Buttwil/Nagoya

Ein 15-jähriger Schweizer trainiert in der japanischen Tischtennis-Hochburg

Tischtennisspieler Dimitri Brunner (15) will in Japan den Sprung an die Weltspitze schaffen. Als einer der wenigen Ausländer darf er in Nagoya trainieren: zusammen mit der asiatischen Tischtennis-Elite.

Obwohl Dimitri derzeit sieben Zeitzonen, zwölf Flugstunden und fast 10 000 Kilometer vom Freiamt entfernt wohnt, ist er in seinem alten Zuhause in Buttwil noch immer allgegenwärtig. An den Wohnzimmerwänden hängen Plakate von ihm, im Keller sind seine Pokale und Medaillen ausgestellt, sogar auf die Sofakissen sind seine Porträtbilder gedruckt. Das absolute Highlight ist aber eine kleine Schneekugel, welche beim Schütteln weisse Flocken auf den jungen Tischtennisspieler fallen lässt.

Es ist jedoch nicht etwa Dimitris Familie, welche diese schon fast kitschige Fan-Kultur um das 15-jährige Sporttalent evoziert. Vielmehr handelt es sich bei den massgeschneiderten Andenken um Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke einer Trainerin des Tischtennisclubs Rapid Luzern.

Nachdem Dimitri beim TTC Muri und danach beim TTC Bremgarten erste Erfahrungen im Tischtennissport sammeln konnte, schaffte er dort vor zwei Jahren nämlich den ganz grossen Durchbruch. Seither gehört er zu den vielversprechendsten Schweizer Tischtennistalenten.

Vergangene Saison wurde er zum ersten Mal als Stammspieler in der NLA eingesetzt, konnte an der Jugend-EM in der Slowakei teilnehmen, gewann zahlreiche Medaillen an nationalen und internationalen Turnieren. Und davon soll es in Zukunft noch viele mehr geben.

Alles oder nichts

Hätte ihn sein Vater vor rund neun Jahren nicht zum Tischtennistraining mitgenommen, hätte Dimitri diesen Sommer vermutlich eine KV-Lehre in der Region begonnen. Er sässe zusammen mit seinen Eltern, mit seinen zwei Schwestern und mit Kater Jimmy im Buttwiler Wohnzimmer und würde mit Freunden Pläne für das Wochenende schmieden.

Weil ihn damals aber das Tischtennis-Virus gepackt und seither nicht mehr losgelassen hat, befindet sich Dimitri gerade im fernen Japan und bereitet sich auf die letzte Trainingseinheit des Tages vor. Er ist glücklich. Noch bis um 23 Uhr darf er spielen, diese Zeit will er nutzen. Auch am Wochenende.

«Mir wurde bereits vor Längerem klar, dass ich die wirklich grossen sportlichen Fortschritte nicht in der Schweiz machen werde. Dafür musste ich ins Ausland», sagt Dimitri. Seit rund sechs Wochen lebt er deshalb im japanischen Nagoya.

Eine absolute Tischtennishochburg, versichert der Nachwuchsspieler. Er ist der erste Ausländer überhaupt, welche über längere Zeit dort trainieren darf. Darauf ist er stolz, seine Familie ist es auch.

Was der 15-Jährige in Japan leistet, ist ambitiös. Sein Alltag beginnt um sechs Uhr morgens mit Konditionstraining, gefolgt von 90 Minuten Japanischunterricht, einer sechsstündigen Trainingseinheit am Nachmittag und einem freien Training am Abend. Turniere am Wochenende, praktisch keine spielfreien Tage.

Harte Schläge zum grossen Erfolg

Wenn Dimitri etwas erzählt, spricht er weit weniger emotional, als er normalerweise Tischtennis spielt. Seine Jubelschreie, die persistenten Motivationsrituale und die gelegentlichen Fluchtiraden sind im Match ein Teil von seiner Identität und von seinem Erfolgsrezept.

Wenn er jedoch von der grossen Ungewissheit vor dem Abflug spricht, von den Zweifeln, vom Abschied, dann tut er das verhältnismässig nüchtern. «Wahrscheinlich weil es nur für eine begrenzte Zeit ist», meint Dimitri.

Noch bis Anfang November wird er in Japan trainieren, danach wird er für ein halbes Jahr nach Düsseldorf ziehen. Dort trainiert er an einer der besten Tischtennisakademien Europas. Verglichen mit Japan wird das Spielniveau in Deutschland jedoch um einiges tiefer sein. Denn in Asien seien nicht nur Quantität und Qualität der Trainingseinheiten um einiges höher, vor allem von der extremen Intensität könne man als Ausländer enorm profitieren.

Der Trainingsdruck ist hoch. Wer in Japan an einem Turnier unzulänglich spielt und gegen einen schlechter klassierten Gegner verliert, dem werden vom Trainer die Haare rasiert. Gleiches Verfahren bei Verspätungen und ungenügendem Trainingseinsatz. Schläge und Ohrfeigen sind an der Tagesordnung.

Ausländer Dimitri wird von diesen rigorosen Massnahmen glücklicherweise verschont, er hat den Schweizer Bonus im Rücken. Dennoch, der asiatische Drill zeigt Wirkung: Japan ist seit Jahrzehnten eine Tischtennisnation, spielt bei der Weltelite mit.

Das Schweizer Tischtennistalent Dimitri Brunner gehört hier zu den schlechtesten Spielern. Wenn er so weitermacht, wird sich das aber bald ändern. Und auch seine Fanartikel dürften dann wohl früher oder später den Sprung über die Grenzen des Buttwiler Elternhauses hinweg schaffen.

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