Merenschwand

Ein afghanischer Flüchtling beisst sich als Bodenleger-Lehrling durch

Afizullah Karizada, Flüchtling aus Afghanistan und heute Parkett-Bodenlegerlehrling, zusammen mit seinem Chef Alois Odermatt, Geschäftsführer der Parkett Käppeli GmbH, und seinem prämierten Werkstück. ES

Afizullah Karizada, Flüchtling aus Afghanistan und heute Parkett-Bodenlegerlehrling, zusammen mit seinem Chef Alois Odermatt, Geschäftsführer der Parkett Käppeli GmbH, und seinem prämierten Werkstück. ES

Der turkmenische Flüchtling Afizullah Karizada kam vor fünf Jahren in die Schweiz. Weil er beim Schnuppern als Parkett-Bodenleger einen guten Eindruck hinterliess, erhielt er die Lehrstelle. In den folgenden Jahren wurde ihm nichts geschenkt.

Bevor Afizullah Karizada vor fünf Jahren in die Schweiz kam, wusste er nicht einmal, was Parkett ist. In seiner Heimat, in Afghanistan, legen die Menschen Teppiche auf den Boden. Heute ist er einer der erfolgreichsten Lehrlinge seiner Lehrfirma Parkett Käppeli GmbH in Merenschwand. Der Asylbewerber hat – unter anderem – im Modellwettbewerb für Parkett-Bodenleger dieses Jahr den ersten Rang belegt. «Sein bisheriger Weg war alles andere als leicht», stellt Alois Odermatt, Geschäftsführer der Lehrfirma, fest. «Aber er ist einer, der sich durchbeisst.»

Afizullah Karizada, 26 Jahre alt, kam am 26. Mai 2009 als Flüchtling in die Schweiz – auf abenteuerlichen und gefährlichen Wegen durch vier Länder (siehe Artikel unten). Zuerst lebte er in Basel und Altstätten in Empfangszentren, dann mit 50 anderen im Asylzentrum in Villmergen. Schliesslich gelang es ihm, mithilfe des Netzwerks Asyl Aargau in die Kantonale Schule für Berufsbildung einzutreten, auch um dort seine in einem Deutschkurs des kantonalen Sozialdienstes erworbenen sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern.

«Meine Lehrerin hiess Frau Gujer. Sie war eine sehr nette Person», erinnert sich Karizada. Sie war es auch, die durchsetzte, dass ihr Schüler bei der Parkett Käppeli GmbH eine Schnupperwoche machen konnte. «Zuerst haben wir abgelehnt», räumt Odermatt ein.

«Aber die Frau war hartnäckig.» Also sagte er schliesslich zu und nahm den jungen Afghanen für eine Woche in die Firma. Es kam dann zu einer zweiten und dritten Woche, weil sich Karizada als handwerklich begabt, einsatzfreudig und sehr interessiert herausstellte. «Er ist ein fleissiger, gmögiger und gäbiger Kerl», sagt sein Chef. So entschloss sich die Firma, ihm eine Lehrstelle als Parkett-Bodenleger zu geben. Das war im August 2012. Im Juni wird Karizada die Lehrabschlussprüfung ablegen; Odermatt zweifelt nicht daran, dass er dies erfolgreich tun wird.

Nichts geschenkt

Geschenkt wurde ihm nichts, das räumt auch Odermatt ein. «Es war für ihn eine schwierige Zeit.» Von der öffentlichen Hand erhielt er 9 Franken pro Tag Essensgeld. «Das reicht für einen, der auf dem Bau arbeitet, hinten und vorne nicht», sagt der Arbeitgeber. «Ich habe immer am Vorabend gekocht, damit das Geld reichte und ich am anderen Tag zu essen hatte», erklärt der Lehrling. Die Parkett Käppeli GmbH zahlt 18 Franken für das Mittagessen, wenn ihre Arbeitnehmer auswärts an der Arbeit sind. Dieses Geld gab es auch für Karizada.

