Roadtrips-Serie

Eigentlich wollte er nur den Kollegen abholen: Lorenz Stägers Reise durch die Sahara

Wohlen–Kamerun retour: Schriftsteller Lorenz Stäger sagt, wie er die Reise mit seinem Mercedes durch die Wüste vorbereitet und überstanden hat und welche Rolle Gummimatten spielen.

Ursprünglich wollte Lorenz Stäger 1966 mit seinem Studienkollegen Rudolf Fischer nach Indien reisen. So wie 1964, als sie mit Stägers Mercedes, Jahrgang 1958, die Länder des Nahen Ostens erkundeten. Doch Unsicherheiten rund um den Zweiten Indisch-Pakistanischen Krieg beendeten dieses Vorhaben.

Damals arbeitete Peter Koch, ein Kollege aus Stägers Heimatgemeinde Wohlen, in Liberia an seiner Dissertation. Diesen könnten sie doch mit dem Auto abholen, sagten sich Stäger und Fischer. Kaum war die Idee geboren, wurden Briefe per Luftpost zwischen der Schweiz und Afrika hin- und hergeschickt. Die Männer vereinbarten einen Treffpunkt in der Küstenstadt Accra in Ghana.

Vor der Abreise liess Stäger am Mercedes einen Unterschutz montieren sowie den Rücksitz aus- und einen 200-Liter-Benzintank einbauen. Zum Gepäck gehörten Feldbetten und Kanister für 100 Liter Wasser. Sollte das Auto in der Sahara im Sand stecken bleiben, wollten die beiden Studenten es mit Gummimatten oder Drahtgeflecht wieder fahrtauglich machen.

Alle 10 Kilometer ein Pfosten

Am Freitag nach dem Schmutzigen Donnerstag 1966 ging die Reise von Wohlen aus Richtung Spanien los. Er sei an jenem Tag nach der Fasnacht nicht im besten Zustand gewesen, erzählt Stäger am Stubentisch und beugt sich über die alte Michelin-Afrika-Karte. Damals gab es noch keine Autobahnen. In Gibraltar setzten sie mit der Fähre nach Marokko über.

Da es nicht erlaubt war, alleine durch die Sahara zu fahren, warteten Stäger und Fischer in der algerischen Ortschaft Adrar eine ganze Woche lang auf ein zweites Fahrzeug. Dann tauchte ein weisser VW Käfer auf mit zwei Deutschen. In Sichtdistanz galt es ohne Allradantrieb die Piste durch die Wüste zu finden. Am Anfang hatte es noch eine Wellblechpiste. «In der ersten Stunde waren wir sachte mit 20 km/h unterwegs.

Doch vor uns lagen 4300 Kilometer Wüste und Pisten, also beschleunigten wir auf 80 km/h», erinnert sich Lorenz Stäger und schmunzelt. Auf der Michelin-Karte entspricht ein Zentimeter einer Distanz von 40 Kilometern. Als Orientierungshilfe hatten die Europäer später nur noch die Balises, Pfosten, die ursprünglich für die Flugzeugpiloten alle 10 Kilometer gesetzt worden waren.

Mehrmals blieb eines der beiden Fahrzeuge im Sand stecken. Dann mussten die Abenteurer zuerst das Auto freischaufeln. Um wieder rauszukommen, funktionierten die Gummimatten und das Drahtgeflecht nur in Kombination. Das aufgeklappte Feldbett neben dem Mercedes diente als Nachtlager. Begegnungen gab es an Grenzposten, mit dem Militär oder auch mit Tuareg auf Kamelen.

Grosse Überraschung in Togo

Kaum hatten die Studenten die Sahara durchquert, erfuhren sie vom Umsturz in Ghana. Die Einreise war nicht mehr möglich. Also entschieden sie, stattdessen durch Togo zu fahren. Wie sie nun den Kollegen, den sie in Ghana treffen wollten, finden sollten, war ihnen ein Rätsel. In Lomé parkierten sie den Mercedes mit dem Aargauer Kontrollschild vor einer Bar und gönnten sich beim Portugiesen ein Bier. Plötzlich sagte jemand: «Hoi zäme!» Vor ihnen stand der Kollege, den sie abholen wollten.

