In seiner Wohnung dominieren bunte Farben. Der Lehrer Marcel Wisler aus Sins ist ein lebensfroher Mensch, spielt verschiedene Instrumente, pflegt viele Pflanzen. Aber in seiner Garage ist es jetzt tiefschwarz. Darin steht neuerdings ein Cadillac Miller Meteor von 1974. «Schreiben Sie nicht Leichenwagen», sagt Wisler, «schreiben Sie Bestattungswagen, das wird dem Fahrzeug gerechter und ist würde- und pietätsvoller.»

Wisler hat den Wagen, den sein Vorbesitzer Simon Spiess, ein Kaminfeger und Bestatter, vor fünf Jahren aus Amerika in die Schweiz geholt hat, mit seinem Buick Regal getauscht. «Spiess hat mich im Autokino Muri auf meinen Buick angesprochen, weil ihm mein Oldtimer gefiel. Und mir hat es sein Vorschlag, den Buick gegen seinen Cadillac zu tauschen, angetan.»

Was aber bringt einen Lehrer, der in einer Institution mit Jugendlichen arbeitet, dazu, einen Bestattungswagen, übrigens mit original amerikanischem Sarg hintendrin, zu fahren? «Der Wagen ist sehr elegant», sagt Wisler, «und er ist ein absolutes Unikat.» Er ist sich bewusst, dass er mit diesem Fahrzeug auf der Strasse die Blicke auf sich ziehen wird.

Und weist allfällige Vermutungen gleich ins Reich der Fantasie: «Ich bin kein Grufti, ich bin nicht morbid oder nekrophil.» Zwar befasse er sich im Beruf wie auch in seiner Freizeit intensiv mit dem Leben, aber auch mit dem Tod, liest Werke der Schweizer Sterbeforscherin Elisabeth Kübler Ross oder des bekannten Lebenskunst-Philosophen Wilhelm Schmid.

Sehr exklusiv

In seinem Bekanntenkreis kennt er einen pensionierten Bestatter, mit dem er tiefgründige Gespräche führen kann. «Aber das hat letztlich keinen Zusammenhang mit diesem Wagen. Ich werde ihm einfach Sorge tragen und ihn stets im Originalzustand halten.»

Der Cadillac Miller Meteor ist eine umgebaute Fleetwood-Limousine. Das verstärkte Chassis war darauf ausgerichtet, das höhere Gewicht von Bestattungswagen- und Krankenwagenaufbauten zu tragen. Das Commercial Chassis war deutlich niedriger als der Rahmen des entsprechenden Personenwagens, damit die Ladefläche des Aufbaus niedriger werden konnte und das Be- und Entladen erleichtert war. «Dieser Wagen ist nicht nur in der Schweiz ein sehr exklusives Fahrzeug», freut sich Wisler.

Glücklicherweise hat er eine tiefe Garage zur Verfügung, denn mit seinen 6,5 Metern Länge ist der Cadillac ein Riesending. «Die Parkplatzsuche ist manchmal schwierig», räumt der Vorbesitzer Simon Spiess ein, «auch engere Strassen zu befahren ist anspruchsvoll». Aber das Fahrzeug mache Freude beim Fahren. «Unebenheiten der Strasse spürt man praktisch nicht. Man fährt sanft dahin.»

Im Fond ist der Wagen eher spartanisch ausgestattet. Nicht mal ein Autoradio steckt im dafür vorgesehenen Fach. «Das wurde angesichts des Einsatzzwecks auch nicht gebraucht», stellt Spiess trocken fest. Wenn er unterwegs war und irgendwo anhielt, wurde er oft in Gespräche verwickelt. «Die Leute reagieren auf das Fahrzeug, aber durchaus positiv. Sie zeigen sich interessiert, wollen Details wissen, reinschauen.»

Jetzt ist Marcel Wisler gespannt, welche Kontakte, welche Gespräche ihm dieser spezielle Oldtimer bringen wird. «Ich denke, so ein Bestattungswagen enttabuisiert auch ein wenig ein aus unserer Gesellschaft weitgehend verbanntes Thema.»

Fünf Ami-Schlitten

Wisler, der jedes Jahr eine Oldtimer-Ausfahrt ab Sins um den Lindenberg organisiert, pflegt und unterhält insgesamt fünf Oldtimer, alles amerikanische Wagen. Sein Alltagsfahrzeug, der jüngste in der Flotte, ist ein Chevrolet Cavalier von 1987. «Die Autos gefallen mir einfach.» Er hat sie in verschiedenen Garagen untergebracht, bewegt sie regelmässig, fährt mit ihnen aber, bis auf den Alltags-Chevy, wenige Kilometer pro Jahr.

Seine Vorliebe für amerikanische Autos «hat sich so ergeben». Selber war er noch nie in Amerika, und erst seit Donald Trump Präsident ist, wird er immer wieder mal darauf angesprochen, wie er es denn mit der amerikanischen Politik halte. «Meine Auto-Vorliebe hat überhaupt keinen Zusammenhang mit politischen Ansichten oder mit einer besonderen Vorliebe zu Amerika», sagt Wisler dazu.