Nur zog die Gemeinde diesen Verpflegungsbeitrag bei ihm als zwei Tagessätze Essen ab. «Wir mussten buchstäblich schauen, dass uns unser Stift nicht verhungert», sagt Odermatt. Er, «der sich wirklich nicht im linken Lager sieht, sondern von Asylbewerbern Leistung verlangt, bevor man ihnen etwas gibt», versteht dieses Vorgehen nicht. Seine Firma sorgte auch für eine von ihr finanziell verbilligte Wohngelegenheit in Merenschwand, weil ihr afghanischer Stift im dicht bevölkerten Asylzentrum in Villmergen nicht ruhig und effizient lernen konnte.

«Das war für mich ein grosses Glück, ich war sehr froh, dass ich mich jetzt auf meine Lehrstelle konzentrieren konnte», führt Karizada aus. Ein grosses Glück sei auch, dass sein Chef so an ihn geglaubt und ihn unterstützt habe. «Er hat mir von Anfang an vertraut. So gab er mir zum Beispiel schon am ersten Tag die Schlüssel für seinen Betrieb, was mich sehr beeindruckte.»

Am Anfang waren Afizullah Karizadas Schulnoten unterdurchschnittlich. Er hatte Verständigungsprobleme. Heute ist er guter Dinge. «Ich verstehe fast alles», stellt er fest. Er spricht auch leidlich Schweizerdeutsch. Nach der Lehre hat er das Angebot, in seiner Lehrfirma zu bleiben, «aber er muss an seiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit arbeiten», fordert Odermatt. Das ist für Karizada keine Frage.

Der Afghane zeigt seinen «Ausweis für vorläufig aufgenommene Ausländer», der bis 26. März 2016 befristet ist. Sein Ziel ist es, in der Schweiz zu bleiben und hier Parkette zu verlegen, statt in seiner Heimat ohne Zukunftsperspektiven Teppiche unters Volk zu bringen. Wie gut er das Parketthandwerk beherrscht, zeigt er einerseits mit seinem Erfolg beim Modellwettbewerb mit einem schwierigen Muster aus Akazie, Bergahorn und Doussie (Edelkirsche), andererseits mit seiner Arbeit an der Berufsschweizermeisterschaft Swiss Skills: Dort hat er als einer von fünf Parkettlegern teilnehmen dürfen.

Traum von Familie und Ferien

Afizullah Karizada ist zahlreichen Menschen, die ihm geholfen haben, sehr dankbar. «Vieles war nur möglich mit der Hilfe von vielen guten Personen, die an mich geglaubt haben.» Jetzt hofft er, nicht nur die Lehrabschlussprüfung zu meistern, sondern eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. «Für meine private Zukunft wünsche ich mir, einmal eine gute Partnerin zu finden, zu heiraten und eine Familie zu gründen.» Vielleicht könne er eines Tages sogar Ferien machen. «Das wäre ein Traum.»

