Bezirksgericht Bremgarten

Ein Arbeiter der Ferrowohlen verunfallt tödlich – wer ist Schuld daran

Am 27. Mai 2015 verunfallte ein Arbeiter im Wohler Industriepark mit einem Dumper tödlich.

Am 27. Mai 2015 verunfallte ein Arbeiter im Wohler Industriepark mit einem Dumper tödlich.

2015 verunglückte ein Mitarbeiter der Ferrowohlen im Wohler Industriepark tödlich. Zwei seiner Vorgesetzten standen nun wegen fahrlässiger Tötung vor dem Bezirksgericht Bremgarten.

27. Mai 2015, 10.38 Uhr: Ein Mitarbeiter des Industrieparks Ferrowohlen verliert die Kontrolle über seinen Dumper, gerät mit dem Motorkarren auf dem geraden Strassenverlauf immer weiter nach rechts, bis das Gefährt den Zaun durchlägt und hinab ins vier Meter tiefe Rückhaltebecken fällt.

Der abgestürzte Mitarbeiter wird unter dem Gefährt eingeklemmt und bleibt unter Wasser liegen. Umgehend eilen zwei Arbeiter zur Hilfe, bergen den Verunfallten, leiten die Ersthilfemassnahmen ein. Vergebens: Kurze Zeit später muss der Arzt den Tod des damals 62-Jährigen festhalten.

Dezember 2019: Vier Jahre sind vergangen, der Schmerz der Angehörigen ist geblieben, die Fragen auch: Warum kam er von der Strasse ab? Hätte sein Tod verhindert werden können? Sprich: Wer ist Schuld? Auf die erste Frage wird man wohl nie eine Antwort finden, es bleibt die Mutmassung von einem medizinischen Problem. Die beiden anderen Fragen werden gerichtlich geklärt.

Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten sieht bei zwei Personen eine Mitschuld am Tod des Mitarbeiters der Ferrowohlen und hat beide wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Den direkten Vorgesetzten, 30, weil der Verunfallte im Dumper nicht angegurtet war, den damaligen Präsidenten des Verwaltungsrats, 61, wegen nicht ergriffener baulicher Massnahmen.

Beide liessen sich vom Staranwalt Urs Oswald verteidigen, in beiden Fällen kam es zu einem Freispruch, soweit vorweggenommen. Wie das Bezirksgericht Bremgarten mit Gerichtspräsidentin Corinne Moser zu diesem Schluss kam, zeigt der genauere, separate Blick auf die beiden Fälle.

Warum war die Strasse nicht besser gesichert?

Der damalige Verwaltungsratspräsident der Ferrowohlen AG hat gemäss Staatsanwaltschaft fahrlässig den Tod seines Mitarbeiters verursacht. Als Arbeitgeber sei es seine Pflicht, Massnahmen zum Schutz seiner Arbeitnehmer zu ergreifen.

Dieser sei der Präsident des Verwaltungsrats nicht nachgekommen, da eine mögliche Absturzstelle an der Hauptverkehrsachse zum Zeitpunkt des Unfalls nicht genügend gesichert gewesen sei. Ähnlich argumentierte der Anwalt der Privatkläger, der die beiden Töchter des tödlich Verunfallten vertrat.

Da der Beschuldigte die Stelle mit einem Zaun für Fussgänger sicherte, sei er sich der Gefahr bewusst gewesen. «Seine gesetzliche Pflicht wäre es auch gewesen, die Stelle so zu sichern, dass keine Fahrzeuge abstürzen können.

Ein Fall, der viel wahrscheinlicher ist», so der Anwalt der Privatkläger. Der Staatsanwalt berief sich zudem auf einen Kontrollbericht, den die Suva im Vorfeld des Unfalls verfasste. Darin sei festgehalten, dass das Unternehmen der Gefahrenermittlung nur schleppend nachgekommen sei.

«Es kann doch nicht die Aufgabe des Verwaltungsrats sein, auf dem Areal herumzulaufen und nach potenziellen Gefahren zu suchen», führte der Verteidiger in seinem über 90-minütigen Plädoyer aus, in dem er wiederholt sein Unverständnis darüber ausdrückte, warum die Staatsanwaltschaft seine Mandanten ins Visier nehme.

Der Verwaltungsrat sei für die strategische Ausrichtung zuständig «und kann nicht über die Ausführung achten». In diesem Fall sei dies die Aufgabe des Sicherheitsverantwortlichen. Zudem zog Oswald einen Vergleich mit den öffentlichen Strassen. Sogar Passstrassen seien nicht durchgehend mit Leitplanken gesichert.

Das Gericht begründete den Freispruch damit, dass die Gefährdungsermittlung und Kontrolle nicht in den Aufgabenbereich des Beschuldigten gehörten. Das Gericht ging sogar noch einen Schritt weiter: Der Beschuldigte habe glaubhaft darlegen können, «dass er der Sicherheitskultur der Ferrowohlen AG eine grosse Bedeutung zugemessen sowie verschiedene Massnahmen zur Verbesserung initiiert hatte.»

Warum war der Verunfallte nicht angegurtet?

Der damalige direkte Vorgesetzte des Verunfallten hat gemäss Staatsanwaltschaft fahrlässig den Tod seines Untergebenen verursacht. Der Beschuldigte hätte erkennen müssen, dass der Verunfallte «mangels Kontrolle und Sanktion durch den Beschuldigten den Bauchgurt regelmässig nicht trug, damit die Arbeitssicherheit nicht einhielt und im Falle eines Unfalls eine hohe Gefahr für sein eigenes Leben schaffte», ist in der Anklageschrift festgehalten.

Der Verteidiger griff wiederum zu einem Vergleich: «Wenn ein Automobilist den Sicherheitsgurt nicht trägt und tödlich verunfallt, kann man auch der Polizei keinen Vorwurf machen, sie habe den Fahrer an jenem Tag nicht kontrolliert.» Zudem gebe es nicht die Spur eines Beweises, dass sein Mandant seiner Kontrollpflicht nicht nachgekommen sei.

In der Begründung des Freispruchs geht das Gericht noch auf einen anderen Aspekt ein: «Das Gericht erachtet zudem im vorliegenden Fall die eigenverantwortliche Selbstgefährdung des Opfers als erheblich.»

Der Verunfallte war nach Ansicht des Gerichts ohnehin nicht gewillt, die Sicherheitsgurte zu tragen. Dies schloss das Gericht daraus, dass das Gurtschloss keine Gebrauchsspuren aufgewiesen hat und durch einen Kehrrichtsack, der als Regenschutz diente, abgeklebt war.

Autor

Fabio Vonarburg

Fabio Vonarburg

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