Hilfsbereit verteilt Wisi Zgraggen aus Uri Stühle für die Besucher, die seinen Vortrag hören wollen. Das verwundert, denn: Zgraggen hat bei einem Unfall vor 13 Jahren seine beiden Arme verloren. Mit einem einfachen Haken als Prothese und einem starken Willen hat er sich ins Leben zurückgekämpft. Sein Unfall hat ihn nicht davon abgehalten, einen Bauernbetrieb zu führen, Auto zu fahren und zwei weitere Kinder zu bekommen. «Ich habe die Freude am Leben nie verloren», sagt er.

Ohne grosse Umschweife beginnt Wisi Zgraggen von seinem Unfall zu erzählen. Er sei damals 25 Jahre alt gewesen und habe auf dem Bauernbetrieb seiner Eltern Rundballen gebunden. Er bediente die Presse und geriet in den Kanal, der die Ballen bindet. «Ich hatte das Gefühl, mein Körper sei am Zerreissen», so Zgraggen. Tatsächlich verlor er seine beiden Arme bis zur Schulter. Es folgte eine schmerzvolle Zeit mit vielen Operationen und langem Spitalaufenthalt. Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt mit dem zweiten Kind schwanger. Eigentlich ist es ein Zufall, dass er überhaupt noch lebt, hatten ihm die Ärzte damals gesagt. Zgraggen meint dazu: «Ich hatte wohl einen guten Schutzengel.»

Eigentlich wäre er IV-Rentner

Ginge es nach der IV, wäre er jetzt Rentner. «Für mich war aber immer klar, dass ich weiter arbeiten will», erzählt er. Der einstmalige Milchbetrieb seiner Eltern hat er der Einfachheit halber in eine Fleischproduktion umgewandelt. «Ich weiss, dass ich eigentlich keine Handarbeit machen kann. Aber ich will», sagte Zgraggen. Mit viel Fantasie hat er die Maschinen und die Geräte so umgebaut, dass er sie ohne Arme bedienen kann.

Heute fährt er wieder denselben Traktor, mit dem er damals den schweren Unfall erlitten hat. Er betätigt auch Laubbläser und fährt Auto. Das Steuerrad lenkt er mit den Füssen. Auch seine Tiere füttern kann er selber. Zgraggen zeigt ein Video, wie er das Heu wie einen Fussball in einen Luftschaft kickt, der das Futter gleichmässig verteilt.

Das Video sorgt für einige Lacher im Publikum. Mit seiner inzwischen fünfköpfigen Familie bewirtschaftet er heute 52 Hektaren Land mit 55 Tieren in Erstfeld im Kanton Uri. Wenn er von seiner Zucht spricht, beginnen seine Augen zu leuchten und er kommt ins Schwärmen. «Das Fleisch ist extrem zart und von bester Qualität», meint er. Stolz klickt er durch Bilder von seinem Betrieb. Die Maus bedient er mit den Füssen.

«Mein grösstes Hobby ist noch heute die Arbeit», so Zgraggen. Es gibt natürlich auch Dinge, die Zgraggen nie mehr selber machen wird. Der alleinige Gang auf die Toilette beispielsweise ist unmöglich. Vom Unfall hat er noch ab und zu Phantomschmerzen. Kraft und Hilfe gibt ihm da seine Familie. Zudem ist Wisi Zgraggen Optimist und sieht das Leben als Geschenk des Herrgotts. «Ich rate jedem, das Leben zu geniessen.»

Besucherrekord registriert

Der Vortrag fand im Rahmen des Anlasses «Nacht der Begegnungen» im Chappelehof Wohlen statt. In sogenannten Ateliers erzählten neun Personen, wie sie schwierige Lebensumstände gemeistert haben. Die Besucher durften sich für jeweils zwei Vorträge entscheiden. Der Anlass fand bereits zum neunten Mal statt. Dieses Jahr wurde eine Rekordanzahl von 260 Erwachsene und Jugendliche verzeichnet.

Organisiert wurde der Anlass vom zukünftigen Pastoralraum «Unteres Freiamt», dem die Gemeinden Wohlen, Niederwil, Waltenschwil, Hägglingen, Dottikon und Fischbach-Göslikon angehören. Die katholischen Pfarreien planen ab Januar 2017 eine enge Zusammenarbeit, um gemeinsame Ressourcen besser zu nutzen.