Eddy Schambron Weil für ihn ein Leben in Afghanistan ohne Perspektive war und mit den Taliban jede Sicherheit verloren ging, entschloss sich der damals 21-jährige Mann, der sich als Teppichhändler und mit Arbeit in einer Schneiderei durchs Leben brachte, das Land zu verlassen, «egal wohin». Mithilfe von Schleppern gelangte Karizada in den Iran und die Türkei. In Istanbul versprach ihm ein weiterer Schlepper, ihn mit einem sicheren Schiff nach Griechenland zu bringen. «Wir waren 26 Personen, die auf diesem Schlauchboot Platz finden sollten. Es war fünf Meter lang und 1,5 Meter breit, also sehr ungeeignet für den Transport von so vielen Leuten.» Er empfand diese Situation als sehr gefährlich, da er nicht schwimmen kann. «Schwimmwesten gab es keine.» In Griechenland meldete sich der Flüchtling bei den Behörden und nahm als Taglöhner Arbeit auf Baustellen und für Zügelfirmen an. Schliesslich gelang es ihm zusammen mit einem anderen Flüchtling, sich auf einem mit Wassermelonen beladenen Lastwagen zu verstecken, der in Patras auf die Fähre fuhr. «Die Wassermelonen waren ein Glück, denn unterwegs konnten wir uns von ihnen ernähren.» In Italien angekommen, vermittelte der griechische Schlepper einen Schlepper-Kollegen in Italien, der den Flüchtling schliesslich in die Schweiz, nach Basel, schleuste. In der Schweiz «In Basel, im Empfangszentrum, musste ich Formulare ausfüllen», erinnert sich Karizada. Nach ein paar Tagen wurde er nach Altstätten verlegt, eine Woche später in den Kanton Aargau. In Aarau blieb der Flüchtling 40 Tage, dann musste er erneut umziehen, in die Gemeinde Villmergen. «Ein Jahr lang blieb ich in Villmergen, ohne dass ich einen Sprachkurs besuchen oder arbeiten konnte. Es blieb mir nicht viel anderes übrig, als zu warten.» Schliesslich erhielt er vom kantonalen Sozialdienst die Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen. «Ich lernte viel und war froh, dass ich nun Kontakt mit anderen Leuten aufnehmen konnte.» 2010 machte ihn die Caritas auf die Möglichkeit aufmerksam, sich bei der Kantonalen Schule für Berufsbildung (KSB) für das zehnte Schuljahr anzumelden. Das Netzwerk Asyl Aargau half ihm dabei erfolgreich; im August 2011 konnte Afizullah Karizada mit der Schule beginnen.

Mit einem Schlauchboot kam Afizullah Karizada zuerst nach Griechenland

Eddy Schambron Weil für ihn ein Leben in Afghanistan ohne Perspektive war und mit den Taliban jede Sicherheit verloren ging, entschloss sich der damals 21-jährige Mann, der sich als Teppichhändler und mit Arbeit in einer Schneiderei durchs Leben brachte, das Land zu verlassen, «egal wohin». Mithilfe von Schleppern gelangte Karizada in den Iran und die Türkei. In Istanbul versprach ihm ein weiterer Schlepper, ihn mit einem sicheren Schiff nach Griechenland zu bringen. «Wir waren 26 Personen, die auf diesem Schlauchboot Platz finden sollten. Es war fünf Meter lang und 1,5 Meter breit, also sehr ungeeignet für den Transport von so vielen Leuten.» Er empfand diese Situation als sehr gefährlich, da er nicht schwimmen kann. «Schwimmwesten gab es keine.» In Griechenland meldete sich der Flüchtling bei den Behörden und nahm als Taglöhner Arbeit auf Baustellen und für Zügelfirmen an. Schliesslich gelang es ihm zusammen mit einem anderen Flüchtling, sich auf einem mit Wassermelonen beladenen Lastwagen zu verstecken, der in Patras auf die Fähre fuhr. «Die Wassermelonen waren ein Glück, denn unterwegs konnten wir uns von ihnen ernähren.» In Italien angekommen, vermittelte der griechische Schlepper einen Schlepper-Kollegen in Italien, der den Flüchtling schliesslich in die Schweiz, nach Basel, schleuste. In der Schweiz «In Basel, im Empfangszentrum, musste ich Formulare ausfüllen», erinnert sich Karizada. Nach ein paar Tagen wurde er nach Altstätten verlegt, eine Woche später in den Kanton Aargau. In Aarau blieb der Flüchtling 40 Tage, dann musste er erneut umziehen, in die Gemeinde Villmergen. «Ein Jahr lang blieb ich in Villmergen, ohne dass ich einen Sprachkurs besuchen oder arbeiten konnte. Es blieb mir nicht viel anderes übrig, als zu warten.» Schliesslich erhielt er vom kantonalen Sozialdienst die Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen. «Ich lernte viel und war froh, dass ich nun Kontakt mit anderen Leuten aufnehmen konnte.» 2010 machte ihn die Caritas auf die Möglichkeit aufmerksam, sich bei der Kantonalen Schule für Berufsbildung (KSB) für das zehnte Schuljahr anzumelden. Das Netzwerk Asyl Aargau half ihm dabei erfolgreich; im August 2011 konnte Afizullah Karizada mit der Schule beginnen.

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