Bezirksgericht Muri

Ein angehender Anwalt steht selber vor Gericht – dort belehrt er die Richterin

Auszug aus dem Gericht (Symbolbild).

Auszug aus dem Gericht (Symbolbild).

Ein Jurist muss sich wegen Urkundenfälschung vor dem Bezirks­gericht Muri verantworten. Er habe mit einem falschen Strafregisterauszug, auf dem seine Vorstrafe nicht ersichtlich war, versucht, sich Zugang zur Anwaltsprüfung zu verschaffen, so die Staatsanwaltschaft.

Richterin: Wir sind hier, um eine alte Geschichte zu beurteilen. Heute würde ich gerne das Beweisverfahren fortführen. Möchten Sie vorneweg etwas sagen?

Der Angeklagte dreht sich im Stuhl und zeigt in den hinteren Teil des Saals: Ich möchte, dass der Journalist des Raumes verwiesen wird. Er trägt keine Maske.

Richterin: Der Abstand wird eingehalten, wir haben keine Auflagen betreffend Mundschutz.

Angeklagter: Ich habe gesehen, dem Journalisten wurde eine Anklageschrift ausgehändigt. Das ist nicht rechtens.

Richterin: Doch. Das ist im Aargau so üblich, das ist rechtens.

Angeklagter: schweigt.

Richterin setzt sich aufrecht hin: Dann möchte ich jetzt mit meiner Befragung beginnen.

Angeklagter: Ich sage nichts.

Richterin: Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten einen Strafregisterauszug mit einem falschen Geburtsdatum bestellt. Was sagen Sie dazu?

Angeklagter: schweigt.

Richterin: Wollen Sie den Grund sagen, wieso Sie nichts sagen?

Angeklagter: schweigt.

Richterin: Hätten Sie den Strafregisterauszug eingereicht, wenn Ihre Vorstrafe darauf…

Angeklagter auf die Richterin zeigend: Das ist eine Suggestivfrage. Das dürfen Sie nicht fragen.

Richterin: Sie müssen mich schon fertigreden lassen.

Weiter hat der Angeklagte während seines Praktikums auf einer Kanzlei «Blankochecks» des Anwalts mit nach Hause genommen. Die vorunterschriebenen Formulare sind für die Mitarbeitenden in Notfällen gedacht, wenn der Anwalt ausser Haus ist und Fristen eingehalten werden müssen. Mit einem davon hätte der Jurist sich – ohne Wissen des Anwalts – Zugang zu den Akten eines Bauprojektes in seiner Gemeinde verschafft. Auch dazu äussert sich der Angeklagte nicht. Schliesslich wechselt die Richterin das Thema.

Richterin: Im psychologischen Gutachten heisst es, Sie hätten jede Mitwirkung verweigert. Wieso?

Angeklagter: schweigt.

Richterin: Vermutlich haben Sie eine psychische Störung, heisst es darin. Die Grundlage für eine Diagnose war aber, weil sie nicht mitgemacht haben, dürftig. Verstehen Sie das Gutachten?

Angeklagter: schweigt.

Richterin: Gehen Sie davon aus, dass Sie psychisch krank sind?

Angeklagter: schweigt.

Richterin: Ihnen wird eine Therapie empfohlen: Wären Sie dafür bereit?

Angeklagter: schweigt.

Richterin: Wollen Sie mir unabhängig von meinen Fragen etwas sagen?

Daraufhin erhebt sich der Angeklagte, legt ein Lehrbuch aufs Pult der Richterin. Von der Richterin dazu aufgefordert, setzt er sich auf seinen Platz, erhebt sich aber gleich wieder, diesmal gibt er einige Dokumente ab. Wieder muss er sich setzen, wieder steht er auf, legt nun einen ganzen Stapel Dokumente aufs Pult. Es sind alte Akten von ihm, Aufträge, die er für seinen alten Arbeitgeber ausgeführt hat. Zahlreiche Blankochecks hat er dabei benutzt.

Damit will er zeigen, dass diese Checks nicht «nur» in Notfällen, sondern andauernd zum Einsatz gekommen sein sollen. So auch im Fall, für den er nun vor Gericht stand. Die Bauunterlagen habe er im Auftrag des Anwalts herausverlangt. «Der hat das nur vergessen», so der Jurist. Und auch den Strafregisterauszug habe er nicht absichtlich falsch abgegeben. Er habe ihn schlicht nicht kontrolliert, sondern direkt ins Couvert gesteckt. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Busse von 7200 Franken. Die Verteidigung pocht auf einen Freispruch. Das letzte Wort hat nochmals der Jurist.

Angeklagter: Meine Festnahme war unrechtmässig und völlig überflüssig. Ich will mehr als 200 Franken Wiedergutmachung pro Tag. Ich habe zwei Studiums, ich denke, ich habe Anspruch auf mehr. Auch die Hausdurchsuchung war völlig überflüssig.

Richterin: Das gehört nicht in ein letztes Wort.

Angeklagter: Doch, kann es. Auch 50 Franken für das Prepaidguthaben meines Handys ist zu wenig. Ich will zweimal 50 Franken.

Richterin: Wieso?

Angeklagter: Ich möchte Akteneinsicht bei der Swisscom. Ich will wissen, wie viel genau drauf war. Diesen Betrag will ich mit fünf Prozent Verzugszins zurückbezahlt bekommen.

Richterin, nachdem sie die Verhandlung für eine Denkpause unterbrochen hat: Ich habe gehofft, dass Sie sich zum Ergebnis des Gutachtens äussern würden. Ich habe so eine Ahnung, in welche Richtung es geht, ich will mir aber für den Entscheid genug Zeit nehmen.

Damit war die Verhandlung beendet, der Entscheid wurde vertagt. 

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