den Rittersaal fehlt ihm noch ein Kachelofen

Wie viel Zeit und Geld er schon in seinen Bubentraum gesteckt hat, darüber denkt der selbst ernannte Schlossherr gar nicht erst nach: «Das ist mein Hobby. Hier finde ich Ruhe und kann wunderbar abschalten. Ferien habe ich seit Jahren schon keine mehr gemacht. Aber wenn ich nach der Arbeit in meine Füsschenbadewanne steige, dann vergesse ich die Zeit, und alles ist gut. Niemand hat doch noch Zeit heutzutage. Bei allen anderen heisst es nach der Arbeit: ‹Ich gehe nur noch kurz unter die Dusche...› Bei mir eben nicht.»

Der erste Stock mit Küche, Stübchen, Abort und Rittersaal sollte bis in einem Jahr so weit sein, «dass ich wieder richtig Gäste empfangen und sie auch bewirten kann». Für den Rittersaal sucht er aktuell noch nach einem passenden Kachelofen. Im zweiten Stock, wo das Badezimmer schon steht, werden noch drei Schlafzimmer entstehen. Der Schlossherr selbst ruht derzeit auf einem Lattenrost mit Matratze, der auf einem provisorischen Gestell aus Backsteinen steht. «Ich schlafe sehr gut hier», bestätigt Köpfli, den man gar nicht erst zu fragen braucht, wovon er nachts, mitten in seiner Baustelle, wohl träumt.