Sarmenstorf

Ein Bijou der Fachwerkkunst verschwindet – Einblick in die Abrissarbeiten der Herrschaftsvilla

Die Liegenschaft am Kirchweg 15 in Sarmenstorf wurde vor fast 200 Jahren als Wasch- und Holzhaus für die Herrschaftsvilla Vock gebaut.

Das kleine Haus am Kirchweg 15 in Sarmenstorf war ein Haus, wie es nicht mehr viele gibt. Diese Art von Fachwerkhäusern ist in den letzten Jahrzehnten auch in unserer Region weitgehend verschwunden. Oder die Riegel sind hinter einer dämmenden Fassade versteckt worden. In diesem Haus haben einst meine Grosseltern gewohnt. Von 1962 bis 1980 hatten es meine Eltern gemietet. Ich bin dort aufgewachsen, und ich war immer stolz auf «unser» kleines Riegelhaus.

Kurz vor seinem Abbruch habe ich es mir noch einmal angeschaut und festgestellt, dass sich dort über die Jahrzehnte kaum etwas verändert hat. Der grüne Kachelofen in der Stube, der vor unserem Einzug 1962 neu gebaut worden ist, stand immer noch dort, das Badezimmer war nicht grösser geworden, und auch eine moderne Wärmeversorgung ist nie eingebaut worden. Geheizt haben wir den Kachelofen und einen zweiten kleinen Ofen im Gang mit Holz und Kohle. In den Zimmern war es im Winter ziemlich kalt, an den Fenstern konnte man am Morgen jeweils die Eisblumen von der Scheibe abkratzen.

Sarmenstorf: Einblick in die Abrissarbeiten

Sarmenstorf: Einblick in die Abrissarbeiten

Die Liegenschaft am Kirchweg 15 in Sarmenstorf wurde vor fast 200 Jahren als Wasch- und Holzhaus für die Herrschaftsvilla Vock gebaut. Nun wird sie abgerissen.

Das Wasch- und Holzhaus der Herrschaftsvilla

Laut dem Kurzinventar der Aargauischen Denkmalpflege ist der Fachwerkbau 1836 als Wasch- und Holzhaus für die benachbarte Villa Vock erstellt worden. Hier wurde nicht nur die Wäsche für die Bewohner des herrschaftlichen Landhauses gewaschen, sondern auch das Holz für dessen zwei grosse Kachelöfen gelagert. Weiter diente das Haus als Gärtnerhaus für die Angestellten der Villa-Bewohner.

Das grosse, bis heute weitgehend original erhaltene Landhaus mit seinem schönen Park stammt aus dem Jahr 1815. Bauen lassen hat es der Arzt und Oberrichter Xaver Vock. Zu meiner Zeit wurde es anfänglich nur im Sommerhalbjahr bewohnt. Besitzer Dr. Walter Vock und seine Frau zogen jeweils im Frühling ein und kehrten im Herbst wieder nach Basel zurück. Nach dem Tod seiner Gattin wurde er jeweils von einer Haushälterin begleitet. Dr. Walter Vock war ein Nachkomme des Erbauers und besass das Sarmenstorfer Bürgerrecht.

Laut seinen persönlichen Erzählungen hat er früher in Basel und zwischenzeitlich auch in Sarmenstorf als Zahnarzt praktiziert. Nach seinem Tod wohnte in der Villa vorübergehend der Pächter des benachbarten Bauernhofes, den Vocks Sohn Walter H. Vock in den 70er-Jahren erworben hatte. Im Frühsommer 2000 sind alle Sarmenstorfer Besitztümer von Walter H. Vock versteigert worden, als dieser nach einer Verurteilung wegen Betrug in finanzielle Nöte geraten war.

Mieter des Gärtnerhauses waren auch Bedienstete

Meine Eltern hatten das Gärtnerhaus zu einem sehr tiefen Preis mieten können, dafür waren sie im Nebenamt Bedienstete von Dr. Walter Vock. Ihre Aufgaben umfassten nicht nur den Frühlings- und Herbstputz in der Villa, sondern auch den Unterhalt des grossen Parks.

Im Mietvertrag aus dem Jahr 1962 war unter anderem auch schriftlich die jährliche Bepflanzung des Gemüsegartens festgehalten, mit einer Anmerkung in Klammern: «Die Gemüseernte wird nach Absprache zwischen dem Vermieter und dem Mieter aufgeteilt.»

Mein Vater hat im Frühling jeweils zusammen mit Vock in der Gärtnerei Melliger die Gemüsesetzlinge ausgelesen, und in der Erntezeit haben sie im Garten dann zusammen besprochen, welches Gemüse im Keller der Villa eingelagert werden musste und welches wir behalten durften. Zu kurz gekommen sind wir dabei nie. Dr. Walter Vock war zwar sehr pingelig, was den Unterhalt von Villa und Garten anbelangte, aber er war auch immer sehr grosszügig. Das eingelagerte Gemüse sowie das Obst vom grossen Baumgarten blieb nicht den ganzen Winter über im Keller der Villa. Es wurde in regelmässigen Abständen von Vocks Sohn mit seinem grossen Kombi abgeholt und nach Basel gebracht.

Ein spannendes Detail im Vertrag war auch die Pflicht des Mieters, am «Augstenfest» vom letzten Sonntag im August – einem kirchlichen Anlass, den es nur in Sarmenstorf gibt – den grossen Altar aus dem Keller der Villa zu schleppen und vorne an der Strasse für die kirchliche Prozession aufzustellen.

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Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

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