Fortan ging die Reise zu dritt im Mercedes auf den beiden Vordersitzen weiter. Hinten befand sich ja anstelle des Rücksitzes der grosse Benzintank. «Wir wollten vor der Rückreise unbedingt noch den 4000 Meter hohen Mount Kamerun bezwingen, hatten aber keine Bergausrüstung dabei», erzählt Stäger. Auch in Tierreservate wagten sich die Männer mit ihrem Mercedes. Im hohen Elefantengras stiessen sie auf eine Löwin, die sich wild fauchend vor dem Auto zurückzog. In der Sahelzone erlebte das Trio, wie die Nomaden aus grosser Tiefe mit Seilen Wasser schöpfen.

Hitze und Probleme mit dem Auto

Die immer grössere Hitze machte einerseits dem Mercedes zu schaffen, dessen Temperaturanzeiger sich konstant im roten Bereich bewegte, und andererseits den Reisenden, die sich zwischen 10 und 16 Uhr nur noch im Schatten ausruhten. In Niger gab es kurz vor der Regenzeit grössere Probleme mit dem Auto. Der Motor heulte, bei der Hinterachse tropfte Öl hinunter, und die Handbremse war auch schon längere Zeit kaputt. «Was nun?», fragten sich die drei Männer.

Sie hatten die Wahl: Entweder 800 Kilometer zurückfahren und das Auto reparieren lassen oder versuchen, auf dem direkten Weg 3400 Kilometer an die algerische Nordküste weiterzureisen. Der Entscheid fiel einstimmig zugunsten der Weiterfahrt. Diesmal wurden sie in der Wüste von einem deutschen Ehepaar in einem Renault begleitet. Die 400 Kilometer über das Tademait-Plateau mit seinen schwarzen Steinen kurz vor der asphaltierten Strasse setzte dem Mercedes weiter zu.

Beinahe Streit wegen Fruchtsalat

Die Reisenden träumten von Asphalt und kühlem Wetter. Das Trinkwasser war so heiss wie die Temperatur im Auto, erreichte also gut 45 Grad. Von Spaghetti, Suppe und Zwieback hatte das Trio langsam genug. Nach dem Öffnen der letzten Dose Fruchtsalat kam es beinahe zum Streit. «Wir waren uns nicht einig, ob alle gleich viele Fruchtstückchen hatten», so Stäger.
Der Garagist, der sich in der algerischen Küstenstadt Oran des Mercedes annahm, riet den Schweizern, nicht über Spanien heimzufahren.

Stattdessen sollten sie in Algier die Fähre nach Marseille nehmen. Gesagt, getan. Ohne Handbremse, mit rinnendem Kühler und kaputtem Anlasser ging es weiter über die Route Napoléon in die Schweiz. Als sie den Kollegen in Baden abgeladen hatten, bemängelte ein Polizist, dass der Mercedes auf den Pneus nicht mehr genügend Profil habe. «Wir kommen gerade von einer dreimonatigen Reise durch Afrika zurück», erklärte Stäger. Der Polizist erlaubte ihm dann, nach Wohlen heimzufahren. Zwei Stunden nach der Ankunft war der Reifen platt.

Pro Person haben Stäger und Fischer für diese Reise je zirka 4000 Franken ausgegeben. Die anschliessende Autoreparatur beim Garagisten in Villmergen kostete 1000 Franken, mit 60 Ersatzteilpositionen. Stäger hat die Rechnung aufbewahrt, ebenso das Armaturenbrett, als er sich später vom Mercedes trennen musste. «Erst kürzlich habe ich Anton Meyer, den Garagisten, wiedergesehen. Er hat nicht vergessen, wie viel Sand er vor
50 Jahren aus meinem Auto holte», sagt Stäger und faltet die Afrika-Karte zusammen.

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