Selbstversuch: 2. Tag
Ein Abenteuer wie auf Jackson's Island – doch Huck Finn war wenigstens nicht allein

Ein Gewitter zieht am zweiten Tag des Offline-Experiments auf und lässt Gedanken aufkommen, das Vorhaben abzublasen. Nun drängen sich die wirklich wichtigen Fragen in den Vordergrund.

Eddy Schambron
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Gut, es ist nicht der Mississippi, sondern der Stöckenbach. Es ist auch nicht die verwilderte, unbewohnte Insel Jackon’s Island, die Huckleberry Finn bewohnte, bis er auf einem Floss flussabwärts trieb. Aber immerhin eine nette Schlaufe im Bachverlauf. Und da ist auch Jim nicht, der Sklave, der mit Huck auf der Flucht ist, weil seiner Besitzerin Miss Watson ihn für 800 Dollar nach New Orleans verkaufen will.

Aber ein bisschen von allem aus diesem Pflichtbuch für die Buben unter uns ist vorhanden im Schwandertobel, Gemeinde Sins. Huck geniesst in Mark Twains Buch schliesslich nicht nur das ungebundene Leben in der freien Natur, sondern stellt sich, seine Zeit und seine Umwelt grundsätzlich infrage.

Mein Jackson’s Island

Die Gefühle ändern sich an diesem zweiten Tag schlagartig. Ich mache es zwar wie Huck, stürze mich, verschwitzt wie ich bin, in die Fluten des Mississippi, äh Stöckenbachs. Es ist kalt da drin, und zum Schwimmen taugt der Bach nicht. Aber er erfrischt und reinigt auch ohne Seife. Doch es gibt einen weiteren, wesentlichen Unterschied. Hier, auf meinem Jackson’s Island, bin ich allein. Wirklich allein. Verlassenheitsgefühle kommen auf. Wahrscheinlich habe ich mich zuletzt als Kind in einer ungemütlichen Situation so gefühlt. Leise meldet sich Angst.

Wenn ich jetzt und hier ein Bein einklemme? Oder einen Herzinfarkt erleide? Die Gefühle lassen sich nicht verscheuchen. Ausweichen geht auch nicht, denn genügend starke Ablenkung gibt es hier nicht. Grundlegende Überlegungen beginnen sich in den Vordergrund zu drängen. Was wäre herausgekommen , wenn ich bei dieser oder jener Weggabelung des Lebens anders entschieden hätte? Was, wenn dieses oder jenes nicht oder doch geschehen wäre?

Erlebnisse aus der Vergangenheit tauchen auf. Das eine oder andere hätte man besser machen können oder müssen. Manchmal hat man Glück gehabt oder Pech, manchmal hat man sich den Weg selber verbaut. 60 Jahre ziehen im Zeitraffer vorbei. Und enden in der Gegenwart: Was sind die Perspektiven heute, wo sich das Alter sicht- und spürbar anschleicht?

Kalter Koffeinentzug

Schwarze Wolken verdunkeln den Himmel über den Bäumen. Ein Gewitter geht über die Gegend hinweg und lässt den Stöckenbach innerhalb einer geschätzten Minute um mindestens das Doppelte anschwellen. Das Wasser frisst sich jetzt dreckig-braun durch das Bachbett. Ich suche Schutz unter dem Dach der Hängematte, sitze am Boden und kauere mich zusammen, damit ich nicht nass werde.

Es trommelt auf das Hängemattendach und das Regenwasser läuft in breiten Rinnsalen rechts und links an mir in den Waldboden. Alleinsein ist ungemütlich. Kommt hinzu, dass mich am frühen Morgen heftige Kopfschmerzen plagten, die ich mit einem Schmerzmittel bekämpfte und die den Fussmarsch über den Holderstock und Abtwil bis hierhin zusätzlich anstrengend machten.

Die Frage nistet sich ein, weshalb ich mir das hier antue, der Gedanke keimt auf, das Vorhaben abzublasen und nach Hause in die eigenen vier angenehmen Wände zurückzukehren. Kalter Koffeinentzug, wird später eine Kollegin zu den unvermittelt aufgetretenen Kopfschmerzen vermuten. Die Mutmassung ist nicht abwegig; der Kaffeekonsum ging auf meiner Wanderung von einigen Tassen pro Tag auf null herunter.

Jetzt erst recht

Das Gewitter über dem Schwanderwald verzieht sich genauso schnell, wie sich die Wolken aufgetürmt hatten. Die Sonne bricht durch und ich bewege mich an den Waldrand, um Schuhe und Socken zu trocknen. Mit den wärmenden Sonnenstrahlen ändern sich die Gefühle. Wie war das doch damals, als wir, jung an Jahren, mit Töff und Zelt unterwegs waren und die Welt nur uns allein gehörte? Das war richtig toll und, denke ich, sollte eigentlich auch heute noch das ganz normale Alltagsleben prägen.

Oder erst recht wieder, jetzt, wo die Pensionierung am Horizont auftaucht. Von diesem Gefühl, beschliesse ich, nehme ich so viel wie möglich mit zurück. Am Schluss der Reise von Huckleberry Finn und Jim auf dem Mississippi stehen schliesslich, nach vielen Abenteuern, übergeordnet über alles auch die Auflösung der Probleme und vor allem die Freiheit.

Freiämterweg: Es führt (fast) kein Weg an ihm vorbei

Wer zu Fuss im oberen Freiamt unterwegs ist, stösst sozusagen zwangsläufig immer wieder auf den Freiämterweg. Selbst unter der Vorgabe, möglichst abseits der üblichen Routen durch das obere Freiamt zu gelangen, begegnet man regelmässig den braunen Wegweisern.

Hervorragend ausgeschildert sind auch die normalen Wanderwege. Die Wege selber sind bestens unterhalten. Der Freiämterweg , insgesamt über 180 Kilometer lang, will nicht nur durch die schöne Natur des Freiamtes führen, sondern versteht sich als Kulturwanderweg.

Auf ihm sind viele Kunst- und Kulturschätze zu entdecken. Der Weg ist so konzipiert, dass er gut in mehrere Etappen unterteilt werden kann. Er ist an den öffentlichen Verkehr angebunden und steuert immer auch Dörfer mit einladenden Gasthäusern an. (es)